"Der große Märchenschatz" vereint alle gesammelten Märchen der Gebrüder Grimm, sowohl weltbekannte als auch in Vergessenheit geratene Erzählungen. Schön fand ich bei dieser Ausgabe, dass viele Märchen in Mundart wiedergegeben sind und die Erzählungen durch traumhafte Illustrationen ergänzt werden. Ich als Erwachsene fand die Märchen weniger auf erzählerischer Ebene interessant, sondern eher in Bezug auf die darin angelegten Stereotype und Vorurteile. Manchmal hat es sich angefühlt als würde ich gerade keine Märchensammlung lesen, sondern das 1×1 der Frauenfeindlichkeit - von der bösen Stiefmutter über die faule Schwester und die eitle Königstochter bis hin zur gierigen Ehefrau, die ihren Mann ins Verderben führt, ist hier eine Reihe von tief verwurzelten Vorurteilen versammelt. Und natürlich ist es der wortwörtlich krönende Abschluss vieler Heldengeschichten, die Königstochter oder eine andere Frau als "Belohnung" zu bekommen. Sehr befremdlich aus heutiger Sicht ist auch die Judenfeindlichkeit in einigen Geschichten. Ich würde trotzdem jedem empfehlen, die Märchen zu lesen, weil es dadurch nachvollziehbarer wird, wie solche immer wieder erzählten Geschichten Vorurteile über Jahrhunderte verfestigt haben.