In a comic, disturbing, intense, coming-of age novel that takes readers from the suburbs of Milwaukee to the ruins of the old Prussian capital of Konigsberg--and introduces them to skinheads, drag queens, and international hustlers--Marcus chronicles the exploits of a young American Jew who, in an alarmingly Oblomovian fashion, is becoming physically larger and larger.
The wonder of this novel can only be understood with quotations:
"Trying not to think about Nazis all the time: like (or not like) trying not to have an erection. (Trying not to think about Nazis in Germany: like trying not to think about sex in a porno theatre. Why go in at all?)
"Trying to think about Nazis without trying to think about concentration camps.
"Trying to think about Nazis, as opposed to thinking about Communists: Nazism seems more hard core then communism, which had more time-took longer-to go about its destruction." (pages 187-188)
But what is our young American hero to think about his he wanders about Berlin:
"Berlin: a capital of dead ideas; a card catalogue for a library that no longer exists; intricate, somehow superfluous; symbolic capital of the twentieth century, or else just a capital of twentieth century symbols." (page 188)
But how do you describe anything when the recent past is:
"...as remote, and quaint, as Vaudeville...like the way they all call the European Community the European Union (I call it the European Community, as though no one were calling it the European Union and and had never called it the Common Market)..." (page 271)
What this novel has is a humour that is so true you don't know whether to laugh or cry:
"...Turks and Germans have a lot in common. Just gi ask some Armenians..."
But also some exquisitely moving reflections:
"The last time I was in the cemetery in Weissensee, I had to speak German with jews from Paris who were in Berlin visiting the husband's parents graves...I thought the woman...looked remarkably like one of my mother's best friends, Lana Hurowitz (my mother's friends all seem to have ridiculously Jewish first names...(or the) names of movie stars; names on the tombstones in Weissensee are ridiculously-poignantly, tragically-German: Hedwig, Heinrich, Eric; once I found the tombstone of a Berthold Marcus, who I thought had been a relative of Peter's...but who turned out to be no relation. It had been his grandfather's sister...whose whole family died in the camps; he likes to put up posters for Night and Fog...in the windows of his video shop; 2I like to remind the Germans" he says, in his German accent)." (page 187)
I won't say that you need to know who Marcel Ophuls, Elias Canetti and Franz Kafka are to enjoy this book but it helps. Although Marcus touches base with the Berlin of Christopher Isherwood he is not looking to find his world or its remnants because there are so many more complicated and fascinating layers of history and meaning to discover (thank god, it is possibly one of my most hated tropes the 'gay American boy post fall of Berlin wall discovering himself via a journey to find the Cosy Corner, which is gone, but usual finds a blow job to help him find resolution).
J.S. Marcus wrote the only English language novel, work of literature, no art, that has come out of the fall of the Wall when for a brief time Berlin and also like Prague, were full of young americans with notebooks, imagining they were in pre war Paris and were the incarnation of Hemingway. It is an astounding novel of ideas, literary references and personal introspection. What Marcus writes about Minneapolis and his family and growing up there are as brilliant as his torturous exegesis on Berlin and Germany.
That I am only the second person to write a review (as of August 2024) is a scandal but I fear it is not going to change anytime soon. I am happy to tell you that J.S. Marcus is alive (as of August 2024) and working for the Wall Street Journal, but this was his last book, though he had previously published a book of stories 'The Art of Cartography'.
A truly extraordinary novel and a real masterpiece which made me laugh and cry, often at the same time over the same things. I loved this novel, it wasn't an easy read but it was a wonderfully satisfying one. Not quite like sex, unless you have sex and a really wonderful conversation at the same time.
Ein junger Jude aus Milwaukee, der Stadt des deutschen Biers in Wisconsin, erlebt das Deutschland, genauer gesagt das Nach-DDR-Ost-Berlin ca. des Jahres 1994. Ein mit extremer Informationsfülle vollgestopftes Buch, das eines dieser übersehenen Meisterwerke bleiben wird und muss. Uff, ich bin froh, dass ich es bis ans Ende geschafft habe. Wobei ich den Text weithin als „Roman“ eigentlich kaum akzeptieren wollte, vielmehr als einen überraschend genau hinschauenden Reisebericht, ein Stück Journalismus von einem mit gutem Gedächtnis ausgestatteten „Alien in Fascho-Land“.
