»Einen Tag vor ihrem Tod rief mich Simone an. Das weiß ich genau, denn ich hatte keine Zeit.«
Berlin, Mitte der achtziger Jahre. Zwei junge Frauen feiern, tanzen, reisen, verlieben sich – und werden im Osten der Stadt erwachsen. Dann fällt die Mauer, und das Leben der Freundinnen verändert sich in rasender Geschwindigkeit. Simone wird zur Weltenbummlerin, Anja gründet eine Familie und arbeitet als Journalistin. Sie treiben auseinander und verlieren sich doch nicht. Bis zu dem Tag, an dem Simone für immer geht und Anja zurückbleibt. Wer war Simone? Und warum hat sie sich das Leben genommen?
Auf der Suche nach Antworten unternimmt die Autorin eine Reise zurück in das Leben der Freundin und in ihr eigenes. Sie spricht mit Angehörigen, Freunden und Experten, liest Briefe, Tagebücher und Dokumente – und macht daraus bewegende Literatur.
[TW Suizid] “Einen Tag vor ihrem Tod rief Simone mich noch einmal an. Das weiß ich genau, denn ich hatte keine Zeit.” (S. 5). Simone begeht Suizid, iIhre Freundin Anja plagen die typischen Zurückgeblieben/Überlebenden-Schuldgefühle. Erst über zwanzig Jahre nach Simones Tod findet sie die Kraft, sich damit auseinander zu setzen und macht sich auf Spurensuche in Simones Leben. Welche Faktoren spielten eine Rolle in Simones Tod? Ihre Herkunft, ihre Beziehung zu ihren Eltern, ihre Affären, die DDR als System und dessen Wegbrechen, welche Rolle spielten eine Abtreibung und ihre Freundschaften, beispielsweise zu ihr, Anja?
Anja Reich trifft alte Freund*innen von Simone, ihre Eltern, Lover und Psycholog*innen, um den Tod ihrer Freundin zu verstehen. Sie geht dabei mit dem Leben der Toten (und den anderen Zurückgebliebenen!) sehr respektvoll um und erzählt dabei so zärtlich von Simone, dass ich mehr als einmal Tränen in den Augen hatte. “Simone” hat mich von der ersten Seite an komplett in seinen Bann gezogen und mir wiedereinmal gezeigt, dass ich solche Bücher einfach generell sehr gerne lese und wie viel Interesse und Mitgefühl man mit einer Person haben kann, die man nicht kannte. Im letzten Drittel gab es ein paar Wiederholungen, die mir beim lesen aufgefallen sind, aber ansonsten war es für mich ein perfektes Buch, das mich sehr berührt hat und auch noch bestimmt lange nachhallen wird. Jahreshighlight for sure!
»Einen Tag vor ihrem Tod rief mich Simone noch einmal an. Das weiß ich genau, denn ich hatte keine Zeit.« (S. 5)
Anja Reich hatte mich schon mit ihrem ersten Satz.
Im Oktober 1996 hatte sich Anjas Freundin Simone umgebracht. Einen Tag vorher rief Simone an. Doch Anja hatte keine Zeit, dachte sich nichts dabei. Und dann war es zu spät. Die Jahre vergingen, aber Simones Tod ließ Anja nicht los. Nach zehn Jahren möchte Anja schließlich Antworten suchen. Sie möchte die Hintergründe von Simones Entscheidung verstehen und herausfinden, ob der Tod hätte verhindert werden können.
Die Berliner Journalistin und Autorin Anja Reich begann zu schreiben und veröffentlichte schließlich nach über zwanzig Jahren das Buch »Simone«, in dem sie autobiografisch den Selbstmord ihrer Freundin verarbeitet.
Anja begibt sich auf Spurensuche. Sie erinnert sich an ihre gemeinsame Jugend in der DDR und führt Gespräche mit Simones Familie, Freunden und Ex-Partnern. Sie studiert alte Fotos und Tagebücher – und lernt völlig neue Facetten an ihrer Freundin kennen. Chronologisch porträtiert Reich die Familiengeschichte Simones, ihre Herkunft und Sozialisation. Sie beleuchtet Simones Leben von ihrer Kindheit bis zum tragischen Ende. Im Säuglingsalter wurde sie für mehrere Monate in einer Wochenkrippe untergebracht damit ihre Eltern arbeiten konnten. Schon seit Kindesalter stand Simone unter Leistungsdruck, wollte den Erwartungen ihrer Eltern gerecht werden. Im Laufe ihrer Recherche entdeckte Anja auch Hinweise auf Depressionen und einer möglichen Borderline-Erkrankung. Dann der Mauerfall. Der Systemwechsel brachte zwar neue Möglichkeiten, aber auch Unsicherheiten und Strukturlosigkeit mit sich.
Wie bei einem Puzzle setzt Reich die Einzelteile von Simones Leben zusammen. Absolut beeindruckend recherchiert und erzählt. Mir hat das Buch sehr gefallen! Insbesondere die respektvolle Herangehensweise Reichs sowie die kritische Einordnung in damalige gesellschaftliche und politische Kontexte. Ein reflektiertes und ergreifendes Buch, das mich auch danach noch lange Zeit beschäftigt hat.
