Wer einmal die sehr einseitige und dekontextualisierende Mao-Biographie von Jung Chang und Jon Halliday gelesen hat, der weiß, wie grandios der Versuch, den Aufstieg und die Herrschaftsmethoden eines Diktators zu beschreiben, scheitern kann, denn in dem Bemühen, den Mythos Mao der Linken zu demontieren, haben Chang und Halliday einen ebenso holzschnittartigen, auf tönernen Füßen stehenden Popanz aufgebaut.
Dementsprechend skeptisch bin ich auch an das Heft Nr. 51 der Reihe GEO-Epoche herangegangen, auf dessen Titelblatt ein zeitgenössisches Propagandaplakat prangt. Immerhin rückt der Titel „Das China des Mao Zedong“ nicht die Person des Diktators, sondern das Land selbst in den Vordergrund, wenn im Untertitel auch die Lebensdaten Maos als Bezugsgröße angegeben sind. Allerdings wurde ich positiv überrascht, denn insgesamt vermittelt das vorliegende Heft einen ausgewogenen Überblick über den Werdegang des kommunistischen Chinas. So wird das Heft eingeleitet von einem ausführlichen Bericht, in dem Johannes Schneider die Vorgeschichte und den Verlauf der chinesischen Revolution von 1911/12, in deren Verlauf das alte Kaiserhaus von Sun Yatsen gestürzt wurde, nachzeichnet. Schneider läßt in seiner Darstellung deutlich werden, warum das postrevolutionäre China ein schwacher, für weitere innere Veränderung zugänglicher Staat war.
Ralf Berhorst behandelt in dem Artikel „Der Rote Bandit“ im Zusammenhang mit der Gründung der Kommunistischen Partei in China auch die Jugendjahre Maos, wobei er zum einen Wert auf die Feststellung legt, daß Mao bereits zu dieser Zeit Grausamkeit an den Tag legte, wenn er glaubte, damit den Zwecken der KP zu dienen. Andererseits zeichnet er auch das Bild eines lesewütigen und ernsthaften jungen Mannes.
Der „Lange Marsch“ 1934/35, der als identitätsstiftender Mythos und als Rechtfertigung für Leiden und Entbehrung bei den chinesischen Kommunisten galt (und vielleicht noch gilt), wird in dem Artikel von Ulrike Rückert und Joachim Telgenbüscher als mehr oder minder ungeplante „Flucht durch die Berge“ und als eine Möglichkeit Maos entlarvt, den Grundstein zu seiner späteren Macht zu legen.
Auch andere „Meilensteine“ des chinesischen Kommunismus, wie etwa der so fatale „Große Sprung nach vorn“ oder die sogenannte „Kulturrevolution“, werden in ausführlichen Aufsätzen behandelt. Die Autoren verschweigen dabei keinesfalls das gewissenlose Machtkalkül Maos, der etwa die „Kulturrevolution“ mit ihren vielen Tausenden an Opfern bewußt herbeigeführt hat, um seine ins Wanken geratene Machtposition innerhalb der KP zu festigen. Allerdings wird Mao dabei nicht als schauerlicher Unhold, sondern als von politischen Umständen beeinflußter Machtmensch dargestellt. Außerdem versäumen es die Beiträge in dem Heft nicht, auch auf die Opfer, die der Weiße Terror seitens der Guomindang und die Barbarei der Japaner dem chinesischen Volk abverlangt haben, einzugehen. So erscheint die Grausamkeit eines Mao zwar nicht relativiert oder gar aufgerechnet – wer wollte auch solch einen Eindruck erwecken! –, aber immerhin in einen historischen Kontext eingebettet. An der moralischen Schuld Maos und an seiner mangelnden Eignung als politisches Vorbild oder gar ideologischer Visionär vermag eine solche ausgewogene Darstellung denn auch keinen Zweifel zu erwecken – noch möchte sie dies wahrscheinlich auch tun.
Besonders erhellend liest sich denn auch der letzte, von Cay Rademacher verfaßte Artikel „Sturm über Beijing“, in dem es um die blutige Niederschlagung der Studentenproteste im Jahre 1989 geht. Rademacher sieht die rigorose Gewaltanwendung der kommunistischen Kader als indirektes Erbe Maos insofern als das Aufbegehren der Studenten in den alten Funktionären unselige Erinnerungen an die „Kulturrevolution“ wachgerufen habe.
Nach der Lektüre dieses Heftes blieb in mir die Frage zurück, warum die Vertreter der westlichen Demokratien heute kein Problem mehr damit haben, sich mit den Repräsentanten einer derart autokratischen Partei zu arrangieren. „Politik ist die Kunst des Möglichen“, würden sie wohl sagen – aber damit wären wir schon beim GEO-Heft Nr. 52.