Ein Memoir voller „Herz, Humor und Intelligenz“ (Joshua Cohen) – Menachem Kaiser begibt sich auf Schatzsuche und findet sein Familienerbe.
Die Geschichte seiner eigenen Familie hatte den in Toronto geborenen Menachem Kaiser nicht sonderlich interessiert, ehe er nach Polen aufbrach, ins ehemalige schlesische Industriegebiet. Dort besaßen seine Vorfahren einst ein Mietshaus, das von den Nazis enteignet wurde; Versuche einer Restitution waren bisher gescheitert. Und plötzlich befindet man sich inmitten einer abenteuerlichen Ermittlung, begleitet den Erzähler zu skurrilen Schatzsuchern, durchforscht mit ihm Keller und Tunnel, läutet an fremden Türen, beauftragt eine mysteriöse Anwältin … Vergangenheit und Gegenwart kommen einander in diesem ganz und gar außergewöhnlichen Erinnerungsbuch nahe. Was bedeutet es, ein Erbe anzunehmen, und gibt es überhaupt so etwas wie historische Gerechtigkeit?
Menachem Kaiser is a writer currently living in Brooklyn, NY. He grew up in Toronto, Canada, has a BA from Columbia University and an MFA from University of Michigan, and was a Fulbright Fellow to Lithuania. His fiction and nonfiction have appeared in Wall Street Journal, The Atlantic, New York, BOMB, Vogue, and elsewhere.
Der Autor begibt sich in diesem Sachbuch auf die Suche nach der Erinnerung an seinen verstorbenen Großvater, einen Überlebenden des Holocaust aus einer Stadt in Polen. Er will seinem Großvater näherkommen, indem er in dessen Heimatstadt reist und versucht, das Haus, das seine Urgroßeltern dort besessen hatten, zurückzufordern - ein bürokratisch fast aussichtsloses Unterfangen, an dem schon der Großvater gescheitert war. Im Sachbuch wechseln sich spannende Kapitel zur verschlungenen Recherche der Familiengeschichte vor Ort ab mit reflektierenden Kapiteln über Erinnerung, die Faszination mit Nazis, die zum Vergessen ihrer Opfer führt, und den Umgang mit Orten des Holocausts in Polen ab. Dabei ist der Autor schonungslos ehrlich gegenüber sich selbst und den Lesern, indem er Leerstellen, Widersprüche und unbefriedigende Ergebnisse der Suche nicht glättet, sondern diese im Gegenteil zum Thema macht. Wie der Autor selbst schreibt: Ein Roman über seinen Großvater wäre leichter gewesen. Ich bin froh, dass er sich dennoch für dieses spannende und zugleich zum Nachdenken anregende Sachbuch entschieden hat.
Der kanadische Schriftsteller Menachem Kaiser hat seinen Großvater väterlicherseits nie kennengelernt. Dieser verstarb noch von der Geburt seines Enkels, der nun seinen Namen trägt. Menachem (der Jüngere) spricht zwar jährlich zum Todestag mit seinem Vater auf dem Friedhof das Kaddish, aber er weiß so gut wie nichts über seinen Großvater.
Anlässlich einer Reise nach Polen greift er nach dem Zipfel, den er von seinem Großvater weiß. War nicht mal die Rede davon, dass es seinem Großvater nie gelungen war, den Familiengrundbesitz aus der Vorkriegszeit zurück zu erlangen? Natürlich beginnt der Autor nach weiteren Informationen über seinen Großvater zu forschen, der immer so schwer fassbar für ihn geblieben war. Dieser überlebte als einziges Familienmitglied den Holocaust. Nur wenig kann Kaiser von der Geschichte der Familie herausfinden.
Verschlungene Wege und Sackgassen Mit der überlieferten Adresse in der Hand macht sich der Autor auf den Weg nach Sosnowiec (im östlichen Teil Schlesiens) um den alten Besitz zu finden. Kaiser nimmt uns nun mit auf eine sehr persönliche, literarische, historische, philosophische, gelegentlich auch unerwartet skurril-komische Reise. Die Wege sind immer verschlungen, enden gelegentlich in Sackgassen. Stets findet der Autor irgendwelche Überraschungen, aber nicht unbedingt das, was er eigentlich gesucht hat.
