Wege aus der kollektiven Erschöpfung18-Stunden-Tage, Dauererreichbarkeit, keine Zeit für Familie oder die eigene Zehn Jahre lang sah so Antje Kapeks Alltag als Politikerin aus – bis es ihr reichte. Der Preis war zu hoch. Auch ein Großteil der Bevölkerung leidet unter Erschöpfung und fordert mehr Zeit für Selbstfürsorge. Doch wie sollen völlig übermüdete Politiker*innen, die selbst keine Zeit für Lebensqualität haben, bessere Bedingungen für alle schaffen? Erschöpfte Regierungen treffen keine guten Entscheidungen – und das betrifft uns alle, warnt Kapek. Klug knüpft sie Verbindungen zwischen politischem Leistungsdenken, starren Machtstrukturen und sozialen Missständen.
Ein klares Nein zur Selbstausbeutung und ein starkes Plädoyer dafür, gesellschaftlich neue Wege zu gehen.
»Erschöpfung kennen alle Menschen. Antje Kapek legt nicht nur den Finger in die Wunde – sie zeigt auch Wege aus der Krise auf.« Lisa Paus, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bündnis 90/Die Grünen
In “Macht und Müdigkeit” (2023) schreibt die Grünen-Politikerin Antje Kapek über Politik. Laut Klappentext geht es um ihren Ausstieg aus dem zermürbenden Politikbetrieb, in dem sie ständig erreichbar und erschöpft von 18-Stunden-Tagen war. Indem Politiker*innen ihre grundmenschlichen Bedürfnisse - Essen, Schlafen, aber auch soziale Kontakte - hinten anstellen, leiden nicht nur ihre Energie und mentale Gesundheit, sondern auch ihre Empathiefähigkeit. Es kann nicht im Sinne guter politischer Entscheidungen sein, wenn diese strukturell von erschöpften Menschen unter permanentem Zeitdruck getroffen werden.
Kapek zieht eine Parallele zwischen der Politik und den Arbeitsbedingungen insgesamt. Immer mehr Menschen empfinden Zeitmangel und versuchen, diesen durch ein besseres individuelles Zeitmanagement zu lösen. Stattdessen bedürfte es eines Systemwandels. Doch wer erschöpft ist, hat keine Energie für politische Aktionen. Kapeks Gedanke, dass sich in der Politik besonders zeigt, was für die Arbeitswelt insgesamt gilt, hat mich nicht vollständig überzeugt. Etwa zitiert sie Hartmut Rosa, der den Zeitmangel aber gerade nicht mit einer höheren Zahl an Erwerbsarbeitsstunden erklärt, sondern damit, dass wir zunehmend auch Freizeitaktivitäten als Selbstoptimierung und damit als stressig empfinden. Dieser Gedanke passt aber offensichtlich nicht zu dem Politikbetrieb, wie Kapek ihn skizziert.
Kapeks Kritik an den Arbeitsbedingungen in der Politik bietet nur den Einstieg in eine Diskussion allgemeiner politischer Themen. Titel und Klappentext sind daher etwas irreführend. In einem Rundumschlag geht es etwa um die Vermögens- und Erbschaftssteuer, ein bedingungsloses Grundeinkommen oder Quotenregelungen. Kapeks Positionen dazu finde ich fast durchweg sinnvoll und ich glaube, dass sie ehrlich an einer sozialeren, intersektional feministisch orientierten Politik interessiert ist. Allerdings lesen sich die Ausführungen in weiten Teilen wie ein allgemeines politisches Absichtsprogramm. Ich hätte mir erhofft, dass sie konkreter beschreibt, wie sich die allgemeinen strukturellen Probleme - die in anderen Büchern viel detaillierter beschrieben sind - speziell im Politikbetrieb zeigen.
Interessante Idee und guter Ansatz. Aber letztlich bleibt es eine Sammlung von in der politischen Linken etablierter Gemeinplätze, die leider wenig konkret, wenig durchdacht und ohne erkennbares System aneinandergereiht werden. Das trifft vor allem auf Teile von "Teil 3 Revolte statt Revolution" zu. Chancengleichheit schön und gut, aber nicht alle Kinder sind gleich befähigt. Zuwanderung von Fachkräften schön und gut, aber eine Architektin oder ein Betriebsleiter aus Subsahara-Afrika oder der Ukraine ist - so (nicht nur) meine Erfahrung - eben nicht immer ebenbürtig dem in Deutschland/Mitteleuropa ausgebildeten Personal. Dass sie deshalb nicht gleich putzen gehen müssen: ok. Aber Naivität und Gutmenschentum sind keine Konzepte - was aber genau das wäre, was ich von einer (ehemaligen) Berufspolitikerin erwarten würde. Also eine teilweise Empfehlung und das Prädikat "Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet."