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By Bertolt Brecht Leben Des Galilei (German Edition) [Paperback]

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Bertolt Brecht

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Eugen Berthold Friedrich Brecht was a German poet, playwright, and theatre director. A seminal theatre practitioner of the twentieth century, Brecht made equally significant contributions to dramaturgy and theatrical production, the latter particularly through the seismic impact of the tours undertaken by the Berliner Ensemble—the post-war theatre company operated by Brecht and his wife and long-time collaborator, the actress Helene Weigel—with its internationally acclaimed productions.

From his late twenties Brecht remained a life-long committed Marxist who, in developing the combined theory and practice of his 'epic theatre', synthesized and extended the experiments of Piscator and Meyerhold to explore the theatre as a forum for political ideas and the creation of a critical aesthetics of dialectical materialism. Brecht's modernist concern with drama-as-a-medium led to his refinement of the 'epic form' of the drama (which constitutes that medium's rendering of 'autonomization' or the 'non-organic work of art'—related in kind to the strategy of divergent chapters in Joyce's novel Ulysses, to Eisenstein's evolution of a constructivist 'montage' in the cinema, and to Picasso's introduction of cubist 'collage' in the visual arts). In contrast to many other avant-garde approaches, however, Brecht had no desire to destroy art as an institution; rather, he hoped to 're-function' the apparatus of theatrical production to a new social use. In this regard he was a vital participant in the aesthetic debates of his era—particularly over the 'high art/popular culture' dichotomy—vying with the likes of Adorno, Lukács, Bloch, and developing a close friendship with Benjamin. Brechtian theatre articulated popular themes and forms with avant-garde formal experimentation to create a modernist realism that stood in sharp contrast both to its psychological and socialist varieties. "Brecht's work is the most important and original in European drama since Ibsen and Strindberg," Raymond Williams argues, while Peter Bürger insists that he is "the most important materialist writer of our time."

As Jameson among others has stressed, "Brecht is also ‘Brecht’"—collective and collaborative working methods were inherent to his approach. This 'Brecht' was a collective subject that "certainly seemed to have a distinctive style (the one we now call 'Brechtian') but was no longer personal in the bourgeois or individualistic sense." During the course of his career, Brecht sustained many long-lasting creative relationships with other writers, composers, scenographers, directors, dramaturgs and actors; the list includes: Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin, Ruth Berlau, Slatan Dudow, Kurt Weill, Hanns Eisler, Paul Dessau, Caspar Neher, Teo Otto, Karl von Appen, Ernst Busch, Lotte Lenya, Peter Lorre, Therese Giehse, Angelika Hurwicz, and Helene Weigel herself. This is "theatre as collective experiment [...] as something radically different from theatre as expression or as experience."

There are few areas of modern theatrical culture that have not felt the impact or influence of Brecht's ideas and practices; dramatists and directors in whom one may trace a clear Brechtian legacy include: Dario Fo, Augusto Boal, Joan Littlewood, Peter Brook, Peter Weiss, Heiner Müller, Pina Bausch, Tony Kushner and Caryl Churchill. In addition to the theatre, Brechtian theories and techniques have exerted considerable sway over certain strands of film theory and cinematic practice; Brecht's influence may be detected in the films of Joseph Losey, Jean-Luc Godard, Lindsay Anderson, Rainer Werner Fassbinder, Nagisa Oshima, Ritwik Ghatak, Lars von Trier, Jan Bucquoy and Hal Hartley.

During the war years, Brecht became a prominent writer of the Exilliteratur. He expressed his opposition to the National Socialist and Fascist movements in his most famous plays.

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Profile Image for Klaus Mattes.
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October 4, 2025
Eine große Schulfunk-Stunde. Mehr nicht.

Aber ich glaube, das gibt es gar nicht mehr und ich muss es erklären. Als ich noch jung war, gab es im Radio, nicht im Fernsehen, in einem der weniger oft eingeschalteten Programme der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten fünf Tage in der Woche, spätnachmittags eine Stunde Programm, die sich „Schulfunk“ nannte. Gemacht wurden diese Sendungen, die man zum allergrößten Teil etwas später mit dem moderneren Wort „Feature“ hätte charakterisieren können, von Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge, die der gebildeten Mittelschicht entsprungen waren und vornehmlich für höhere Bildungsanstalten, die Gymnasien, nicht für irgendwelche Feld-, Wald-, Wiesenschulen arbeiteten, also für deren Lehrer vor allem, aber man tat, als ob es für Schüler wäre. An sich hätten unsere Lehrer so was mitschneiden und in ihren Stunden vorspielen können, das machte aber nie einer. Heute dürfte es dergleichen nur noch als frei runterladbare Podcasts des Bayerischen Rundfunks geben.