Der Erzähler gibt vor, nicht J.S. Marcus zu sein, erschafft sich mit der Zeit sogar noch eine Zweitperson, Joel, von der er in einem Roman erzählen wird, sobald er wieder in den Mittelwesten der USA zurückgekehrt ist. Allerdings ist leicht erkennbar, dass es sich natürlich um keine durchlaufende, in sich abgeschlossene Romanhandlung, vielmehr um Episoden aus dem wahren Leben handelt. Je ferner der Erzähler vom aufgeklärten, verwestlichten Judentum, wie er es in seiner Jugend kennen gelernt hat, sich aufhält, je mehr ihm die Mischung aus Bewunderung, Erschrecken, Unglauben angesichts der deutschen Kulturgeschichte und der Geschmacklosigkeiten und Verrohungen dieser Post-DDR-Jahre beschäftigen, desto intensiver erinnert er sich der Bücher von so etwas wie den genialsten Juden, die es jemals gab, nämlich den deutschsprachigen . Und desto fremder fühlt er sich in diesem Land seiner bisexuellen und Wurst-und-Bier-Genüsse. Zuletzt noch nach Königsberg/Kaliningrad, Immanuel Kant zu Ehren, dann aber weg hier! (Franz Kafka, Elias Canetti, Karl Kraus, Arnold Schönberg, Paul Celan - und zu Hause die Eltern, die chronisch krank sind, sich unübersehbar dem Sterben nähern.)
Man muss es sagen: Dieses Buch ist reich in seiner Gedankenfülle, es turnt herum zwischen verrotteten Wasserrohren in den jetzt noch spottbilligen Altbauwohnungen der Hauptstadt, dem Kohlengeruch der Luft, den Leuten am Bulettenstand, den Vietnamesen, den Porno-VHS-Kassetten auf dem Flohmarkt beim Flughafen Tempelhof und seinen Erinnerungsblitzen an die Shoah, dann den Shoah-Film von Claude Lanzmann, dann den Klaus-Barbie-Film von Marcel Ophüls, dann die poetischen Filme von Max Ophüls und so weiter, hin und her. Das macht beim Lesen wirklich Mühe. Marcus ist ein Autor, der nicht anders kann, jederzeit und überall vom Hölzchen aufs Stöckchen, vom Hundertsten ins Tausendste kommen muss. Sozusagen notorisch die Einschübe in (Klammern, die an einer Stelle einen (Namen oder einen Begriff enthalten, (der eine weitere Abschweifung in eine weitere (Klammer, dann noch mal ein (Schlenker in eine (Klammer) erzeugt), was irgendwann, eine halbe oder ganze dieser dicht bedruckten) Seiten) auch mal wieder geschlossen) wird; dann weiß man irgendwie) kaum noch), wo der rote Faden vor der Klammer eigentlich war. Auch scheint er sich sein Vorbild am Erzähler Thomas Bernhard genommen zu haben, meidet grafische Gliederung durch Textabsätze so lange, wie es nur geht.
Der Amerikaner in Berlin hat eine deutsche Freundin, er muss die Wohnung wechseln, er wohnt in einer Plattenbau-Satellitenstadt, sozial und erwerbsmäßig fühlt er sich ausgesetzt, wird von seinen Eltern als erfolgreicher Intellektueller missverstanden, schaut sich schwule Lederlokale an, lässt sich in öffentlichen Toiletten einen blasen, spült danach den Mund, weil der Bläser ihn zum Abschied geküsst hat. Doch im Großen und Ganzen ist das kein schwules oder bisexuelles, kein erotisches, auch kein Lehrerbuch, nicht wirklich ein Buch voller Erlebnisse oder einer Entwicklung seines Protagonisten, vielmehr ein breitflächiges Mosaik dieser bizarren Deutschen und ihres Gemeinwesens, knapp nach dem großen Jubel, dass sie sich jetzt wiederhaben, Geschichte ans Ende gekommen sei.