Tatsächlich steht er vor der angegebenen Adresse. Seine Gespräche mit den heutigen Bewohnern des Hauses führen ihm die Komplikationen seines Vorhabens vor Augen. Ihm wird das anstehende moralische Dilemma klar, das einer möglicherweise erfolgreichen Rückforderung folgt. Andere, eigentlich schuldlose, Menschen würden aus ihrem Zuhause verdrängt.
Juristische Irrwege Die Geschichte dieses Hauses lassen Zweifel aufkommen, ob es wirklich das Gesuchte ist. Eine zwiespältige Rechtsanwältin, die auch nicht immer den Durchblick hat, wird angeheuert. Doch der Prozess der Rückforderung beginnt gleich damit, dass die im Holocaust getöteten Verwandten als tot erklärt werden müssen. Kein leichtes Unterfangen stellt sich heraus, auch wenn man denken sollte, dass diese Menschen ja sonst ca. 140 Jahre alt sein müssten. Die Reiseroute ins polnische Rechtssystem ist sehr betrüblich.
Das Haus war also nicht das Haus, und das Gebäude war nicht das Gebäude, und Abraham war nicht mein Großvater, und meine toten Verwandten waren nicht tot, und Mythen sind hartnäckig, und Wahrheiten lösen sich auf, und Fiktionen passen ganz genau.“S. 225
Beutegut Auch einige Fehlinformationen werfen den Autor zurück oder leiten ihn auf ganz anderes Terrain. So entdeckt Menachem Kaiser zufällig familiäre Verbindungen zu einem Holocaust-Überlebenden Abraham Kajzer. Dieser entpuppt sich als Cousin seines Großvaters. Abraham hatte u.a. als Zwangsarbeiter in einem mysteriösen Tunnelkomplex der Nazis geschuftet. Ja, er ist sogar der Autor des Tagebuchs “Za Drutami Śmierci”, in dem er auch über das „Projekt Riese“ berichtet, über das historisch kaum etwas bekannt ist. Durch diese Informationen wird er förmlich von den heutigen polnischen Schatzsuchern verehrt, die sich den Nazi-Schätzen verschrieben haben.
Eine Spur, der nun auch Menachem folgen wird. Seine parallele Suche führt ihn zu den KZs, manchmal begleitet von den Schatzsuchern, die das Tagebuch seines Verwandten als Schatzkarte oder -führer zum versteckten Raubgut benutzen. Manche glauben an einen Zug gefüllt mit Gold. Diese Schatzsucher verbinden ihre Gier nach dem Beutegut gar nicht mehr mit dem teuflischen Werk der Nazis.
Die authentische Reise bleibt bis zuletzt höchst überraschend. Kaiser lamentiert selber, es wäre einfacher, wenn er einen Roman anstatt eines nonfiktionalen Buches schreiben würde. Doch um das Ende braucht er sich eigentlich keine Sorgen zu machen, das ist eines Krimis würdig.
Fazit Ganz anders als übliche Sachbücher oder Romane über Nachforschungen der Holocaust-Vergangenheit der Vorfahren kommt dieses Buch daher. Es zeichnet sich durch seine frische Herangehensweise, seine bedeutungsvolle Suche und faszinierende Blicke auf Örtlichkeiten aus. Das deutsche Cover finde ich deshalb sehr gelungen. Was für ein alltägliches, vom jahrzehntelangen Gebrauch gezeichnetes Objekt ist übrig geblieben. Doch man kann es fast greifen und die Spuren verfolgen, wenn man sich auf den Weg macht.
Der englische Titel verrät schon ein bisschen mehr von der Vielschichtigkeit dieses Buches: “Plunder. A memoir of Family Property and Nazi Treasure”.
