Zynische Menschenfeindlichkeit und abenteuerliche Problemanalyse
Ich hatte mich sehr darauf gefreut, das Buch zu lesen, da ein utopisches Nachdenken darüber, wie man eine Gesellschaft so gestalten könnte, dass sie angemessen auf drängende Probleme wie den Klimawandel reagieren kann, leider bitter nötig ist. Allerdings wurde ich von dem Buch ziemlich enttäuscht, was vor allem an zwei Punkten lag, die sich durch das ganze Buch ziehen. Natürlich hat das Buch auch einige Stärken, aber da diese in anderen Rezensionen aufgezählt werden, fokussiert sich dieser Kommentar auf die negativen Aspekte, die aus meiner Sicht deutlich überwiegen.
Zunächst einmal habe ich ein Problem mit den Problemanalysen. Ich weiß nicht, ob Paech sie an anderer Stelle noch besser und differenzierter ausführt (ich freue mich über weiterführende Empfehlungen hierzu!), aber im Buch erscheinen sie mir eher platt und äußerst abenteuerlich.
Das Ziel von Paech ist es, das Wachstum der Wirtschaft im Sinne der Umwelt zu stoppen. Um dies zu erreichen, hält er es allerdings - wie er mehrmals explizit unterstreicht - nicht für notwendig, grundsätzlich etwas an der kapitalistischen Produktionsweise zu ändern, und er streitet den inhärenten Wachstumszwang, der dem Kapitalismus innewohnt, ab. Aus seiner Sicht besteht der einzige (?!) Grund dafür, dass Unternehmen Waren nicht zum Selbstkostenpreis verkaufen und somit wachsen, darin, dass diese Unternehmen Schulden machen müssen und somit Zinsen zurückzahlen müssen, und also dazu gezwungen sind, mehr Geld zu erwirtschaften, als sie in die Produktion stecken.
Laut dem Buch sei das Allheilmittel also einfach, die Schulden und die Zinsen aus der Welt zu schaffen, und schon würden Unternehmen zum Selbstkostenpreis produzieren und die Wirtschaft würde aufhören zu wachsen. Das ist eine wirklich absurde Annahme, denn Paech abstrahiert völlig von dem in der kapitalistischen Logik völlig verständlichen Gewinnstreben. Wieso sollte in einer kapitalistisch organisierten Welt überhaupt noch ein Unternehmen das Risiko eingehen Waren zu produzieren, die es vielleicht nicht verkaufen kann und somit potentiell Geld verlieren würde, wenn es nicht darauf hoffen kann, Gewinn zu machen? Und damit will ich nicht sagen, dass nicht eine Welt denkbar wäre, in der Waren nicht primär aus Gewinnstreben produziert werden, allerdings nicht unter kapitalistischen Verhältnissen, die Paech nicht grundsätzlich kritisieren möchte. Stattdessen liefert das Buch lediglich eine Pseudokritik der Wirtschaftsverhältnisse, die zwischen gutem (schaffendem) Kapital und bösem (raffendem) Kapital (also den Zinsnehmern) unterscheidet, wobei zweiteres ersteres gegen dessen Willen zum Profitmachen und zum Wachsen zwingt. (Selbstverständlich benutzt Paech nicht genau diese Worte, und selbstverständlich identifiziert er das raffende Kapital nicht mit den Juden! Jedoch scheint es mir eine strukturelle Ähnlichkeit der Argumentationen der Wirtschaftskritiken zu geben, auch wenn Paech seine Kritik selbstverständlich in ganz anderer Absicht äußert als damals die Nationalsozialisten.)
