Ein Buch, das man gerne mag, weil es entspannt. Entspannend ist dieser besondere Kermani- Ton, der Ruhe ausstrahlt und ein bisschen Weisheit, wenn über Religion, Kunst und Literatur sinniert wird - nebenbei auch über Tod und Eheleben. "Weisheit" ist das, weil der Zweifel nie ausgeräumt wird, sondern immer Motor für weiteres Nachdenken bleibt: Kann man die Menschen lieben, solange man noch seine Nächsten liebt? (Jesus habe das verneint!) Ergo: Kann man gute Bücher schreiben, solange man eine gute Ehefrau und Mutter und dann erst Autorin sein will? Und was passiert, wenn es umgekehrt wäre? Die Sicht des mit dem Christentum so Fremd- Vertrauten birgt manch überraschende Bibeldeutung, die immer auch Kulturphänomene in ein neues Licht stellt: Gott als "Leerstelle", die zu füllen die Sinnsuche antreibt. Das versteht man auch, wenn man in "Gott" nur eine Metapher sieht und ansonsten kein Autor ist.
Der "besondere Ton" entsteht wohl aus dem Kreisen um immer dieselben Überlegungen, die jedes Mal um wenige Nuancen bereichert werden. "Besonders" muss dieser Ton sein, weil auf der rein sachlichen Ebene für meinen Geschmack ein bisschen zu viel von Tod, Krankheit und Alter die Rede ist. Warum sonst bleibt man also dabei? Ein Jahr, in dem es um nichts anderes geht... Dennoch bemerkt man das zu Anfang gar nicht, auch, weil die Schilderungen des Lebens mit der buckligen Verwandtschaft in Teheran dem Ganzen ein bisschen Exotik verleiht. Gegen Ende werden Tod, Krankheit und Angst um Gott und die Welt allerdings doch ein wenig störend, relativiert nur durch anregend- kluge Gedanken z.B. zu Afghanistan. Da waren ein paar Überlegungen dabei, die ich so woanders noch nicht gefunden habe und die ich spannend fand.
Zu den Besonderheiten des "Tons" gehört auch die Art, in der über Literatur (und Kunst) nachgedacht und geschrieben wird. "Literatur" (Kunst) ist hier lebensnotwendig, wird befragt und die Antworten werden gegen das Leben abgewogen. Es ist dieses Verfahren, das mir zusagt, kenne ich es doch aus eigenem Erleben; anders geht es mir freilich mit den Büchern, aus denen zitiert wird: Meist haben mir die ausgewählten Stellen nichts gesagt. Aber das ist es eben, worum Kermanis Gedanken kreisen: Warum erreicht einen Literatur in einem bestimmten Augenblick, sagt einem ein Buch in einem bestimmten Moment etwas? Bei Kermanis Protagonistin, in der man wohl den ins Weibliche nur leicht verfremdeten Autor erkennen darf, wird alles durch die Brille der Trauer oder der Angst um den Sohn, auch die des Versuchs, das Scheitern der Ehe zu begreifen, in ein besonderes, individuelles Licht gerückt. Ich teile diese Erfahrungen nicht, vielleicht sagen mir die zitierten Passagen deshalb nichts. Aber noch der Umstand, dass sie mich nicht ansprechen, wird aufgehoben in dem vorgeführten Umgang mit Literatur, der solches "Scheitern" einschließt, weil er es letztlich erklärt.
Dennoch sind es diese beiden Positionen, etwas zu viel Melancholie und etwas zu viel Nadal und andere Autoren, die mich nicht erreicht haben, die - nebst der paar Längen zum Ende hin - den Gesamteindruck ein wenig trüben. Trotzdem: Ein tolles Buch für ein langes Wochenende, an dem sonst nichts passiert. Mithin ein etwas aus der Zeit gefallenes Lesevergnügen: Nicht spannend, nicht mitreißend, nicht schnell, sondern entschleunigend. Ein Buch, um sich darin zu verlieren. Schön. Wer's mag, dem winken wirklich entspannte Stunden bei einem Lesevergnügen der besonderen Art.