„Eine Geschichte der Menschen mit Behinderung. Dis/abled in der Antike“ von Robert Ralf Keintzel erweitert das bereits erschienene Werk „…Dis/abled in 500–1620“ um eine noch frühere Perspektive auf die Menschheitsgeschichte. Auch diesem Band liegt eine unglaublich umfangreiche Recherche zugrunde, die vor allem angesichts der schwierigen Quellenausgangslage beeindruckend ist. Beide Bücher bieten tiefgehende Einblicke in die gesellschaftliche Wahrnehmung, medizinische Behandlung und die sozialen Hierarchien von Menschen mit Behinderungen in den jeweiligen Epochen.
Die Leser:innen herhalten einen detaillierten Einblick in die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen der Antike, sowie deren medizinischen Kenntnisse in der Antike. Einige Punkte sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. So wird beispielsweise die hochwertige Behandlung von Depressionen beschrieben, die damals praktiziert wurde und sich durchaus mit der modernen Medizin messen kann. „Die Zahl pränataler Schädigungen wie Genmutationen, Stoffwechselerkrankungen oder Erbkrankheiten war damals niedriger als heute, da genetisch bedingte Beeinträchtigungen aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate nicht weitergegeben werden konnten.“ Diese Aussage blieb bei mir hänge – eigentlich recht logisch, aber so habe ich noch nie über die Thematik nachgedacht. Ich finde es besonders spannend, da ich mich selbst Anfang des Jahres ein bisschen intensiver mit der Weitergabe genetischer Beeinträchtigungen beschäftigt habe, da in meiner Familie eine solche existiert (und mehrfach weitergegeben wurde).
Interessant und erschütternd zugleich ist der Abschnitt, der die Menschenopfer an Personen mit Beeinträchtigungen, insbesondere Kindern, sowie die Tötung von Babys mit Behinderungen (und die rechtliche Ausgangslage) betrifft.
Die Informationsdichte über die Antike ist ebenso hoch wie im Band über den Zeitraum 500–1620. Beide Werke setzen eine gewisse Vertrautheit mit wissenschaftlichen Texten voraus. Die größte Herausforderung sehe ich darin, dass das Buch sowohl als Sachbuch für eine breitere Öffentlichkeit als auch als Fachtext verstanden werden möchte. Diese Doppelrolle ist zwar bewundernswert, aber aufgrund der unterschiedlichen Zielgruppen auch schwer zu erfüllen. Dennoch wünsche ich dem Autor viel Erfolg bei der Verlagssuche und bin gespannt, worauf es hinauslaufen wird.
Abschließend bleibt zu sagen, dass wie schon bei „…Dis/abled in 500–1620“ auch „Dis/abled in der Antike“ einen bedeutenden Beitrag zur Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen, vor allem in der (Medizin)Geschichte leistet. Ich kann eigentlich an dieser Stelle nur meinen Satz aus der Rezension zu „… Dis/abled in 50-1620“ wiederholen: die Bücher zeigen, dass Menschen mit Behinderung schon immer da waren, sind und sein werden.