II
Auch die Unterbreitung der weitergehenden Lösungsvorschläge erscheinen mir zum Teil wenig differenziert. Da er ohne es so wirklich zu begründen Schulden der Individuen, Unternehmensschulden und Staatsschulden in einen Topf wirft (auch hier freue ich mich über Hinweise, ob er an anderer Stelle genauer ausführt, wieso das legitim sei), schießt er sich im Folgenden auf Staatsschulden als das große Übel überhaupt ein. Ich hätte gerne gelesen, warum er glaubt, dass die große Anzahl der FDP-nahen Wirtschaftswissenschaftler:innen falsch liegen, die Wachstum als das erstrebenswerteste Ziel des Wirtschaftens erachten, die aber ebenso wie Paech für eine Schuldenbremse eintreten, weil sie davon überzeugt sind, dass diese für ein Wirtschaftswachstum nicht abträglich sei.
Noch abenteuerlicher wird es allerdings bei seinem Plädoyer für Schwundgeld. Schwundgeld ist ein Konzept, mit dem versucht worden ist, Wirtschaftskrisen zu begegnen, indem Geld eingeführt wird, das in kurzer Zeit deutlich an Wert verliert. Die Hoffnung der Initiatoren von Schwundgeld lag darin, dass Menschen Geld nicht mehr horten und sparen würden, sondern es so schnell wie möglich wieder ausgeben würden, bevor es an Wert verliert, um so die Wirtschaft anzukurbeln und sie zum Wachsen zu bringen. Es bleibt mir nach dem Lesen des Buches völlig unverständlich, warum Paech diese Idee, die extra dafür erschaffen worden ist, um mehr Wachstum zu erreichen, plötzlich als Zaubermittel gegen Wachstum ansieht. In einer kapitalistischen Gesellschaft mit Schwundgeld wäre es doch völlig rational von Unternehmen und Menschen, alles Geld, was sie einnehmen, möglichst sofort wieder auszugeben, was Paechs Ziel eines Wachstumsstopps ja total entgegenläuft.
III
Noch mehr erschrocken hat mich allerdings eine zynische Menschenfeindlichkeit und ein Hass auf die Zivilisation und auf ein wie auch immer geartetes gutes Leben, die aus ganz vielen Textstellen herauszuklingen scheinen.
Versteht mich nicht falsch, es ist notwendig darüber nachzudenken, wie Gesellschaften vernünftigerweise einzurichten sind, so dass die über acht Milliarden Menschen auf der Welt auf eine Art und Weise leben können, in der wir nicht unsere eigene Lebensgrundlage zerstören, die für ein gutes Leben notwendig ist. Allerdings schießt Paech dabei völlig über das Ziel hinaus und denunziert im höhnischen Tonfall von Grund auf jeglichen Wunsch nach einem guten Leben.
So kritisiert Paech Menschen scharf dafür aus egoistischen Gründen (wie zum Beispiel Selbstentfaltung) ihren Wohnort zu wechseln und nicht einfach in der Gemeinschaft weiterleben, in die sie nun mal reingeboren worden sind - auch wenn das mitunter anstrengende “Anpassungsleistungen” mit sich bringen würde. Eine solche Forderung ist blanker Hohn für all die Menschen, die es schaffen einer Zwangsgmeinschaft zu entfliehen, in die sie hinein geboren worden sind und unter der sie leiden. In aller Konsequenz würde aus Paechs Ausführung zum Beispiel die Forderung folgen, dass eine junge lesbische Frau, die vielleicht andere Träume vom Leben hat als an Heim und Herd gefesselt zu sein, allerdings das Pech hat in einer reaktionären und homophoben Dorfgemeinschaft aufgewachsen zu sein, ihren Egoismus gefälligst zurückzustellen habe und sich halt an die Gemeinschaft anpassen solle und sich um Mann, Heim und Kind kümmern sollte, anstatt solange es noch geht den Verhältnissen zu entfliehen.