Es gab auf diesem Sendeplatz so Reihen. Zum Beispiel eine Diskussionsrunde von Schülern, wo sie aktuelle Fragen besprachen („Zu welchem Zwecke betreiben wir Entwicklungshilfe?“, „Kann die Menschheit sich irgendwie einigen?“) oder dann so „Einführung in die biologischen Bausteine des Lebens“ oder etwas wie „Die unsterblichen Frauen unserer Kulturgeschichte“. Doch, doch! Was mit Frauen hat es damals schon gegeben, das ist nicht so neu, wie immer getan wird.

Allerdings eher nicht bei einem Autor wie Bertolt Brecht. Der auch dieses Stationendrama erst verfasst und später für verschiedene Fassungen und die amerikanische Übersetzung bearbeitet hat, indem er nachmalig eher unprominent gebliebene Hilfskräfte wie Ruth Berlau oder Elisabeth Hauptmann für sich einspannte, während im Stück selbst immer ein einziger Mann in einem Innenraum sitzt und von draußen alle diese eher untergeordneten Figuren hereinschneien, an denen er seine Menschlichkeit ausüben kann oder von denen er gesagt bekommt, dass er aufpassen soll, weil dort draußen arbeiten fast alle gegen ihn. Also seine Tochter, sein Assistent, der sie heiraten will, er funkt aber dazwischen. Sein Linsenschleifer. Seine Köchin und Wäscherin, die ihn seit ewigen Zeiten bemuttert und für ihn sterben würde. Der Sohn der Köchin, dem er den Himmel erklärt. Der kleine Mönch. Und so weiter.

Das liest sich jetzt spöttisch, despektierlich, dabei ist es ja nicht übel gemacht, eben eine großartige Schulfunk-Stunde. Wenn ich weiß, dass ich nur eine Stunde habe und ziemlich unbeleckten Schülern was über die Leistungen Galileo Galileis beibringen muss, dann kommen keine Partys, Königsmorde, Schäferstündchen in meinem Stück, sondern da sitzt oder steht einer in seiner Kutte oder dem Pelz in der Mitte der Szene und textet allerlei Chargen mit dem Papier zu, das man sich in wissenschaftlichen Bibliotheken vorher angelesen hatte. Brecht hat in der Tat eine Menge Sachbücher gründlich durchforstet, insbesondere eine große, zweibändige Galilei-Biografie aus dem Jahr 1909, die er mehrfach wörtlich zitiert, wie uns der Kommentar verrät.

Wenn es etwas anderes als eine Schulstunde für Gymnasiasten wäre, in denen sie auf die Schnelle aufgeklärt werden, worin die Leistung des italienischen Astronomen für die Wissenschaftsgeschichte der Menschheit bestanden hat, würde man fragen: Aber warum hat er sich diesen Galilei ausgesucht, was reizte ihn, was will er an diesem Beispiel zeigen, worauf will er nur raus? Ich sage es vorweg: Gelungen wird man dieses Theaterstück finden, wenn solche Fragen einem egal sind. Beim Schulfunk ist einem egal, wieso man das lernen muss. Es gibt Leute, die das studiert haben: zu wissen, was Ungebildete lernen sollten.

Brecht war 1933 ein Tag nach dem Reichstagsbrand aus Deutschland geflohen und, als er sich 1938 und 1939 mit Galilei beschäftigte, schon längere Zeit in Dänemark, wo die Berlau übrigens geboren und aufgewachsen war. Die Flucht ging danach weiter, nach Schweden, die Nazis besetzten Dänemark, nach Finnland und als der Krieg auch das erreichte, nicht etwa ins relativ nahe Moskau, wo mittlerweile eine größere Gruppe seiner kommunistischen Bekannten aus den Münchner und Berliner Jahren untergekommen war, sondern die Sowjetunion blieb Zwischenstation auf dem Weg nach Los Angeles. Den „Galilei“ hat es seinerzeit als Buch noch nicht gegeben, aber uraufgeführt wurde er, mitten im Krieg, von anderen Bekannten Brechts, am Schauspielhaus Zürich, der legendären Plattform des deutschsprachigen Widerstands gegen eine faschistische Weltordnung. Wenig verwunderlich, dass am Text kleinere Änderungen vorgenommen wurden, um es als ein Stück gegen den Faschismus zu inszenieren.