Ich kann gar nicht rekonstruieren, warum ich das gelesen habe, es ist eigentlich kein Buchkonzept, das mich interessiert und ich habe mehr aus Pflichtgefühl damit angefangen, als ich in der Libby-Warteliste damit dran war. Dann fand ich aber sofort alles gut, ohne dass ich das begründen könnte, und gegen Ende hin mochte ich es immer noch mehr.
Ursprünglich wollte ich das nur für mein Buchclub Bingo lesen (AutorIn mit dem selben Namen) und war am Ende doch überraschend stark bewegt. Das Thema selbst ist natürlich maximal bedrückend. Am Anfang kam mir die Darstellung der Inhalte, die weniger eine zusammenhängende Geschichte denn einzelne Berichte aufweist, irgendwie ungeeignet bzw schlecht fließend vor und hatte schon diverse gefühlte Längen, aber wenn ich so drüber nachdenke, merke ich, wie gut das den eigentlichen Zustand von Hinterbliebenen widerspiegelt (das Thema selbst taucht in meiner eigenen Familiengeschichte auch auf). Man fühlt sich irgendwie verloren, kann sich keinen Reim auf das Geschehene machen, versucht aber dennoch auch noch den allerkleinsten Hinweis zu finden, um sich selbst eine Erklärung zusammenzuschustern. Und genau so hat sich dieser Roman gelesen. Vor allem das Ende und die Erkenntnis der Autorin, warum sie diese Geschichte überhaupt schreibt, hat mich nochmal sehr stark gerührt und einiges in mir wachgerüttelt, was ich heutzutage vielleicht auch endlich besser verarbeiten kann.
„Warum machst du das? Hat mich Miriam,Simones Cousine, gefragt, als ich sie in Prag besuchte. Weil ich wissen will, was passiert ist, habe ich gesagt.“ „Na, das wird ja vielleicht ein Familienroman. Sagt Simones Mutter.“
Das wurde es leider nicht. Es ist kaum ein Roman, eher ein Bericht, eine ausufernde Reportage, bei der ich mehr als einmal dachte, warum, wozu. Um der Wahrheit auf den Grund zu gehen? Das lässt sich kaum erreichen, weil jeder dazu eine eigene Wahrheit hat. Das Ergebnis ist dann auch eher nüchtern. Die Titelgestalt Simone litt unter depressiven Phasen und entschied sich nicht auf ihre Ärztin zu hören, keine Therapie zu machen und die empfohlenen Medikamente abzusetzen. All die Recherche über einen 20 Jahre zurückliegenden Selbstmord, all die angedeuteten oder ausgesprochenen Ursachen oder Schuldandeutungen ließen mich eher abgestoßen als mitfühlend zurück. Simone war mir im Verlauf immer unsympathischer und zum Ende hin kam immer mehr die Frage auf, warum das Ganze? Also, für mich nicht das richtige Buch und auf jeden Fall die falsche Form.
„‚Wo gehöre ich hin?‘, hat Simone in ihr Tagebuch geschrieben, im Herbst 1989, als ihr Leben noch einmal neu anfing. Es ist, glaube ich, die Frage, die am Ende darüber entscheidet, wie wir es aushalten, unser Leben. Ob wir eine Antwort darauf finden.“ (Seite 317)
Ein einfühlsamer, brillianter Roman, den ich gerne und oft unter Tränen gelesen habe. Danke, dass ich Simone auf ihrer Lebensreise begleiten durfte.
3.6 ⭐️ das buch lebt hauptsächlich durch die erklärung von DDR-verhältnissen und psychologischen tatsachen. gut, dass diese einiges ausmachen. der schreibstil ist nicht unangenehm aber zu informativ. ich finde das ganze konzept des buches etwas pervers, muss aber niemanden davon abhalten es deswegen zu lesen. insgesamt schafft das buch trotzdem interessant und gut lesbar zu sein.
Essay einer Journalistin der Berliner Zeitung. Die Autorin spürt ihrer Freundin nach, die sich umgebracht hat. Einen Tag vor ihrem Tod ein Anruf. Dann viele Jahre später die Suche nach Gründen: DDR, Familie, Männer, Freundinnen, Psychologen etc. Alles. Ein ganzes Leben. Und eben auch nicht. (Bin überhaupt nur darauf gekommen, weil Steffen Mau es in irgendeinem Podcast empfohlen hatte.)
„Je länger ich recherchiere, je mehr ich weiß, desto komplizierter wird es, die Wahrheit über meine Freundin herauszufinden. Da ist die Kindheit in der DDR, der Bruch in der Wendezeit, ihre Unfähigkeit, Beziehungen einzugehen, ihre Einsamkeit, eine unsichere Diagnose. Ich weiß, was passiert ist, und ich weiß nichts.“
Anja Reich rekonstruiert das Leben ihrer Freundin, um herauszufinden, was sie in den Selbstmord getrieben hat. Eine intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit, die sich liest wie ein Roman.
