Aus den Reflexionen über eine Theorie des Guten gewinnt die Autorin die theoretischen Ressourcen für eine Reformulierung des politischen Liberalismus, die bislang vernachlässigten Problemen wie internationaler Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit Rechnung trägt.
In ihrer Ethik des Guten unternimmt Martha C. Nussbaum eine Neudefinition des Begriffs des Wohlergehens und formuliert mit ihrer Theorie des guten Lebens eine Alternative zu den anthropologisch ausgedünnten deontologischen Moralansätzen
Martha C. Nussbaum is Ernst Freund Distinguished Service Professor at the University of Chicago, appointed in the Law School and the Philosophy Department. Among her many awards are the 2018 Berggruen Prize, the 2017 Don M. Randel Award for Humanistic Studies from the American Academy of Arts and Sciences, and the 2016 Kyoto Prize in Arts and Philosophy.
Das Buch besteht aus fünf Essays, die alle verschiedene Aspekte der Ethik zum Thema haben.
Der erste ("Der aristotelische Sozialdemokratismus") behandlet eine starke vage Konzeption des Guten. Diese versucht Nussbaum aus einer Aristoteles-Lektüre heraus zu entwickeln. Kernthese ist, dass ein Konzeption eines guten Lebens ausgehend von allgemeingültigen Eigenschaften menschlichen Lebens ausgehen muss (z.B. Hunger, Mobilität, praktische Vernunft). Nussbaum greift diese als Fähigkeiten auf, deren Erfülltheit notwendig ist für ein gelungenes Leben. Eine liberale Ethik (mit einer schwachen vagen Konzeption) könne diese aber nicht sicherstellen. Gleichzeitig ist ihr wichtig zu betonen, dass es nur um Fähigkeiten geht, aber nicht notwendigerweise um deren Ausübung - das ist Teil der Entscheidungsfreiheit der Einzelpersonen.
Im zweiten Essay ("Die Natur des Menschen, seine Fähigkeiten und Tätigkeiten: Aristoteles über die distributive Aufgabe des Staates") leitet Nussbaum von Aristoteles ab, dass der Staat eine breite (für alle Menschen) und tiefe (über eine starke vage Konzeption des Guten verfügend) Aufstellung braucht. Wichtig für diese Konzeption ist wieder, sich an den o.g. menschlichen Fähigkeiten zu orientieren. Zum Beispiel die Rawls'sche Theorie kritisiert Nussbaum, da sie sich zu sehr an ökomischen Maßstäben orientiere. Ökonomischer Reichtum bedeute aber keinen menschlichen Reichtum. Vom Utilitarismus grenzt sich Nussbaum ab, da dieser über kein starkes Menschenbild verfüge, und z.B. Verzerrungen durch schlechte erziehung oder materielle Zwänge nicht unbedingt schlechtheiße. Nussbaum bespricht auch den konkreten Staatsaufbau und dessen Konzeptionen wie eine holtistische, Teil-Ganzes, usw. Dem Menschen fallen die Fähigkeiten nicht von alleine zu; sie müssen durch den Staat sichergestellt werden.
Das dritte Essay ("Gefühle und Fähigkeiten von Frauen") beschäftigt sich mit Gefühlen (klassischerweise als "irrational" und "weiblich" konnotiert) und ihren Wert für das Leben. Sie behandelt eine Vielzahl von Argumenten für "rationales Denken" und gegen den Wert von Gefühlen aus so ziemlich allen philosophischer Traditionen und arbeitet dadurch auch heraus, warum Gefühle im Gegenteil sogar gut und notwendig sind für ein gutes menschliches Leben.
Der vierte Teil ("Menschliche Fähigkeiten, weibliche Menschen"), wo sie Nussbaum wieder stärker auf eine eigene Konzeption eines guten Lebens. Sie kommt dabei insbesondere oft auf die Situation von Frauen z.B. in Entwicklungsländer zu sprechen, deren Situation weder mit einem liberalen noch mit einem utilitaristischen Ansatz zu verbessern ist. Sie vertritt eine universalistische und essenzialistische Konzeption, die sie gegen Relativismus und Utilitarismus verteidigt. Hier geht sie wieder von verschiedenen Fähigkeiten aus wie Verbundenheit, praktische Vernunft, Humor, usw.
Der letzte Aufsatz ("Nicht-relative Tugenden: Ein aristotelischer Ansatz"). Dieser geht auf den Sachverhalt ein, dass die Mehrzahl zeitgenössischer tugendethischer Ansätze relativistisch argumentieren und im Gegenteil ein universalistischer Ansatz ausgeschlossen wird. Gegen diese Ansicht platziert Nussbaum wieder den von Aristoteles abgeleiteten Fähigkeiten-Ansatz.
Alles in einem ein gut gelungenes Buch. Der verbindende Gedanke der von Aristoteles abgeleiteten universalistischen Tugendethik wird durchaus überzeugend dargelegt. Insbesondere die Abgrenzung zu liberalen und utilitaristischen Ansätzen ist plausibel und auch konkret dargelegt. Nussbaum verfängt sich nicht in rein theoretischen Abhandlungen, sondern untermauert auch ab und zu durch praktische Beispiele, bleibt jedenfalls aber immer am konkreten menschlichen Leben verhaftet. Auch ihre Gedanken zum Stellenwert von Gefühlen, insbesondere auch in der Ethik, ist wunderbar und absolut bereichernd. Dabei verfällt sie auch nicht in eine plumpe Apologie eines "Bauchgefühls", sondern geht auch auf ihre Wechselwirkung mit rationalem Handeln ein.
Grundsätzlich sehr lesenswert und erhellend, ich stimme in vielen Punkten überein was ein gutes(!) Menschliches Leben ausmacht, aber nicht darin was ein menschliches Leben ausmacht (vgl. Das Werk von Frans de Waal!)