Mir gefielen die klare unsentimentale Sprache und die ganz persönliche Offenheit des Autors. Mit diesem Duktus konnte er sich dem Wirrwarr aus Geschichte und Narrativen, Wahrheit und Mythos, Erinnerungen und Verlorenem stellen. Diese Haltung eröffnet ganz unerwartete Perspektiven auf die Geschichte der Familie, die Zeit des Holocausts und den fragwürdigen Umgang mit den Relikten.
Kaisers Buch geht einem sehr nahe und klingt lange nach.
„[…] wogende Hügel, fette Heuballen, Berge in der Ferne. Ein paar große moderne Häuser, weit genug auseinander, um als Teil der Szenerie durchzugehen. Es fühlte sich vertraut an, oder vielleicht meine ich nicht vertraut, sondern erwartet: So sieht ein Ort mit der schrecklichsten Geschichte aus, so etwas geschieht, wenn die Zeit sich darüber hergemacht hat. Je düsterer die Geschichte, desto opulenter die Landschaft? Schotterwerk hatte zumindest elf Baracken und beherbergte mindestens 1250 Häftlinge. Ich blieb nicht länger; das Malerische verstimmte mich.“ (S. 235)
Menachem Kaiser, kanadischer Autor mit Jüdischen Wurzeln, macht sich auf, die Geschichte seiner Familie zu ergründen. Schnell gerät sein Großvater, den er nie kennengelernt hatte, in den Fokus seines Interesses. Wenig weiß er über ihn, doch plötzlich findet er heraus, dass sich der Vater seines Vaters über 20 Jahre darum bemüht hatte, Restitution für ein Haus in einer polnischen Stadt, welches die Familie durch die Shoa verloren hatte, zu erlangen. Hier beginnt die abenteuerliche Reise, die den Autor zahlreiche Male nach Polen führt; die ihn wundersame Menschen treffen; die berührende Geschichten über seine Verwandtschaft zutage treten und die ihn die schrecklichste aller Geschichten ein Stück weit aufarbeiten lässt.
Die Erzählung über seine Familie und die Idee seines Großvaters, das Haus in Polen wieder in Familienbesitz zurückzuholen, wiederaufzunehmen und selbst dabei sein Glück zu versuchen, beginnt spannend und kurzweilig. Immer wieder lässt der Autor die Leser/innen an seinen teils philosophischen und moralischen Gedankengängen teilhaben. Es ist durchaus erhellend mitzuverfolgen, wie er sich in Polen auf Spurensuche begibt, die Bewohner/innen des mutmaßlichen Familienhauses kennenlernt und sich mit dem Polnischen Justizsystem durchschlägt. Doch dann, nach rund 60 Seiten, beginnen weitere knapp 100 Seiten, die mich fast zur Aufgabe getrieben hätten. Für meinen Geschmack viel zu ausführlich beschreibt er Begegnungen mit sogenannten Schatzsuchern, die eine Obsession mit einem mysteriösen, unterirdischen Nazi-Bauwerk, genannt „Riese“, entwickelt haben und ihr Leben scheinbar der Schatzsuche in diesem Gebilde verschrieben haben. Kaiser fühlt sich wohl von ihnen angezogen als auch abgestoßen zugleich – die Faszination muss aber doch so stark gewesen sein, dass er es wert fand, beinahe 100 Seiten über sie zu schreiben. Warum dies so ausführlich geschehen musste und was das zum Fortgang der Geschichte, die er erzählen mag, beigetragen hat, ist mir nach (doch noch geschaffter) Beendigung des Buches überhaupt nicht klar. Ein kurzes Kapitel darüber wäre meines Erachtens ausreichend gewesen. So habe ich das Buch genommen, ein paar Seiten gelesen, es aus Langeweile wieder weggelegt, pflichtbewusst wieder aufgenommen – und nach kurzer Zeit wieder weggelegt. Immer und immer wieder habe ich mir gedacht, ich muss dem Buch noch eine Chance geben. Und nachdem die Ergüsse über die Schatzsucher ein Ende nahm, wurde ich belohnt: es wurde wieder lesbar! Wie ein Detektiv ergründet er die Geschichten seiner Verwandtschaft – besonders jene von Abraham, einem Cousin seines Großvaters (auf den er zugegebenermaßen durch die Schatzsucher gekommen ist) – seine Erlebnisse sind berührend und unergründlich zugleich. Das Ende des Buches finde ich jedoch irgendwie wieder unbefriedigend. Für mich wirkt es nicht abgerundet – eine Sache bleibt unabgeschlossen – ich möchte hier nicht spoilern, aber er hätte mit dem Abschluss des Buches ruhig noch den Ausgang abwarten können. Auch wenn das noch 20 Jahre gedauert hätte, die erzählte Geschichte hat nichts an Dringlichkeit.