Knapp nach Kriegsende, die Bundesrepublik existierte noch nicht, brachte Peter Suhrkamp in Frankfurt eine Buchausgabe heraus und dann nahm der Suhrkamp Verlag diesen Titel auch wieder, um Mitte der sechziger Jahre seine erste Taschenbuch-Reihe auf den Markt zu bringen, die edition suhrkamp. Und noch einmal nahmen sie es Mitte der neunziger Jahre als Band 1 der SBB, der Suhrkamp Basis Bibliothek, die eine preisgünstige, aber schöne Taschenbuchserie für den Schulgebrauch sein wollte.

Ich entnahm ein SBB-Exemplar (kostenlos) einem öffentlichen Bücherschrank und konnte dann sehen, dass dieses Stück wohl immer noch als Abitursstoff behandelt wird, denn das Buch war mit Textmarker bearbeitet und enthielt eine Vielzahl sehr braver Bleistiftnotizen, mit denen eine Schülerin die Hinweise einer Lehrperson aufgenommen hatte. All dies sah so gründlich und konzentriert, dabei aber auch so hilf- und leidenschaftslos aus wie die Erschließungshilfen, die der Suhrkamp Verlag dem „Galilei“ mitgegeben hatte. Man bekam allerlei erklärt und wusste am Ende immer noch nicht, was es denn sollte.

Ich mag diese SBB-Serie, musste aber wiederholt feststellen, dass sie voller Wir-kleine-Germanistik-Studenten-Getue ist und darüber zu dem, was heutige Jugendliche wirklich bräuchten, irgendwie nicht kommt. Es ist schön, dass man ein Taschenbuch so weit auseinanderschlagen kann, wie man will, ohne dass es bricht oder aus dem Leim geht. Dass es im gesamten Text eine Zeilenzählung gibt, ihre Ziffern aber so unauffällig angebracht wurden, dass man sie nicht zu bemerken braucht. Dass hinten im Buch zirka 20 Seiten mit Texterläuterungen kommen, die kein Mensch ansehen muss, wenn er nicht mag, auf die er allerdings genau an der passenden Stelle des Originaltexts hingewiesen wird, indem die Passagen Häkchen am Anfang und Ende bekommen haben. Und nicht genug, Erklärungen, für die man nur ein paar Wörter braucht, stehen gleich neben der jeweiligen Textstelle im Randbereich, also nicht oben drüber oder unten, man kriegt sie auf Augenhöhe!

Aber nun ja. Wir bekommen erklärt, dass „Eminenz“ eine Anrede für Kardinäle ist. Denn man muss davon ausgehen, dass Oberstufenschüler noch nie einen Hollywoodfilm mit Päpsten oder Kardinälen gesehen haben. Oder dass Germanisten immer noch nicht gemerkt haben, dass es solche gibt. „Observationen“ sind Beobachtungen. Wir können nicht davon ausgehen, dass wer Brecht in der Schule liest, Fremdsprachen gelernt hat, in denen es „to observe“ oder „observer“ heißt. Oder dass es in der Stadt ein Observatorium gibt. Wenn jemand sagt, erst läutet die Glocke von Sankt Markus, dann wird Galileos Leugnung seiner eigenen Thesen öffentlich verlesen, sagt der Apparat, dass „San Marco“ eine Kirche in Rom ist. Sofort verstehen wir es besser. Wenn dann Andrea, Galileis einstiger Assistent, dessen Eheschließung mit der Tochter er im Wege gestanden hatte, auf die Nachricht, da werde ein Widerruf verlesen, mit wenigen Worten reagiert: „Ich glaube es nicht“, ist es schon gut, wenn man als Schülerin eine Lehrerin oder einen Lehrer hat, der darauf aufmerksam macht, dass diese Stelle wichtig ist, sodass man sich dazu schreibt: „Er will es nicht wahrhaben.“