Das Buch hätte Mitte der 1990-er in Deutschland verlegt werden müssen, wäre im Programm von Suhrkamp oder DuMont nicht falsch gewesen; man hat die Chance verpasst. Das liegt in der Natur des Romans: „ein Meisterwerk, das übergangen wird“, scheint es selbst bisweilen zu flüstern. Sehr schwer, sich zu entscheiden, wie viele Sterne das verdient hat: Fünf Sterne, weil es ganz eigenständig in seiner Zeit steht und so viele Facetten hat? Ein Stern, weil es sich rapide der Schwelle seiner Unlesbarkeit nähert, auch recht abwegige Passagen (eine kleine Nebensache als Beispiel am Ende dieser Besprechung) und unfundierte kulturpsychologische Spekulationen enthält, vor allem aber: die meisten Menschen langweilen wird?
Die Geschichte hat „The Captain's Fire“ mehr oder weniger überholt. Es wird darum auch nicht mehr „entdeckt“ werden. J.S. Marcus scheint zu glauben, nach und nach schäle er den widersprüchlichen Charakter „des Deutschen“ heraus. Ich finde aber, meistens – (mit einem übetriebenen Eifer, nichts zu übersehen, nichts nicht zu überliefern) – arbeitet Marcus sich an Überbleibseln der DDR ab, wenn er glaubt, er befasse sich mit der Metropole Berlin und dem gesamten Deutschland. Aber dort hat sich in 30 Jahren viel getan, vieles ist nicht mehr da. Bei Marcus passieren öfters Kämpfe zwischen linken Hausbesetzern, den Autonomen, und Nazis bzw. Skinheads bzw. Baseballschläger- bzw. Kampfstiefelträgern. Das waren extreme Randpositionen. Sie sind mit der Zeit immer unbedeutender geworden. Was man hier dagegen noch nicht ahnen kann, ist die Entwicklung, die der „ostdeutsche Durchschnitt“ seither nahm, diese von Marcus meist recht wohlwollend gesehenen ruppig-humorvollen, kameradschaftlichen „kleinen Leute“. Sie haben in den vergangene zehn Jahren dafür gesorgt, dass eine postfaschistische Partei zum „Hannibal ante portas“ wurde, wegen der Masse dieser Leute regieren die jetzt schon überall heimlich mit, weil man glaubt, sie anders nicht mehr verhindern zu können. Neue Waffengesetze, Telefonüberwachung, Datenspeicherung, Armut und Schikanen für Arbeitslose, Grenzbefestigung, Abschiebungen, Leitkultur-Gerede, gesonderte Schutzzonen für Bratwürste, Verbrennermotoren, Billigstrom für die Großindustrie, Einfamilienhäuschen auf dem Lande, Verbote gegen Regenbogenfahnen auf dem Reichstag („Zirkuszelt“) ...
Nun schätze ich mich glücklich, nicht, wie J.S. Marcus offenbar, Anhänger des „tiefgründig, ernsten, geistigen“ Germanen-Deutschlands zu sein, so à la Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Richard Strauss, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Botho Strauß, Neo Rauch, Uwe Tellkamp. Wenn man selbst Amerikaner und Jude ist, wundert man sich über den „Hitler in einem selbst“. Und ich muss gestehen, der Roman langweilte mich immer mehr, je weiter er vom Alltag Anfang der 1990-er Jahre weg und in die jüdische Geschichte Europas hineinging. Aber es ist, glaube ich, der falsche Ansatz, die Deutschen immer wieder zwischen Adolf Hitler und Franz Kafka zu situieren. Ich bin da geneigt, an eine historische Konstante in diesem Menschenschwarm in der Mitte des Kontinents zu glauben. Die wollen sich möglichst immer und ausnahmslos ordentlich und anständig betragen, dann aber auch alles genau kontrollieren und überwachen, denn allen anderen trauen sie nicht, sondern sie fühlen sich sogar ständig übers Ohr gehauen und ausgenommen von allen, die nicht so korrekt sind wie sie selbst, sie wollen sich oft und lange in Sippen von Gleichgestrickten aufhalten, um sich an Sentimentalitäten und flachem Humor zu berauschen, bis sie auf dann wild werden, extrem brutal über andere herfallen, vor allem Schwächere, die es angeblich aber verdient haben, weil sie unsauber, dreckig, verkommen, unzivilisiert und geldgierig sind. Schon wieder sehe ich diese Mechanismen rund um mich herum am Werk. Und ich finde nicht, sie hätten bei Hitler angefangen, auch nicht bei Wagner oder Theodor Körner. Und auch das Jüdische hilft bei diesem unseligen Strang nicht wirklich weiter. So wie Deutschland heute ist, gibt es dort viele Faschisten, aber Antisemiten gibt es nur wenige.