Für mich ist das Buch sehr ambivalent – einerseits hochspannend und stilistisch gut geschrieben, andererseits nervtötend und das Ende nicht zufriedenstellend. Der Autor lässt einen in die Jüdische Lebenswelt eintauchen, bringt den Lesenden aber auch seine Wahrnehmung der Polnischen Gesellschaft näher und gibt Einblicke in den Umgang mit deren Nazi-Vergangenheit. Ich bin überzeugt, dass es bessere Bücher über die Spurensuche in die Jüdische (Familien-)Vergangenheit gibt, nichts desto trotz hat „Kajzer“ seine interessanten und bereichernden Seiten.
Ein sehr spezielles Erinnerungsbuch Schnell wurde mir klar, dass dieses Buch meinen Erwartungen zuwiederläuft. Ich hatte mir einen zusammenhängenderen Text, eine geschlossenere und auch lockere, ja in gewisser Weise unterhaltsamere Erzählweise vorgestellt: Von einem, der auszog, die Vergangenheit ... und aus amerikanischer Sicht: das alte Europa ... zu erforschen. Denn genau das tat der Autor ja und legt ein etwas dekonstruktivistisches Buch vor, das von Auslassungen lebt. Er, der Autor, zeigt sich weniger als Planender und Handelnder, auch nicht als Abenteurer, wie der unpassende Untertitel nahelegt, sondern vor allem in Überlegungen und Empfindungen, die er seinem Planen und Handeln und seinen zahlreichen verblüffenden Entdeckungen beigesellt. (Dass das Buch sich in der deutschen Übersetzung "Sachbuch" nennt, ist natürlich ganz falsch - vielleicht auch ein Übersetzungsfehler. Non-Fiction vielleicht, da der Autor vielleicht darauf besteht, alles genauso erlebt zu haben, aber im Buch mischen sich munter verschiedene Textarten, Berichtsorten, Autofiktionales - kurz und gut, es ist Literatur!) Ich tat mir anfangs durchaus schwer mit dem Lesen, gerade Kapitel 2 über "Der Riese", die Schatzsucher und die Mythen, war mir so fremd und unerwartet, dass es mich sehr beanspruchte und ich auch die eine oder andere Seite nur quer las. Erst mit der Zeit und erst Recht vom Ende des Buches her, erschließen sich Zusammenhänge, zeigt sich auch, wie wohlkomponiert dieses Buch ist. Wie schwierig und widersprüchlich die Erinnerungen und die Erzählungen sind, das zeigt sich auch. Verblüffend ... und zugleich kennt man das ja selbst, je älter man wird, umso mehr und je mehr es zu erinnern gibt mit mehreren Personen gemeinsam. Die gesamte politische und historische Bandbreite des Buches zu skizzieren, sprengte diese Rezension. Es zeigt sich ein neuer Blick auf die jüdische Geschichte, eng verquickt mit der europäischen, ein neuer Blick auf die Erfahrungen der Generationen im und seit dem 2. Weltkrieg. Die entsetzlichen Gräuel des Nationalsozialismus spielen immer noch eine große Rolle - und an manchen Stellen im Buch stockte mir der Atem. An einer Stelle schreibt der Autor, dass die Aufzeichnungen Holocaust-Überlebender nach dem Krieg erschreckenderweise geradezu eine Art Genre wurden, da sie einander ähnelten, was sonst - und störend auch in vielerlei Hinsicht, da das Beschriebene eben unfassbar ist und bleibt. In den vergangenen Tagen habe ich auf der Frankfurter Buchmesse dankbar erlebt, wie differenziert, lebendig, warmherzig und klug Erinnerungsarbeit heute ist - bei Dana Vowinckel bis Lizzie Doron. Vor dem Hintergrund des 7. Oktober 2023 und allem, was damit zusammenhängt, blättert sich dieser Tage der Kontext aus Schuld und Scham, tief in die deutsche Geschichte versenkt, wieder auf. Es gibt Menschen, die auf kluge und achtsame Weise nachdenken und dabei auch vergeben, ich zähle nun Menachem Kaiser unbedingt dazu.
