dieses buch verlangt geduld & genauigkeit.
es ist ist kein text, den man „versteht“, indem man ihn schnell liest oder zusammenfasst. ganz im gegenteil! je mehr man versucht, ihn vorschnell zu deuten, desto mehr entzieht er sich einem. ich habe gemerkt, dass ich immer wieder an einzelnen passagen hängen geblieben bin, irritiert war, teilweise widersprochen habe, nach „alltagsbeispielen“ gesucht habe, viele fragezeichen hatte & ich glaube, genau da liegt der wert.
a. gruen zwingt dazu, gewohnte denkmuster zu hinterfragen: geschlechterverhältnisse, macht, mutterkindbindung, soziale ordnung und struktur der gesellschaft, moral, autonomie (ich glaube nun kenne ich auch den echten begriff dieses wortes) menschlichkeit, vergangenheit, reizabhängigkeit etc. vieles klingt zuerst kontraintuitiv & provokativ. erst im langsamen lesen wird klar, dass es nicht um moralisches positionieren geht, sondern um innere prozesse: um selbstkontakt, um spaltung, um anpassung und um die frage, wann menschlichkeit verloren geht, gerade dort, wo sie moralisch begründet wird.
vor allem eindrücklich fand ich, wie humor, reizüberflutung, anpassung, vergangenheit etc. nicht vor allem psychologisch, sondern existenziell erklärt werden.
das buch fordert präzises lesen, differenzieren & vor allem aushalten/durchhalten vom „nichtverstehen / nicht einordnen“.
es ist definitiv kein leichtes & kein tröstliches buch.
aber eines, das die eigene denkweise erweitert, wenn man bereit ist, langsamer zu werden und wirklich hinzusehen. :)
was mich etwas irritiert hat, sind zwei punkte:
1. er wiederholt mMn seine zentrale these relativ oft
2. das buch vermittelt kein wirkliches „wie“.
wenn gesellschaft, normen und strukturen so deutlich kritisiert werden, hätte ich mir zumindest einen möglichen weg gewünscht, auch wenn dieser subjektiv oder erfahrungsbasiert ist (ich bin mir bewusst, dass es keine „erfolgsrezept“ gibt). aber teilweise erinnert es an kritik ohne konkrete verbesserungsvorschläge.
aber trotzdem ein 5 sterne buch!