Kurzmeinung / Leseerlebnis Vielen Dank an Netgalley und den Aufbau Verlag für das kostenlose Leseexemplar. Hiermit befreie ich auch die Hardcover Ausgabe vom SuB. Eigentlich habe ich das Buch für eine gleichnamige Freundin gekauft. Als ich es aber aufschlug war ich sofort eingenommen. Es gab zwar zwischendurch Längen aber genauso war es zwischendurch besonders interessant, wenn es zum Beispiel um Statistiken und Forschung ging. Sicherlich nichts für jemanden der durch Suizid getriggert wird. Für alle anderen eine eher traurige aber dennoch interessante Lektüre, das auch die Umstände der deutschen Wiedervereinigung thematisiert. Tatsächlich überrascht war ich bei der Dankdsagung, denn mir war vorher nicht bewusst, dass die Geschichte auf Tatsachen beruht.
Ein Buch zum Mitfühlen. Mit Frauenschicksalen, Wendebiografien, Betroffenen von Suizid. Eine durchaus diskussionswürdige Mischung von Recherche, persönlicher Erfahrung, Erzählungen, die beim Schreiben sicher Schmerzen verursacht hat, die nachzufühlen es sich aber lohnt.
Warum ? Wenn ein Mensch Selbstmord begeht, hinterlässt er bei seinen Mitmenschen, vor allem bei denen, die ihn gut kannten viele Fragen und Schuldgefühle. In diesem Buch geht Anja 25 Jahre nach dem Freitod ihrer Freundin Simone diesen Fragen und Gefühlen nach. Sie will wissen, was Simone dazu gebracht hat sich das Leben zu nehmen und ob sie, Anja, das hätte verhindern können, wenn sie Wahnsignale erkannt hätte, ihr besser zugehört hätte, oder einfach für sie da gewesen wäre in einer Zeit, als Simone es gebraucht hätte.
Und warum 25 Jahre später ? Weil sie es vorher nicht konnte, es tat zu weh. In Gesprächen mit früheren Freunden, aber auch mit Simones Eltern entsteht ein Bild von Simone vor Anjas Augen, das ihr zum Teil fremd ist, ihr aber zeigt, wie zerrissen, verletzlich, aber auch einsam Simone war. Wie vermurkst ihre Kindheit und Jugend war, die ihr dann ihr späteres Leben sehr erschwert hat. Immer auf der Suche nach Liebe und Anerkennung.
Mich hat dieses Buch sehr berührt, zeigt es doch, dass wir auch wenn wir glauben einen Menschen zu erkennen, immer nur das zu sehen bekommen, was der Mensch bereit ist uns zu zeigen.Dass viele Menschen den Rucksack ihrer Kindheit mit sich herumtragen und er vielen einfach manchmal zu schwer wird. Ein Buch, das mir sicherlich lange in Erinnerung bleibt.
Sie beginnt, sich zu erinnern: an ihr erstes Kennenlernen, ihre gemeinsame Jugend, wie fröhlich sie waren im Osten Berlins, noch vor der Wende. Wie sie eigene Wege beschritten, erwachsen wurden unter dem Regime, denn: obwohl Simone nur ein halbes Jahr jünger war, hätten ihre Leben, hätten sie unterschiedlicher nicht sein können. Im Gespräch mit Simones Eltern, ihrem Bruder und Freundinnen, ihren Expartnern nähert sie sich den vielen Facetten ihrer Freundin, erhält Einblick in ihre Tagebücher, sichtet alte Fotos, und lernt Seiten von ihr kennen, die ihr bis dahin unbekannt waren. Und Anja beginnt zu schreiben. Mehr als zwanzig Jahre dauerte es, bis sie einen Punkt setzen und abschließen konnte, bis „Simone“ bei den Aufbau Verlagen erscheint. . Chronologisch, wie einem Countdown folgend, skizziert Anja Reich zunächst die Lebensumstände von Simones Eltern, ihre Herkunft und die Zeit ihrer Kindheit und Jugend bis hin zu ihrem schicksalsgetriebenen Aufeinandertreffen. Liebe auf Umwegen, Heirat, Kinder; doch so einfach war es nicht, damals. Häufig zogen sie um, waren Spielbälle des Systems, und doch lief letztlich alles zu ihren Gunsten. Simone stand schon früh unter Druck: Leistung und Erfolg, das zählte, es ihren Eltern recht zu machen, ein Leben gemäß ihren Erwartungen zu führen. Und sie wusste: Wenn etwas nicht gut lief, würden ihre Eltern es schon richten. Doch je näher Anja sich zeitlich ihrem Kennenlernen annähert, desto deutlicher fallen ihr bestimmte Verhaltensweisen auf – sowohl in Simones Tagebucheinträgen als auch im Gespräch mit Freund:innen und Angehörigen. . „Wer bin ich? So viele Ichs und ich bin immer noch auf der Suche.