Kajzer beschreibt den Versuch des Autors ein altes Mietshaus seines jüdischen Großvaters im polnischen Schlesien, der von den Nazis enteignet wurde und als einziger in seiner Familie den Holocaust überlebt hat, zurückzuerlangen. Der Autor hat seinen Großvater persönlich nicht kennengelernt und begibt sich somit auf Spurensuche nach einem Familienerbe, von dem er nicht so recht weiß, worin es besteht und was er mit ihm anfangen will, sollte er es wiedererlangen.
Kaiser trifft dabei auf allerlei bürokratische und andere Hürden, wie die Weigerung der polnischen Justiz seine Vorfahren für tot zu erklären. Er spricht von sehr besonderen jüdisch-polnischen Geschichte, der Dämonisierung der Juden, die nach dem Krieg wiederkommen und den Polen "ihr" Eigentum wegnehmen wollen, einer Art Täter-Opfer-Umkehr, dem Gefühl sich für seine Rückforderung rechtfertigen zu müssen. "Du hast deine Geschichte, wir haben unsere. Deine Geschichte ist nicht wahrer als unsere".
Auf dieses Buch war ich besonders gespannt, da ich selbst aus Schlesien komme und diese historisch gesehen sehr turbulente Region schon immer faszinierend fand. So habe ich bei der Lektüre nicht nur die Reise Kaisers verfolgt, sondern auch viel über die Geschichte meiner Heimat erfahren. Kaiser schreibt sehr treffend "Schlesien ist zugleich Polen und Nicht-Polen".
Das Buch nimmt manchmal sehr unerwartete Wendungen, Kaiser trifft auf Schatzjäger und Verschwörungstheoretiker, die in Schlesien versuchen, alte Nazischätze zu finden. Zunächst scheint das nichts mit seinem Vorhaben zu tun zu haben. Diese haben jedoch die Tagebücher eines von ihnen fast schon verehrten Juden zum Vorbild, der in acht Konzentrationslagern interniert gewesen war und es geschafft hatte Tagebuch zu führen bis ihm schließlich die Flucht gelang. Der Name des Juden ist Abraham Kajzer, ein Cousin seines Großvaters, wie sich herausstellt.
So erlangt Kaiser am Ende seiner Suche nach dem Familienerbe vielleicht kein Haus, aber das Wissen um entfernte Familienmitglieder, von denen er sonst nie erfahren hätte.
Ich kann mir schon vorstellen, dass das Buch für viele zu ergebnis- und ereignislos ist, ich fand die Beschäftigung eines Menschen mit seinen Wurzeln, auch wenn ich zuvor noch nie von diesem Menschen gehört hatte, jedoch sehr spannend und augenöffnend.
Menachem Kaiser nimmt uns mit auf seine ganz persönliche Odyssee. Seinen Großvater hat er nie kennengelernt und es wurde auch nie viel über ihn gesprochen. Es war in der Familie eigentlich nur bekannt, dass Kaiser sen. als einziger seiner Familie den Holocaust überlebt und von Polen nach Kanada geflohen ist.
Als Menachem beruflich nach Polen musste, kam der Stein ins Rollen. Er fragte seinen Vater, wo sein Großvater eigentlich gelebt hatte und bekam eine Adresse. Menachem fährt hin, in der wagen Hoffnung, eine Verbindung zu seinen Wurzeln aufbauen zu können. Und bei diesem Bestreben wühlt er sich durch ein Dickicht aus Vorschiften, Gesetzen, Missverständnissen, Sprachproblemen (er spricht kein Polnisch, seine Gesprächspartner nicht immer Englisch), immer in der Hoffnung, das Mietshaus seiner Großeltern zurückfordern zu können.
Während dieses jahrelangen, zermürbenden Kampfes lernt Menachem Menschen ganz unterschiedlicher Couleur kennen: Da sind ehemalige Theaterangestellte, aktive Schatzsucher und Forscher, Dolmetscher, Anwälte, Richter ... und ein verschollener Verwandter, dessen Nachkommen und seine Geschichte. Und Menachem stellt sich zunehmend die Frage: Warum mache ich das eigentlich?
Während ich dieses Buch las, stellte auch mir die Frage: Ob ich das auch mache? Die Geschichte meiner Familie erforschen? Von meines Vaters Vaters Familie gibt es einen Stammbaum, der mehrere hundert Jahre zurückreicht, dafür hatte einer seiner Cousins vor zig Jahren gesorgt. Doch Familie ist doch noch größer. Da wäre noch der Stammbaum von Papas Mutter sowie die von den Eltern meiner Mutter. Interessant wäre es sicherlich, mal zu gucken, wer so alles noch dazu gehört und wen man noch aufstöbern könnte und welche Geschichten man aufdecken könnte. Doch dann frage ich mich gleichzeitig: Will ich das wirklich wissen? Was bringt es mir? Und was würde es den Menschen bringen, die vielleicht ganz entfernt zur Familie gehören, aber nichts davon wissen? Wollen sie es wissen?
Vätererbe Seinen Großvater hat er nicht gekannt, sich für die Familiengeschichte bisher nicht besonders interessiert, und dennoch beginnt der Autor plötzlich zu forschen. In Polen macht er sich auf die Suche nach dem Wohnhaus seiner Ahnen. Das Mietshaus in Schlesien wurde von den Nazis enteignet und nicht mehr an die Familie zurückgegeben. Auf dieser Spurensuche kreuzt er die Wege von Schatzsuchern, Anwälten und anderen Fremden. Er stellt Bezüge zur Vergangenheit her und außerdem viele Fragen, unter anderem, was es überhaupt bedeutet, ein Erbe anzunehmen. Die abgeschlagene Emailtasse am Cover führt passend ins Thema Erbe und Familie; es könnte sich dabei gut um die Erinnerung an einen Vorfahren handeln. Kaisers Buch besteht aus vier Teilen und umfasst einen Zeitraum von mehreren Jahren. Er bezeichnet es selbst als Sachbuch, doch nicht nur durch die Sicht eines Ich-Erzählers wird es sehr persönlich und dadurch auch berührend. Er zitiert Passagen aus den Aufzeichnungen eines – neu entdeckten - Verwandten, baut Dialoge ein und wirkt in allen Ausführungen recht ehrlich; bei allem Ernst der Thematik versteckt er an etlichen Stellen im Text auch trockenen Humor. Der Autor gibt in diesem Buch die Ergebnisse seiner außergewöhnlichen und ihn oft ermüdenden Spurensuche preis; mit allen Herausforderungen, Hindernissen und juristischen Spitzfindigkeiten, denen er dabei begegnet. Er baut historische Fakten ein, die dennoch nicht leicht greifbar sind; er schweift ab, beschäftigt sich mit Ausführungen zu Verschwörungstheorien, mit Goldsuchern oder anderen Themen. Und immer wieder kehrt er zurück zum Begriff Erbe, das er weniger in dem gesuchten Gebäude sieht, sondern vielmehr im Immateriellen und dadurch auch im Bemühen darum, zu begreifen, was man zurückgewinnen will.
Abenteuerliche Reise in die eigene Familiengeschichte
"Kajzer" ist ein flott geschriebenes Buch über die Reise von Menachem Kaiser, um den Besitz seines Großvaters in Polen zurückzuerlangen, der seiner Familie während des Holocausts gestohlen wurde. Menachem Kaiser hat außer seinem Vater keinen seiner familiären Vorfahren gekannt, ist aber mit den Geschichten vieler seiner Verwandten, einschließlich seines Großvaters, während des Holocausts aufgewachsen. Auf seiner Reise nach und durch Polen erfährt der Autor Neues und Unbekanntes über seine Vorfahren und begegnet Nazi-Schatzsuchern, die nach vergrabenen Schätzen und versteckten Relikten aus der Nazizeit suchen.