Auch wenn Paech diese Forderung (hoffentlich!) nicht so unterschreiben würde, folgen solche Schrecklichkeiten, wenn man seine vielen Gedanken zu Ende denkt, die teilweise vor Gleichgültigkeit dem Leid und dem Wohlergehen von Individuen nur so strotzen. Eine solche Gleichgültigkeit kommt nicht nur an einzelnen Stellen zum Vorschein, sondern gefühlt auf jeder zweiten Seite, so dass ich gar nicht alle schrecklichen Stellen aufzählen kann. Deshalb hier nur noch ein weiteres Beispiel:
"Aber über eines lässt sich nicht hinwegtäuschen: Das Preisniveau der resultierenden Lebensmittel, die diesen Namen verdienten, wäre deutlich höher, sodass Ernährung einen höheren Einkommensanteil beanspruchen würde. Ähnliches gilt für Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Wasser, Verkehrssysteme, Energie, Abfallentsorgung, Kommunikationsinfrastrukturen, bestimmte Kulturangebote und andere vermeintliche Selbstverständlichkeiten. Gemäß landläufiger Auffassung sind auch deren Preise vom Fiskus niedrig zu halten, damit der moderne Bürger sich nicht mit deren Finanzierung oder Bereitstellung herumschlagen muss, sondern sein davon verschontes Einkommen auf die schönen Dinge des Lebens konzentrieren kann. Die Spielarten einer kollektiven Bereicherung, welche indirekt zur Staatsverschuldung beitragen, sind unerschöpflich."
Als wäre es keine Errungenschaft, dass viele Menschen in Deutschland relativer Sicherheit leben können, ohne einen gewaltsamen Tod fürchten zu müssen, und als wäre nicht der zu beklagende Skandal, dass zum Beispiel hunderttausende Menschen in Deutschland obdachlos sind und somit auch vor Übergriffen auf ihr Leben ungeschützt auf der Straße übernachten müssen, und als gelte es nicht zu fordern, dass eine vernünftige Gesellschaft diesen Missstand abschaffen müsste! Doch Peach skandalisiert lieber, dass der Staat Geld überhaupt für die Schaffung von "einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit" wie Sicherheit ausgibt.
Als wäre es keine Errungenschaft, dass in Deutschland Menschen, auch wenn sie arm sind, medizinisch versorgt werden und deshalb viel weniger Menschen an heilbaren Krankheiten sterben, als es ohne staatlich bezuschusstes Gesundheitssystem möglich wäre. Und als wäre es nicht ein Skandal, dass an so vielen Orten auf der Welt 2024 noch abermillionen Menschen einen vermeidbaren Tod an heilbaren Krankheiten sterben müssen, weil sie nicht das Geld für eine adäquate gesundheitliche Versorgung haben. Und als wäre nicht für eine Welt zu kämpfen, in der möglichst wenige Menschen an heilbaren Krankheiten sterben. Aber Peach skandalisiert lieber, dass das Retten von Leben in Deutschland eine zu große Belastung für den Staatshaushalt ist und somit zu Schulden und Wirtschaftswachstum führen würde.
Als wäre es keine Errungenschaft, dass wir nicht den ganzen Tag ums Überleben kämpfen müssen, sondern auch Zeit und Ressourcen auf die schönen Dinge des Lebens verwenden können. Und als wäre es nicht der eigentliche Skandal, wie viele Menschen auf unserer Welt im Jahre 2024 in so krasser materieller Not leben, dass sie wirklich nur ums blanke Überleben kämpfen müssen und es ihnen nicht oder nur ganz begrenzt möglich ist, ihren Interessen nachzugehen und sich frei zu entfalten. Als gelte es nicht für eine Welt zu kämpfen, in der es möglichst jedem Individuum möglich sein kann, ein angenehmes Leben zu führen! Aber nein, Peach skandalisiert lieber, dass der Staat es Menschen durch finanzielle Entlastungen ermöglichen würde, sich zumindest zeitweise auf die schönen Dinge im Leben zu konzentrieren.
IV
Zusammenfassung: Mir ist es ein Rätsel, wieso dieses Buch von so vielen Menschen, die sich als politisch links sehen, geschätzt wird. Es verbindet plumpe und kaum in die Tiefe gehende Analysen mit Vorschlägen, die genau so auch von Befürwortern von Wachstum kommen (Schwundgeld, Schuldenbremse), und mit jeder Menge unverhohlenem Hass auf jegliche Annehmlichkeiten, die ein Leben jenseits von Subsistenzwirtschaft zu bieten hat.