“ (S. 212) . Anja Reich beginnt, einen Schritt weiterzugehen, Psycholog:innen und Forscher:innen zu befragen, denn immer öfter begegnet ihr das Wort Depression, immer mehr fällt ihr auf, wie sprunghaft, impulsiv sie war, wie kurzlebig ihre Beziehungen, wie enorm ihre Eifersucht. Und: wie fröhlich sie war, damals, im Osten. Bis die Mauer fiel und mit ihr das System, das sie bis dahin „pseudostabilisiert“ zu haben scheint (vgl. S. 250), ebenso wie die Strenge ihrer Eltern. All die neuen Möglichkeiten, die der Systemwechsel plötzlich bot, sie nahmen ihr die Ordnung und Struktur, die Simone gebraucht hätte; Wesenszüge einer Borderline-Erkrankung. . „Einer gibt dem anderen die Schuld, denke ich. Die Eltern den Freunden. Die Freunde den Eltern. Wir brauchen einen Sündenbock, einen Grund, eine Erklärung, versuchen zu verstehen, was wir nicht verstehen können, um selbst weiterleben zu können.“ (S. 277) . Mit 27 Jahren hat Simone ihr Leben beendet, vor mehr als zwanzig Jahren. Anja Reich hat ihr, ihrer Freundschaft und der gemeinsamen Zeit mit ihren detaillierten, liebevoll und sorgsam gezeichneten Betrachtungen einen Ort geschaffen, an dem sie weiterleben können. Mir hat die reflektierte, zarte und respektvolle Art ihres Schreibens sehr gefallen, ebenso die kritische Einordnung in die jeweiligen sozialen und politischen Umstände und die tiefergehenden Recherchen bezüglich psychischer Erkrankungen in diesem (gesellschaftlichen) Kontext. Gerade letzteres beschäftigt mich noch immer, lässt mich nicht mehr los. Was gut ist, denn: Die Awareness um die Gesichter und Auswirkungen psychischer Erkrankungen kann nicht groß genug sein. Eine große Empfehlung!
Warum? Diese Frage stellt man sich wohl, wenn ein geliebter Mensch im näheren Umfeld Suizid begeht. Warum hat man nichts gemerkt? Hätte man es irgendwie verhindern können? Journalistin Anja Reich stellt sich diese Fragen, denn ihre Freundin Simone sprang 1996 in den Tod.
Das Buch ist sehr berührend und hat mich total aufgewühlt. Es ist unheimlich gutgeschrieben, bewegend und schonungslos ehrlich. Simones Leben wird nicht glattgebügelt, sondern so dargestellt wie es war, mit Leistungsdruck durch die Eltern, Neid gegenüber den Freundinnen ihres Bruders, Männergeschichten, aber auch einer ganzen Menge Liebe, zur Familie, für lateinamerikanische Kultur, das Leben. Simone und die Autorin haben sich über den Bruder Andre kennengelernt und trotz all der Unterschiede haben die beiden sich gut verstanden – zumindest meistens – und viel miteinander erlebt. Doch die Autorin startet früher, schon bei der Familie der Eltern und ihren Entwicklungen, da die Kindheit und Entwicklung der Eltern einen nicht unwesentlichen Teil zur späteren Entwicklung zu enthalten scheint. Und dann rekonstruiert die Autorin das gesamte Leben ihrer Freundin. Durch Briefe, zahllose Gespräche (mit Familie, Freunden, aber auch Experten), Erinnerungen und vor allem Tagebucheinträge von Simone entsteht ein facettenreiches Bild vom Leben einer jungen Frau, die viel zu jung verstarb. Simone, aber auch die wichtigsten Bezugspersonen wirken, als kenne man sie. Und ich fand es auch super, wie die DDR und die Wende auf die Menschen gewirkt haben. Während die einen die endlose Freiheit schätzten, schien anderen eine Richtschnur zu fehlen.
Mich hat die Suche nach den Ursachen überzeugt – auf ganzer Linie, zumal die gesellschaftspolitischen Umbrüche gekonnt eingebaut waren, das DDR-Leben authentisch dargestellt wurde und auch die besondere Familiengeschichte einiges bietet. Dieses persönliche, tiefgründige Buch wird lange im Gedächtnis bleiben. Und ich ziehe meine Hut vor der Autorin vor ihrer schwierigen Recherchearbeit, denn emotional war das ganz sicher kein Zuckerschlecken, denn nicht einmal für den Leser ist es immer leicht weiterzulesen, da man das Gefühl bekommt Simone und auch die junge Anja zu kennen. Zudem schafft sie es tatsächlich nicht wirklich zu werten, obwohl sie Dinge beim Namen nennt. Ich weiß nicht genau was mich an dem Buch so angezogen hatte, aber ich sah es und musste es haben – und meine Erwartungen wurden übertroffen.
Jahrzehnte nach dem Suizid ihrer Freundin Simone versucht Anja Reich sie zu verstehen. Sie führt Gespräche mit ihren Eltern, ihrem Bruder und alten Freunden, außerdem darf sie Simones Tagebücher lesen. Und so setzt sich Stück für Stück Simones Leben und auch ihre Gefühlswelt zusammen. Kurz vor ihrem Tod rief Simone Anja noch an, aber sie hatte keine Zeit. Und so hat die Auseinandersetzung auch eine sehr persönliche Note.