Es geht um Nazi-Verschwörungstheorien, Mythenbildung, Nostalgie und Erinnerung. Zudem wird man Zeuge der polnischen Bürokratie, taucht in die Lager von Nazi-Schatzsuchern ein und lernt vergessene Geschichte und Geheimnisse kennen. Kaisers Beobachtungen sind scharfsinnig, er liefert keine moralische und historische Klarheit, sondern zeigt die Zweideutigkeit seiner Suche nach Antworten auf und dass es die eine Wahrheit nicht gibt.
"Kajzer" ist eine abenteuerliche und fesselnde Reise, auch wenn der Autor manchmal den roten Faden zu verlieren scheint, wodurch die ein oder andere Passage langatmig wirkt und sich im Nichts verliert. Es wirkt etwas unfertig. Dennoch ist es dank des lebendigen Schreibstils des Autors eine kurzweilige und sehr interessante Reise in die Familiengeschichte des Autors und eine etwas andere Geschichte über den Holocaust, die durchaus zum Nachdenken anregt.
Das Buch ist aus der Perspektive des Autors geschrieben, der sich auf Spurensuche nach seinen Familienangehörigen begeben hat. Sein Großvater ist bereits acht Jahre vor seiner Geburt gestorben und sein Wissen über ihn und sein Leben war gering. Als er 2010 erstmalig aus beruflichen Gründen nach Polen fäht, verspürt er den Drang, die Heimat seiner Großeltern aufzusuchen. Zunächst soll es eine einmalige Sache bleiben, aber nachdem er feststellt, dass sein Großvater mehr als zwanzig Jahre lang vergeblich versucht hat seinen durch den Krieg verlorenen Familienbesitz wiederzuerlangen, will er mehr wissen und beginnt sich ausführlich mit seiner Familiengeschichte zu beschäftigen.
Zunächst muss ich sagen, dass ich es sehr anstrengend fand das Buch zu lesen. Die Sätze waren klar und gut verständlich, aber mir fehlte die Struktur, Absätze und Kapitel, die den Ereignissen ein wenig mehr Form verleihen und sie dadurch leichter verdaulich machen. Dennoch ist die Familiengeschichte von Menachem Kaiser interessant und ich möchte sagen auch außergewöhnlich. Die Spurensuche gestaltet sich oftmals als schwieriger als gedacht, sind aber keineswegs erfolglos. Dadurch ist ein lesenswertes, berührendes Buch mit Erinnerungen an für den Autor unbekannte Familienmitglieder entstanden.
Bei dem Versuch seinen verstorbenen Großvater besser verstehen zu können, begibt sich der Autor auf eine verzweigte Erinnerungsreise auf der Suche nach den Wurzeln und dem Erbe seiner Familie und trifft dabei auf verschiedenste Charaktere, Zeitzeugen und bürokratische Hürden. Die Erlebnisse, Schritte und Entdeckungen des Autors werden nicht gradlinig, sondern fragmentiert und teilweise sprunghaft beschrieben, dabei jedoch auch sehr plastisch und lebendig, sodass man in vielen Passagen den Eindruck hat den Erzähler hautnah auf seiner Reise zu begleiten. Die Umstände werden nicht verklärt oder romantisiert, immer wieder hinterfragt der Autor sein eigenes Vorhaben und scheint oft selbst nicht zu verstehen, ob und welchen Endpunkt seiner Reise er eigentlich erwartet. So verläuft sich der Autor zeitweise in Nebenschauplätzen, stößt auf den Abzweigungen jedoch auf das mysteriöse Riese-Projekt, dubiose Schatzjäger und eine bisher unbekannte Facette seiner Familiengeschichte. "Kajzer" ist ein spannendes Sachbuch mit nicht nur einer Geschichte, sondern den Einblick in viele Leben, verborgene Schätze und eine unbekannte Seite Schlesiens. Das Ende kommt anders als erwartet und bietet keinen Abschluss im typischen Sinne, zeigt jedoch auch auf, dass Vergangenes nicht immer vollends aufgeschlüsselt werden kann und jede Geschichte nicht nur eine Seite hat.
Die Leseprobe hatte mich sehr überzeugt und neugierig gemacht: "Der Autor schildert als Nachkomme eines Holocaust-Überlebenden seine Nachforschungen in Polen. Da sein Großvater Versuche unternommen hatte, eine Entschädigung für das durch Enteignung verlorene Haus zu bekommen, beginnt Menachem Kaiser bei Recherche-Aufenthalten mit seiner Suche. In sehr authentischer Sprache wird über die generationenübergreifenden Nachwirkungen der Shoah erzählt, die in der eigenen Familie verschwiegen wurde. Ich bin sehr gespannt, was der junge Autor nach so langer Zeit noch erfahren kann." Leider ist im Verlauf des Buches der rote Faden häufig nicht mehr erkennbar. Bei den Nachforschungen kommt Menachem Kaiser von der Suche nach seinem Großvater ab, als er auf Spuren von dessen Cousin stößt. Da dieser als Häftling an einem seltsamen Höhlenprojekt der Nazis gearbeitet hat und später ein Tagebuch über diese Zeit veröffentlichte, erfahren wir einiges über die sogenannten "Schatzsucher", die diese Höhlen aufspüren und auf versteckte Wertgegenstände hoffen. Häufig ist die Beschreibung zu detailreich, verliert sich in Nebensächlichkeiten und am Ende bleibt nur die Erkenntnis, dass man über die verstorbenen Familienmitglieder oft nichts mehr erfahren kann.
Über seinen Großvater wusste Menachem Kaiser kaum etwas, obwohl sie den gleichen Namen tragen - eigentlich nur, dass dieser als Einziger seiner Familie die Shoah überlebt hat. Als er aus beruflichen Gründen in Schlesien ist, wo sein Großvater geboren wurde, beschließt er aber, das Haus dessen Kindheit aufzusuchen. An diesem emotionalen und geographischen Startpunkt beginnt für Kaiser eine mehrjährige Reise durch Polen, Deutschland und Israel, auf der er versucht, der Geschichte seines ihm so unbekannten Großvaters näher zu kommen. Diese Reise nimmt so viele unerwartete Wendungen und streift so viele überraschende Themen, dass das Buch mehr ist als die anfangs erwartete Spurensuche eines jungen Mannes nach den Wurzeln seiner Familie. Es ist ein Werk über die Auswirkungen der Shoah auf jüdische Traditionen und den Umgang mit den nationalsozialistischen Verbrechen in Polen, vor allem aber über die Frage, wie wir uns erinnern, wie wir Familiengeschichte erzählen, welche Verbindungen zu Orten über Generationen bestehen und was es heißt, auf der Suche danach sich selbst zu finden. Ein wichtiges, nachdenklich stimmendes Buch!
Ich habe mich bei der Lektüre des Buches schwer getan. Das kann aber an meiner persönlichen Verfassung bzw. Geschmack liegen. Für mich wirkt es sprachlich ab und an zäh, so dass ich die Konzentration verliere. Inhaltlich finde ich das Buch Klasse. Er beschreibt seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse, bei der Reise durch Polen und dem Kampf das eigene Erbe zu erlangen. Für mich neu, dass es diese Missstimmungen zwischen den vertriebenen Juden und den Polen gibt. Das zu lesen war interessant und aufschlussreich. Irgendwie kann man beide Seiten nachvollziehen, und weiß nicht so richtig was man denken soll. Die Erlebnisse die Kaizer beschreibt sind alle sehr aufschlussreich, um das große Ganze zu verstehen. Bzw. es zu versuchen. Auch weiß ich nicht so richtig wem ich dieses Buch empfehlen soll. Eigentlich finde ich sollte es jeder lesen, könnte aber nicht jedermanns Nerv treffen.