Volha Hapeyeva durchstreift in "Trapezherz" Sprachen und Länder, Zeiten und Planeten. In diesem Band vereint sie Wehmut und Liebe, Verspieltes und Ironisches, Momentaufnahmen und Philosophisches, Körperlichkeit und Sinneseindrücke sowie Einsamkeit, Heimat und Nomadentum.
Herzen springen und stürzen; ein Mantel sucht jene Frau, die er bekleiden soll; wie geht es Schuhkartons, die ihren ursprünglichen Zweck erfüllt haben? Wie stellt es jemand an, im eigenen Koffer auf die Reise geschickt zu werden? Was sagt eine Variation von Nudelgerichten über den Tag des lyrischen Ichs aus? Das Trapezherz schlägt sanft und sensibel, leise und laut, einfühlsam und wütend, komisch und ernst. Die Bandbreite dieses Buches könnte nicht größer sein, im Wechselspiel bilden die Gedichte alle Facetten unserer Lebenswirklichkeit ab.
Zweifellos zählt Volha Hapeyeva zu den wichtigsten Stimmen zeitgenössischer belarusischer Literatur. Ihre Texte sind aktuell und zeitlos, poetisch und politisch.
2022 hat mich Volha Hapeyevas Wortmeldeschrift "Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils" schwer begeistert. Ein Essay über die Macht der Sprache und wie wichtig es ist, mit ihr klug und behutsam umzugehen. Deshalb war ich sehr gespannt auf ihren bei Droschl neu erschienen Gedichtband "Trapezherz". Die Themen der Gedichte finde ich schwierig, unter einige wenige Schlagwörter zu fassen. So vielschichtig und vielseitig ist ihre Lyrik, die zwanzig Jahre ihres Schaffens umspannt.
Es geht um den Großvater und die Gesprächen, die sie miteinander führten. Um Frauen- und Kinderkörper, die dem Bodyshaming ausgeliefert sind und Identitätsfindung, um das ungewollte Kind und Abtreibung, dann wieder um die Kleider von Marie Antoinette und ihre Hinrichtung. Großartig fand ich auch das politische Gedicht "schwierige arithmetik", in dem Hapeyeva dem NS-Regime und der DDR Diktatur, das autoritären Regime in Belarus gegenüberstellt. Manche Gedichte zeigen eine außergewöhnliche Perspektive, wirken verspielt und doch poetisch, so handelt eines von einem alten Mantel, der bei Tee und Keksen auf eine Frau wartet, die ihn trägt. Ein anderes von der Karriere des Schuhkartons, die schnell beendet ist und der schließlich zur Aufbewahrung von Krimskrams dient oder als Sarg für Haustiere. Wie ein Mahnmal wirkt "oft vergessen wir zu atmen" auf mich. Es geht um Zeit und dass wir durch den Tag hetzen, noch im Gestern oder schon im Morgen und vor lauter Erledigungen das im Jetzt-leben vergessen.
So bunt und verschieden wie der Inhalt, zeigen sich die Gedichte auch in ihrer äußeren Form. Mal bestimmt sie den Inhalt, mal sind sie schlicht linksbündig. Kurz oder lang, reimend und sich nicht reimend, enthalten französische oder spanische Worte, aber doch haben sie alle eines gemeinsam:
Atmosphärisch und berührend eröffnen Hapeyevas Gedichte Sprachspielräume, in denen ihr einfühlsamer, ja fast "zärtlicher" Umgang mit Worten beeindruckt!
Aus dem Belarusischen von Matthias Göritz
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Diesen Sommer Habe ich acht kleine Fliegen gerettet Einen Schmetterling und drei Käfer
Über Menschen kann ich nichts sagen
Ihre Rettung fällt schwer
Trink, kindchen trink
Rainfarn Salbei Klee Lorbeer Wilder rosmarin
Trink, kindchen, trink
Milch mit kod Rizinusöl mit orangensaft hörst du mich nicht? Bis du vom chinin schon taub geworden?
Bist nicht die erste nicht die letzte
Danke, meine gute, für antwort auf die nicht gestellt frage Diese bewährungsprobe ist schlimmer Als verletzt zu werdem Könnte mein leben lähmen Ich hab mir geld geliehen und wertsachen dabei Und ging auf die suche Nach einem guten onkel oder einer guten tante
Trink, kindchen, trink
Glaub nicht, dass ich verrückt bin Ich hatte einfach keine wahl Der arzt ist in der stadt Kein geld da, um dorthin zu fahren Niemand, der bei der kleinen bleibt Der mann immer auf arbeit Und die kredite
Trink, kindchen, trink Verurteilen kann jeder Doch wenn du selbst an diesem abgrund stehst Verstehst du andere Ich wollt es nicht, doch alle waren dagegen Ich hatte gehofft, ich könnte es irgendwann lieben Doch nein – ich weine jeden tag
Trink, kindchen, trink
Oder wie vor hundert jahren: Spring vom tisch, schnür dich so fest du kannst Iss etwas schießpulver Oder zerstoßenen bernstein Oder phosphor Damit der arzt dann später schreibt Dass von den ihm 13 bekannten fällen alle 13 Starben
Pflanz in dich zwiebeln ein Lass feigen und philodendren in deinem inneren wachsen Stoß dich mit einem rosshaar, ästen, eisenstangen Erinnerst du dich, wie es in der gaskammer war – schwupps Kam alles raus Wie in der badewanne, wenn es unerträglich wird Im kochend heißen wasser sitzen Doch sie sitzt trotzdem drin Denn Scham und angst sind immer da Reden auf sie ein, sie soll geduldig sein Bieten ihr tausend möglichkeiten 999 davon sind mit dem leben vereinbar Doch mit der würde sind sie vereinbar Erfunden von der gleichen Angst und scham