Es ist die Lebensgeschichte von Simone, aber auch ihren Eltern. Simone ist eine vielschichtige Persönlichkeit, voller verschiedener Sie steht gerne im Mittelpunkt und sucht die Aufmerksamkeit ihres Umfelds. Dann kann sie aber auch sehr schweigsam und in sich gekehrt sein. Ihre Eltern, erfolgreiche Ärzte als Vorbild, ist sie als Jugendliche fleißig und lernt viel. Darüber hinaus interessiert sie sich für Mode und weiß Bescheid, wann man auf welcher Party tanzen muss. Sie reagiert eifersüchtig auf die erste Freundin ihres Bruders, aber nicht auf die zweite, Anja. Mit ihr baut sie eine Freundschaft auf, die auch nach der Trennung Bestand hat.
Die Wende, für viele eine Möglichkeit von Freiheit, beflügelt Simone nicht. Sie bringt viele Änderungen ihrer Lebensumstände mit, die Simone nicht einfach bewältigt.
Ab und zu lässt Anja Reich Gedanken von Experten einfließen, die aus der Ferne natürlich keine Diagnose stelle können, aber auf verschiedene mögliche Krankheitsbilder eingehen.
Anja Reich beschreibt Simones Leben und ihre Beziehungen zur Familie, zu Freunden und zu ihren Liebesbekanntschaften ohne anzuklagen. Sie ist respektvoll, gleichzeitig schonungslos und stellt auch unangenehme Situationen dar. Sie hat ein sehr feines Gespür für die Menschen und bringt Simones Umfeld dazu, ehrlich zu berichten. Sie gibt ihnen die Möglichkeit, die Beziehung zu Simone selbstkritisch zu reflektieren. Dabei ist sie viel mehr als eine reine Journalistin, sondern stellt die gleichen Fragen sich selbst. Hätte sie anders handeln können, hätte sie Anzeichen erkennen müssen?
Dadurch ist das Buch sehr persönlich und durchgehend bewegend. Für alle Beteiligten war es mit Sicherheit sehr schwierig, sich mit Simones Tod nochmal so tief auseinandersetzen und vor der Offenheit habe ich großen Respekt.
Es ist sehr emotional zu lesen und ich empfehle es sehr. Man muss auf die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen und Suizidgedanken vorbereitet sein.
Was muss geschehen sein, dass sich ein Mensch das Leben nimmt? Hätte der Tod verhindert werden können? Und gibt es eine Person oder ein Ereignis, die bzw. das Schuld am selbstgewählten Ableben ist? Diese und mehr Fragen stellt sich auch die Journalistin und Autorin Anja Reich. Ihre gute Freundin Simone hat sich Mitte der 1990ern das Leben genommen, scheinbar vollkommen unvorhersehbar. In "Simone" begibt sich Reich auf Spurensuche und zeichnet den Lebensweg ihrer Freundin und deren Familie nach: von der Lebensgeschichte ihrer Großeltern und Eltern, über das Aufwachsen Simones in der DDR, hin zum einschneidenden Ereignis der Wiedervereinigung bis zum mutmaßlichen Selbstmord der knapp 27-Jährigen.
Zugegebenermaßen bin ich, wie ich begonnen habe das Buch zu lesen, davon ausgegangen, dass es sich bei "Simone" um einen fiktiven Roman handelt - aus dem Klappentext war für mich nicht ersichtlich, dass Anja Reich tatsächlich über reale Begebenheiten schreibt. Dementsprechend langatmig empfand ich den Beginn des Buches - Schilderungen über die Vorfahren Simones, geschichtliche Überblicke, es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie zu der "Hauptprotagonistin" kam. Doch als Simone die Bühne des Buches betritt und klar wird, dass Reich versucht ihr Leben und ihren Tod bestmöglich nachzuzeichnen, um eine Erklärung für das Unvorstellbare - den Suizid - zu finden, wird das Werk spannend. Einfühlsam aber schonungslos ehrlich porträtiert sie Simone, ihre anziehende offene Art genauso wie ihre scheinbare Herrschsucht und Unsicherheit. Sie setzt ihrer Freundin ein Denkmal, das als Beispiel dienen kann, nachzuempfinden, wie psychische Erkrankungen Menschen beeinflussen und verändern - für Außenstehende oft nicht erkennbar.
Das Buch ist harte Kost. Es ist berührend, mitnehmend und anstrengend zugleich. Ich finde es empfehlenswert für alle, die sich dafür interessieren, was in einem Menschen mit einer psychischen Erkrankung (mit Suizidgedanken) vorgeht; es kann anhand einer tatsächlichen Lebensgeschichte einiges erklären und fühlbar machen. Abraten würde ich aber jenen, die sich in akuten Krisen befinden oder die eine Trauerbewältigung nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen noch nicht abgeschlossen haben, zu schwer und bedrückend wiegt das Thema.
Beim Lesen von “Simone„von Anna Raich wurde ich von einer tiefen Emotionalität und fesselnden Recherche beeindruckt. Die Autorin begibt sich auf eine persönliche Reise, um das Leben und den tragischen Tod ihrer Freundin Simone zu verstehen. Der Klappentext, der mit den Worten beginnt: “Einen Tag vor ihrem Tod rief Simone mich noch einmal an. Das weiß ich genau, denn ich hatte keine Zeit.„ weckte sofort mein Interesse.