So. Und, obwohl ich nicht glaube, dass irgendeine Schulklasse je was damit angefangen hat, enthält so ein Klein-Germanisten-Buch natürlich noch knapp 10 Seiten thematisch untergliedertes Literaturverzeichnis, sodass man einen Überblick vom Stand der Forschung bekommt. Dann noch gut 10 Seiten, die einem die Unterschiede zwischen den drei verschiedenen Textversionen andeuten, unterfüttert mit Zitaten aus Brechts literarischen Werkjournal, die in einem Deutsch gehalten sind, das ich auch nicht immer kapiert habe, aber dort gibt es dann leider keine Erläuterungen mehr.

(Es gab die dänische Fassung, die weitgehend der Zürcher Fassung entspricht. In Hollywood bereitete Brecht eine Verfilmung mit Charles Laughton vor, die es dann nie geben sollte, aber es gab ein paar wenige Theateraufführungen in Hollywood und später noch mal in New York. Also musste das Ding erst noch übersetzt werden und bekam bei dieser Gelegenheit mehrere Anspielungen auf Oppenheimer, den Naturwissenschaftler, der die Atombombe miterfunden und sich dann vergeblich gegen deren Gebrauch eingesetzt hat, hinzu. Nach dem Krieg lebte Brecht Jahre in den USA, wurde im Zuge des Kalten Kriegs aber der kommunistischen Wühlarbeit verdächtigt und vorgeladen. Wie Galileo von der Inquisition, aber dass es so kommen würde, hatte er in Dänemark nicht ahnen können. Jedenfalls ging er zurück nach Europa, nämlich zuerst in die Schweiz, erst danach in die DDR, weil man ihn dort hofierte, ihm sein Theater gab, während man ihn in der BRD nicht wollte. Aber „Galileo“ konnte in der DDR nicht gespielt werden. Erst Mitte der fünfziger wurde es in Westdeutschland aufgeführt, dort als Kritik am kommunistischen Absolutismus. Quasi als sozialistische Antwort ließ man Brecht in Ost-Berlin es nun auch noch machen. Es entstand eine dritte Textfassung, die Ausgabe letzter Hand, welches die der von mir gelesenen Schulausgabe ist. In dieser Fassung, behauptet jedenfalls der Herausgeber Dieter Wöhrle, habe Brecht sich ein wenig von sich selbst und Galilei als einer Lichtgestalt distanziert und ihm Fehler, Feigheit und Versagen angekreidet. Er hätte den Sozialismus nicht in dem Maß vorbereitet, wie er es hätte tun können, indem er sein eigenes Leben über die Verbreitung der Wissenschaft gestellt habe. Brecht erlebte die DDR-Premiere nicht mehr. Er starb an einer Krankheit, die mit seinen lebenslangen Herzproblemen zusammenhing.)

Es ist schon auch schön zu wissen, wann Brecht das alles geschrieben hat und wo er da gerade gewesen ist und wie die ersten Theater es inszeniert haben. Ich hätte das alles ja nicht gewusst, wenn es nicht in den weiteren 10 Seiten „Theatergeschichte“ bzw. „Interpretationen“ von Wöhrles Ausgabe zu lesen gewesen wäre. (Die allerwenigsten Schüler dürften diesen Anhang je lesen. Das ist dann Job des Deutschlehrers, ihnen so etwas zu erzählen.) Allerdings finde ich bei all den Handreichungen und übrigens auch nicht bei den Lehrerkommentaren, die besagte Schülerin ins Buch geschrieben hat, keine Antworten auf folgende Fragen:

Warum fühlte Brecht damals überhaupt die Notwenigkeit, sich an so eine Arbeit zu machen?

Was will der Dichter uns damit sagen?

Wieso lesen wir das heute immer noch? Wo wir so vieles anderes aus den Jahren 1930 bis 1950 durchaus nicht mehr lesen. Wieso dann gerade das?

Es wundert mich angesichts von Brechts Theatertext allerdings nicht, wenn Wöhrle und die anderen, jedenfalls so, wie er sie mir wiedergibt, um genau diese Fragen außen herum schreiben in einer Art, als wäre das Allerwichtigste jetzt gerafft worden.

Mir ist es nicht neu und ist schon so gewesen, als ich noch auf einem westdeutschen Gymnasium gewesen war. Irgendwie musste man von Brecht was lesen, weil er einer der bekanntesten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts war, weil er klar in Opposition zu Hitler und zum Krieg gestanden hatte. Weil man ihn dem Osten als Klassiker nicht einfach so überlassen wollte. Weil er den Nobelpreis verdient gehabt hätte. Weil er der bedeutendste deutschsprachige Theaterautor des 20. Jahrhunderts war. Weil er mit seinem epischen Theater und dem Verfremdungseffekt (der vom Kommentar ins Spiel gebracht und von Brecht mit eigenen Worten in Bezug auf den „Galilei“ bestätigt wird, von dem ich allerdings vergleichsweise wenig in der Szenefolge erkennen kann) so dermaßen viele Nachfolger, weltweit, bekommen hat. Aber man wollte dann wenigstens was von ihm, was möglichst ohne Kommunismus war. Man wollte nicht unbedingt vor Jugendlichen erörtern, ob die Eigentumsverteilung moralisch oder unmoralisch sei, ob eine Revolution helfen könnte oder eher doch nicht. Also wurden seinerzeit „Der kaukasische Kreidekreis“ und vor allem „Mutter Courage und ihre Kinder“ besprochen. Grusinische Volkslegenden und Deutschland in der Barockzeit. Doch schön, wenn man es mal gesehen hat. (Übrigens sind beide Stück auf jeden Fall besser als das hier.)

Ich weiß nicht, ob es so war. Ob vielleicht Suhrkamp dieses hier nur darum zur ersten Schullektüreausgabe bestimmt hat, well es die erste editon suhrkamp gewesen war. Aber es scheint so, als ob heutige Schuldidaktik es für pädagogisch zielführender erachtet, sich um die Ethik der Naturwissenschaften zu kümmern als um die Möglichkeit buchstabengenauer, aber inhumaner Justiz oder die Geschäftemacherei mit dem Krieg und den Zwang, für den eigenen Lebensunterhalt über Leichen zu wirtschaften.

Bloß, was kommt raus, wenn studierte Germanisten nichts wissenden Schülern erklären, warum unsere heutige Weltordnung auf Galileis Entdeckung basiert, dass nicht die Sonne sich bewegt und die Erde fest steht, sondern umgekehrt. (Was übrigens, wie das Stück aber sagt, schon von Kopernikus so gefunden worden war und zeitgleich von Kepler vorgetragen wurde.) Hat Galileis Entscheidung, lieber abzuschwören und in den Hausarrest zu gehen, die Manuskripte ins evangelische Ausland schmuggeln zu lassen, als sich für deren Gehalt verbrennen zu lassen, tatsächlich das Geringste mit Oppenheimer oder Dürrenmatts „Physikern“ zu tun, die das Böse, das sie erfunden haben, am liebsten heimlich aus der Welt schaffen würden? Hat es irgendwas mit Gentechnologie und Corona-Impfung zu tun? Mit Digitalisierung, KI und den Arbeitenden, die sie um Einnahmen bringen? Hat es irgendwas mit Kapitalismus, Kommunismus und Erkenntnisprozessen zu tun. Oder ist es eine Anekdote für den Schulfunk, die zeigt, dass die Menschen alles wissen könnten, wenn man sie nur ließe?

Es gäbe andere Aspekte und sie schimmern bei Wöhrles historischen Aspekten bisweilen sogar durch. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass „Galilei“ dafür in den Lehrplan kam und dass es die Kräfte der Deutschlehrer nicht überstiege, daraus einen kompakten Unterricht zu machen. Bertolt Brecht hat das auf der Flucht vor Hitler geschrieben, in der Emigration, in einer freien, westlichen, kapitalistischen Demokratie. Es würde uns wohl passen, wenn man eine Parabel gegen den Faschismus daraus machen könnte, aber das Stück gibt es nicht her. Es geht da zu oft um Fernrohre, die Galilei von den Holländern kopiert hat, um Gänse, die man ihm schenkt, um Sonnenflecke und Jupitermonde, um die Ehren, die ihm die Medicis und die Päpste bezeugen. Der Autor will ein ganzes Leben in die kleine Schachtel packen.

