Sorry, aber nach knapp 200 Seiten musste ich dann doch abbrechen. Das Buch bietet an sich wirklich einige gute und wertvolle sowie interessante Ansätze, aber ich kann einfach nicht mehr Texte lesen, die sich positiv zur Prostitution äußern und darin irgendetwas “Befreiendes” sehen.
“Seit Langem werden Frauen, die bewusst viel Sex mit Männern haben wollen, für «verrückt» oder physisch krank erklärt, was ironischerweise zu dem ketzerischen Gedanken führt, dass keine vernünftige Person sich freiwillig auf so viel Penetration einlassen würde. Es ist kein Zufall, dass diese Diagnose nur Frauen gestellt wird. Und es ist kein Zufall, dass die meistverbreiteten Beleidigungen für Frauen «Nutte» und «Hure» sind, also Frauen, die oft penetriert werden (und sich dafür bezahlen lassen). Sexarbeiter*innen und Männer, die sich von anderen Männern penetrieren lassen, werden als abweichend dargestellt und bestraft- denn Penetration soll erduldet werden, nicht gewollt sein. Die männliche Sexualität muss gefährlich, bedrohlich, gewalttätig und monströs bleiben, schreibt Virginia Despentes, und die Kriminalisierung der Sexarbeit erfüllt diese wichtige Funktion.”
Nach diesem Bullshit-Absatz hab ich dann das Buch in die Ecke geknallt. Was soll das, ernsthaft?
Da schreibt jemand ein Buch über die Einschränkungen, die Frauen durch Ehe und Patriarchat ertragen müssen, aber sieht die Kriminalisierung von Prostitution als etwas total Negatives an? Geht’s eigentlich noch? Die ganze Zeit geht es in dem Buch richtigerweise um ein System, das Frauen seit Jahrhunderten unterdrückt, und dann wird DAS System befürwortet, das als Paradebeispiel dessen dient? Das ist so absurd, mir fehlen wirklich die Worte.
Deshalb hier nochmal eine kleine Erinnerung: Frauen lassen sich nicht für Sex bezahlen. 95% der Menschen, die sich prostituieren (und das sind fast ausschließlich Frauen), tun das nicht freiwillig. Von ihren “Einnahmen” müssen sie sich nicht nur selbst, sondern auch und vor allem ihren Zuhälter, Bordelle und Zimmer bezahlen, und zwar nicht monatlich, sondern meistens täglich. Sie müssen also zahlen, um sich überhaupt zu prostituieren. Dass das paradox ist, sollte klar sein. Ein “Beruf”, der also in 95% der Fälle weder freiwillig ausgeführt wird, noch finanziell für Freiheit sorgen kann, weil die Menschen, die ihm nachgehen systematisch ausgebeutet werden und am abhängigsten von allem im System, das sich Patriarchat nennt sind, als “befreiend” oder in irgendeiner Form als selbstbestimmt zu deklarieren ist somit nicht nur falsch, sondern auch frauenfeindlich. Dass diejenigen, die sich prostituieren nicht bestraft werden sollten, weil sie es wie gesagt in 95% der Fälle nicht freiwillig tun und keinen Ausweg aus diesem System finden, sollte klar sein. Prostitution aber dann als etwas feministisches zu framen und damit auch Freier und Zuhälter zu schützen, die sich tagtäglich an Prostituierten vergehen, sie ausbeuten, vergewaltigen und diffamieren, ist weder feministisch, noch kritisiert das in irgendeiner Art und Weise das Patriarchat. Im Gegenteil, es schützt und unterstützt die ungleichen Machtverhältnisse sogar.