Die Erzählung entführt uns in das Berlin der achtziger Jahre, wo die Freundschaft zwischen den beiden jungen Frauen Simone und Anja beginnt. Die Mauer fällt und die Welt verändert sich, und das Buch fängt meisterhaft die Turbulenzen dieser Zeit ein. Die Intimität und Tiefe, mit der Raich die Geschichte beleuchtet, ist bewegend und berührend. Sie schreibt in einer journalistischen Sprache, die mitreißend ist, und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen.
Anna Raichs Spurensuche reicht weit zurück in die Familiengeschichte von Simone, in die DDR-Ära und bis in die Gegenwart. Ihre Recherche ist tiefgehend und professionell, was dem Buch eine besondere Authentizität verleiht. Ich wurde in Anjas Gedankenwelt hineingezogen, während sie sich fragt, wer Simone wirklich war und warum sie sich das Leben nahm. Es ist ein faszinierendes Porträt einer Freundschaft und gleichzeitig eine Reflexion über das Leben selbst.
Die Mischung aus persönlichen Erinnerungen, Interviews, Tagebucheinträgen und historischer Analyse macht “Simone„ zu einem journalistischen Meisterwerk. Die Erzählung ist spannend und fesselnd, ohne jemals an Tiefe zu verlieren. Es ist eine Hommage an eine verlorene Freundin, aber auch an eine vergangene Ära. Ich habe dieses Buch mit großer Begeisterung gelesen und empfehle es jedem, der sich für bewegende Geschichten über das Leben und Geschichte interessiert.
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Anja Reich zeichnet das Leben einer Freundin aus längst vergangenen Tagen nach. Das Leben von Simone, so normal, so banal und doch unglaublich fesselnd. Jeder, der mit dem Tabuthema Suizid, direkt oder indirekt in Berührung gekommen ist, hat sich sicherlich gefragt: Hätte ich es kommen sehen müssen? Oder hätte ich es verhindern können? Und wieso hat er/sie es getan? Anja Reich zeichnet nüchtern und in klarer Sprache das Leben Ihrer Freundin nach. Rekonstruiert aus Gesprächen, Tagebucheinträgen und Erinnerungen verschiedener Menschen aus Simones Umfeld. Heraus kommt ein differenziertes Bild, da nicht jeder gleich über sie gedacht hat und nur spezielle Bereiche von Simones Leben, Gefühlen, Taten und Ansichten geteilt hatte. Es ist lange her, dass sich Simone umgebracht hat und es war sicherlich nicht leicht, die Erinnerungen an sie, an den Suizid in den Menschen wieder hervorzubringen. Herausgekommen ist ein grandioser Text, der nur an ganz wenigen Stellen hätte gekürzt werden können. Als Leser lernt man Simone (und die Menschen um sie herum) kennen und darf sich ein eigenes Bild davon machen, warum sie das Leben nicht ertragen hat. Im Spannungsfeld eines untergehenden Staates, beschreibt Frau Reich auch noch für mich erstmalig treffend und verständlich, wie sich »die Wende« unterschiedliche auf die Bürger der DDR ausgewirkt hat. Dankbar bin ich besonders für ein Wort in diesem Zusammenhang, das mir bislang in diesem Kontext noch nie begegnet war. Statt Wende »der Bruch«. Ein Bruch im Leben vieler DDR-Bürger und wie sich diese Zeit in ihr Leben geschlichen, eingemischt und brutalst verändert hat. Nicht jeder konnte damit umgehen. Simone erst recht nicht.
Für eine fundiert und sprachlich tadellos geschriebene Spurensuche eine klare Empfehlung und 5 Sterne
Berlin, Mitte der achtziger Jahre. Zwei junge Frauen feiern, tanzen, reisen, verlieben sich – und werden im Osten der Stadt erwachsen. Dann fällt die Mauer, und das Leben der Freundinnen verändert sich in rasender Geschwindigkeit. Simone reist durch die Welt, Anja bekommt ein Kind, heiratet, beginnt zu arbeiten. Sie treiben auseinander und verlieren sich doch nicht. Bis zu dem Tag, an dem Simone für immer geht und Anja zurückbleibt.
Das Buch beruht auf Tatsachen und so Beginnt das Buch schon sehr dramatisch, denn kurz nach einem Anruf zwischen Anja und ihrer Freundin Simone, nimmt sich Simone das Leben. Die Autorin hat sich nun auf die Suche nach Antworten und Gründen gemacht und nimmt dafür auch Kontakt zu Simones Familie sowie Freunden auf.
Der Schreibstil ist sehr klar, berührend und tiefgründig. Es ist immer nochmal etwas anderes über eine tatsächliche Geschichte zu lesen und diese hat mich sehr berührt. Ausserdem wird einem als Leser klar wie schwierig so eine Suche nach Antworten und Gründen sein kann, denn nicht jeder Angehörige ist bereit über den Fall von Simone zu sprechen und die Tat so zu akzeptieren. Anja Reich erzählt aber nicht nur von dem Selbstmord, sondern es wird auch vom leben in der ehemaligen DDR, der Arbeit und auch der Wende und die Zeit danach erzählt. Nicht alle empfanden die Wende als so positiv, es gab auch durchaus Menschen, die diese als problematisch für die Zukunft der Bürger empfunden haben. Auch darauf wird im Roman eingegangen.
Ich fand diese Geschichte sehr berührend und sie hat mich auch nachdenklich gemacht und mitgenommen. Nur der Einstieg ins Buch ist mir nicht ganz so leicht gefallen, ich hatte das Gefühl heir würde sich einiges immer wieder wiederholen. Nichtsdestotrotz ist dies ein sehr feinfühliges und berührendes Buch mit einem ernsten Thema.
Kein Roman, sondern eine reale Geschichte, persönliche Erinnerung, journalistische Recherche: 25 Jahre nach deren Suizid forscht Anja Reich ihrer Freundin Simone nach, die sie Mitte der 1980er noch im DDR-Berlin als Schwester ihres Freunds André kennenlernte. Reich ist erfahrene Journalistin und wendet ihr Handwerkszeug an, doch sie reflektiert sich auch persönlich und ihre Verbindung zu Simone. Basis ihrer Recherche ist Simones Nachlass: Sie hat von Jugend an Tagebuch geführt, Simones Eltern überlassen Anja Reich alle Unterlagen, die sie ohnehin gerade entsorgen wollten. Reich spricht mit Simones damaligen Freunden, Liebhabern, mit ihrer Familie in Tschechien und Deutschland, zitiert aus Simone Aufzeichnungen. Doch sie geht auch ihren eigenen Schuldgefühlen und ihrer eigenen Trauer nach, spricht mit Expert*innen für psychische Erkrankungen und Suizid, recherchiert aber auch Hintergründe der gesellschaftlichen Dynamik nach dem Mauerfall in Ostdeutschland.
Das Ergebnis ist ein Geschichtsbuch, das an konkreten Beispielen, auch dem ihres eigenen Lebens, ein klein wenig nachvollziehbar macht, welche existenzielle Erschütterung das Verschwinden der DDR für fast alle ihre Bewohnenden war: Keine der bisherigen Regeln, Verlässlichkeiten und Aussichten galten mehr, hart erkämpfte Errungenschaften waren nichts mehr wert, vielleicht sogar man selbst nicht. Das macht Reich gleichzeitig journalistisch professionell und persönlich nahbar; sie zielt nicht auf Effekte, sondern auf Erkenntnis. Und transportiert sehr viel weitere Information, unter anderem Strukturen der Kinderbetreuung in der DDR (-> Wochenkrippen), am Beispiel von Simones Mutter Dana und ihrer Familie die Lebensläufe von tschechischen Einwanderern in die DDR oder den Ausnahme-Alltag in Berlin nach dem Mauerfall.
"Simone" ist ein außergewöhnliches Buch, das die Geschichte zweier junger Frauen einfängt und inmitten der lebendigen Kulisse des Berlin der achtziger Jahre erblühen lässt. Die Erzählung von Freundschaft, Liebe, und dem Erwachsenwerden im Schatten der Mauer ist herzergreifend und fesselnd. Die Autorin nimmt uns mit auf eine emotionale Reise, während Simone und Anja durch die Höhen und Tiefen des Lebens navigieren.
Mit dem Fall der Mauer nimmt die Handlung eine faszinierende Wendung, und die Geschwindigkeit, mit der sich die Leben der Protagonistinnen verändern, hält den Leser gefesselt. Die Suche nach den Gründen hinter Simones tragischem Schicksal fügt eine tiefgreifende Ebene hinzu, die das Buch umso packender macht. Die Autorin zeigt bemerkenswertes Einfühlungsvermögen, indem sie Interviews, Briefe, Tagebücher und Dokumente nutzt, um ein Bild von Simones Leben zu zeichnen.
Die Verbindung zwischen den beiden Freundinnen, die trotz ihrer divergierenden Wege nie wirklich voneinander getrennt sind, verleiht dem Buch eine unverwechselbare emotionale Tiefe. Die Art und Weise, wie die Autorin die Perspektive wechselt, ermöglicht es den Lesern, sich mit beiden Charakteren zu identifizieren und ihre persönlichen Entwicklungen hautnah mitzuerleben.
Insgesamt ist "Simone" eine tiefbewegende Reflexion über Freundschaft, Verlust und das Streben nach Verständnis. Die erzählerische Meisterschaft der Autorin, gepaart mit der lebendigen Darstellung des historischen Umfelds, macht dieses Buch zu einer unvergesslichen Lektüre, die noch lange nach dem Zuklappen der Seiten nachklingt.
The language in Simone is unostentatiously sublime. I liked the GDR/post-unification Germany setting, and Reich-Osang's evidence-based explorations of how fundamental political shifts can impact individuals' mental health.
While the story was captivating, reading it felt unpleasantly voyeuristic: I felt uncomfortable about the intimate details Reich-Osang reveals about her best friend's sex life and emotional struggles, including citing original diary entries and letters. Sharing so many personal details about a real deceased person with mental health problems did not feel appropriate to me. Maybe a fictionalised account would have been more fitting?