Es geht vergleichsweise zu wenig - und auch zu spät im Ablauf - um das Innere des kirchlichen Herrschaftssystems. Längere Zeit lässt man Galilei seine Erkenntnisse publizieren, unter Vorgabe, es würde sich um „Gedankenspiele“ handeln. Fragt man sich mal, wieso das Kirchensystem ein verändertes Weltall nicht hinnehmen konnte, merkt man, es hat ihr nicht gepasst, dass auf einmal nicht mehr alles von dem einzigen Gott auf ein Ziel hin erbaut worden sein sollte. Und dass vielleicht nicht der ganze Erdkreis auf den einen Gottesstellvertreter hin ausgerichtet sein sollte. (Gesagt wird das im Stück allerdings nicht. Man muss es schon interpretieren. Und Wöhrle mag es sich denken, sagt es seinen Schülern aber nicht. Wichtiger scheint zu sein, dass sie verstehen, was „Idiom“ bedeutet. Deutsche Deutschlehrer halt.)

Wenn die Kirche seit Jahrhunderten Irrglauben gelehrt hat, die Planeten würden scheinen, der Mond würde sich um die Erde drehen wie die Sonne und der Jupiter, der keine Monde haben darf, weil sie beim Zirkulieren gegen die gläserne Schale scheppern würden, an der der Jupiter aufgehängt ist, dann könnte sein, dass alles untersucht wird, was die Kirche je gelehrt hat. Wenn die Erde nicht Zentrum des Weltalls ist, könnte sein, dass Gott nicht den Menschen als Herrscher der Schöpfung geschaffen hat. Wenn der Mensch etwas wäre wie eine Pflanze oder ein Tier, könnte sein, dass der Papst nicht sein Aufseher sein müsste. Irgendwann könnte sogar sein, dass es Gott nie gegeben hat. Da das aber nicht sein darf, gibt es Lügen, die man immer weiter glauben muss, auch wenn das Gegenteil längst bewiesen ist. Alternative Fakten.

Eine solche Interpretation, falls Brecht sie je beabsichtigte, würde sich nicht gegen Hitler richten, der von niemandem gefordert hat, irgendwelche Erkenntnisse zu glauben, sondern einfach auf seine Stärke gesetzt hat, Deutschland darf alles und jedes beherrschen, was es sich unterwerfen kann, so wie heute Russland. Viel eher würde sie sich gegen Väterchen Stalin richten, den der Personenkult als Sonne des Sowjetsystems darstellte. Der genau zu der Zeit, als Brecht das schrieb, wie gesagt, der Weltkrieg war noch nicht absehbar, eifrig dabei war, Millionen von Menschen auf Grund undurchschaubarer Anordnungen in Lager zu verschieben , über die Klinge springen zu lassen. Der einen überzeugten Kommunisten wie Brecht gerne als Gast empfangen hätte, aber Brecht wollte nach Los Angeles. Man sollte bedenken, dass der Marxismus-Leninismus seinerzeit als unumstößliche Wissenschaft galt. (Doch wohl auch für Brecht. Jedenfalls die Deutschlehrer sollten das bedenken, die ihren Klassen beibringen, Brecht wäre für die freie Wissenschaft gewesen. Also doch auch für die Wissenschaft des Marxismus!)

Dann wäre Galilei der pingelige Forscher, der das, was die Kirche für Wissenschaft hält, nämlich ihren Aristoteles, auf Grund von Feldforschung umzustoßen bereit ist. Auf so eine Art hätte man allerdings dem Marxismus-Leninismus und Stalin auf keinen Fall kommen dürfen. Das hätte Lebensgefahr bedeutet. Brecht wusste das. Er ging zwar nach Ost-Berlin zu seinen Vorkriegsfreunden, aber er war schlau genug, ihnen nicht zu sagen, worin sie Unrecht taten.

Allerdings hat er auch so etwas 1938 noch gar nicht wissen können. Dieses Stück taugt auch schlecht, es als antistalinistisches zu betrachten. Dafür ist zu wenig Masse da. Es ist, wie gesagt, Schulfunk. Es taugt dazu, sich des großen Denkers zu erinnern. Man weiß zwar nicht mehr ganz genau, was man an ihm hatte, aber groß, das war er. Schulfunk.
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