That said, I've been trying to find contemporary literary accounts (memoirs, poetry or novels) of coping with the death of a very close friend. So far, I got hold of Grief Is for People, What Are You Going Through and Simone. Please let me know if you have any other recommendations on this topic. I'd be very interested.
Um die Wahrheit über die Freundin herauszufinden, unternimmt die Autorin eine detailliert aufgezeichnete Rückblende bis in die Zeit der Urahnen von Simone. Entstanden ist dabei eine interessante Lebensgeschichte in medizinischer, historischer und sozialer Hinsicht. Von der gemeinsamen, doch verschiedenen Kindheit in der DDR besonders hinsichtlich der ehemaligen Wochenkrippen, über die politische Wendezeit mit dem Wegfall nicht nur sozialer DDR-Strukturen, bis zu den doch unsicheren Diagnosen zu Borderline, Depressionen, Panikattacken und emotionaler Einsamkeit – so präsentiert sich diese wahre Geschichte in einem relativ nüchternen Schreibstil mit emotionalen Anklängen von Schuldgefühlen auch bei der Autorin, deren akribische Recherchearbeit mit Weggefährten, Freunden, Eltern, einigen Familienmitgliedern und Fachleuten neben Tagebuchaufzeichnungen und zahlreichen weiteren Dokumenten erstaunlich ist. Auf der Suche nach Antworten, warum sich ein junger Mensch das Leben nimmt, bleibt auch der Leser mit diesem tiefgehenden Tabuthema mit Fragezeichen berührt und nachdenklich zurück. Eindeutig lesenswert!
Während der gesamten Lektüre habe ich mich gefragt: Mit welchem Recht darf die Autorin das Leben ihrer Freundin in dem Maße an Ehrlichkeit und Detailreichtum thematisieren? Vor allem in Hinsicht auf den vielschichtigen Charakter von Simone stellt sich mir die Frage, ob sie das gewollt hätte. Hätte es diesen Bezug zur Realität nicht gegeben, hätte dieser Text auch ein schöner Coming-of-age-Roman sein können, der viele thematisch anspricht (Wochenkrippe, DDR, Mauerfall). Auch sprachlich hat er mir insgesamt gefallen, ich konnte emotionalen Bezug zu den Personen aufbauen. In der Form (dokumentarisch, journalistisch) und mit dieser Transparenz war mir der Text allerdings zu voyeuristisch. Weiterer Kritikpunkt: dass die chronologische Erzählung der Recherche der Autorin auf die chronologische Erzählung des Inhalts/Gegenstands (Leben und Suizid von Simone) prallt und es dadurch zu Wiederholungen/Überschneidungen und bei mir auch zu Verwirrung kommt. Beispielsweise wird gegen Ende des Textes die Frage aufgeworfen, ob es sich gar nicht um einen Suizid sondern um einen Unfall handelt. Eine für mich überraschende Wendung, die Wiederholung davon dann aber flach.
Anja Reichs Roman "Simone" ist ein ungeheuer fesselndes autobiografisches Werk, das sich einer der größten Fragen des Lebens widmet: "Warum?". Das Buch hat mich durch seinen einzigartigen Blickwinkel von Beginn an in seinen Bann gezogen. Die Sicht auf das Leben von Anja und Simone ist sehr persönlich und nah. Es geht um die Bedeutung von Familie, Freundschaft und beschreibt die individuelle Trauerreise der Autorin, sich mit dem Leben udn Tod ihrer guten Freundin auseinanderzusetzen. Der Erzählstil ist sehr offen und manchmal unbequem ehrlich im gelebten Alltag der Autorin. Zugleich ist die Beschreibung von dem Hintergrund Simones Familie malerisch märchenhaft und wirkt fern von der eher harten Realität des Alltags. Ich bewundere die Ausdauer, den Mut und die Intensität mit der sich die Autorin diesem schwierigen Thema nicht nur persönlich sondern auch in Form dieses Buches gewidmet hat.
Es ist fast so, als würde man sie kennenlernen: Simone, die beste Freundin von Anja. Simone, die Anja in ihrer Jugend in Ost-Berlin kennengelernt hat. Simone, die schließlich Berlin verlassen und die Welt bereist hat. Simone, die ihrem Leben selbst ein Ende bereitet hat.
Zurück bleibt Anja. Mit Fragen. Mit Selbstvorwürfen. Mit Leere. Mit ihrer Suche. Und auf diese Suche nimmt sie ihre Leser mit. Und auf diese Art und Weise lernen wir Simone kennen. So, wie Anja sie gesehen hat. Betrachtet mit den Augen einer Freundin, die zugleich Journalistin ist. Und so hat auch das Buch fast etwas von einer Reportage. Es liest sich weniger wie ein Roman, mehr wie eine Biografie, eine Personenvorstellung. Ein Stil, der mich nicht ganz so berühren konnte, wie ich es mir erhofft hätte. Doch was bleibt, ist das Gefühl, Simone fast selbst ein wenig gekannt zu haben. Und das empfinde ich als sehr besonders, einmalig und würdevoll.