Die versprochene Abschweifung ist eine linguistische: Eine typisch Marcus'sche Gedankenassoziation ist die zwischen den Wörtern „Gedächtnis“ und „denken“. Er hat ausgesprochen viele original deutsche Wörter und Zitate im Text, erstaunlicherweise stimmen seine Umlaute fast immer, allerdings ist er vor etlichen anderen Fehlern nicht gefeit, so merkt er es nicht, wenn ein und dasselbe Wort mal mit „ie“, mal mit „ei“ geschrieben wird (obwohl ihm zweifellos klar war, dass die beiden nicht gleich ausgesprochen werden). „Gedächtnis“ ist für die Geschichte von Berlin schon darum wichtig, weil für den Westteil der Stadt jahrzehntelang die Gedächtniskirche am Kurfürstendamm ein Wahrzeichen war. Die wurde unter dem Kaiser, der Deutschland in den Ersten Weltkrieg getrieben hat, Wilhelm II., gebaut und sollte dem Andenken an den Großvater, Kaiser Wilhelm I., dienen, dann wurde sie, wie die ganze innere Stadt, im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstört, in den 1950-er Jahren von Egon Eiermann, einem Westdeutschen, gewollt modern und internationalistisch wieder aufgebaut. Das ist eine Geste: Aus der Rückschau auf die Kriege und das Leid, das „über die Volker kam, von dieser Stadt ausgehend“, hat Deutschland in die neue Zeit hinüber gefunden, ist jetzt modern und international.
„Gedächtnis“ heißt Erinnerung, Mahnung an Durchlebtes. Für den Autor kontaminiert dieses Wort jetzt aber das Verb „denken“. Immer, wenn er „denken“ liest oder hört, muss er an ein „gesteigertes Denken“ denken, ein „Ge-Denken“. Das ist allerdings ziemlicher Quatsch. Hätte sich Marcus „denken“ angeschaut, bevor er zum „Gedächtnis“ kam, wäre ihm die Vergangenheitsform „er hat gedacht“ aufgefallen. Denken hier bereits mit „ge“, obwohl es (einfach mal irgendetwas) denken ist, mit Vergangenheit oder Weihe nicht das Geringste zu tun hat. Der Engländer denkt (thinks) wie der deutsche, da ist ja nicht viel dabei. Und, mehr noch als dies, das „ge“ bei „ge-denken“ ist eine ebenso schlichte kleine Vorsilbe, wie es sie für deutsche Verben überall gibt. (Und auch für Slawische, zum Beispiel.) Es gibt das: verdenken, durchdenken, überdenken, vordenken, nachdenken, bedenken, gedenken. In der Natur des Systems liegt, dass durch die jeweilige Vorsilbe eine spezielle semantischen Komponente zum in „denken“ vorhandenen Bestand hinzukommt. Das muss nicht heißen, dass es bei „gedenken“ sich um den Blick in die Vergangenheit und voller Pathos handelt, - wie bei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche natürlich schon. Man kann auch in die Zukunft denken: Im April „gedenke“ ich ans Mittelmeer zu fahren. Dass „Gedächtnis“ eine gesteigerte Form des „Denkens“ sein könnte, darauf kommt der Native Speaker also nie. Folglich kann er diese Beziehung dann auch nicht umkehren: dass deutsches „Denken“ irgendwie mehr als englisches „thinking“ sein könnte. Obwohl, ich geb's zu, dergleichen Sprachphilosophen hatte Deutschland bisweilen, man erinnere sich an Heidegger, aber, wie ich schon sagte, solche „Helden“ liegen mir fern.
Cartography of the Mind In the stories in "The Art of Cartography," his delightfully original earlier book, Marcus made an artform of a constantly shifting focus, stories that began as an account of one person but then shifted to another, then another, rather like the meanderings of a bubble-headed gossip on speed. That chattering, miniaturist style, with its interweaving threads and outlandish divagations, has metamorphosed here to an interior monologue par excellence, darker and at the same time more substantive, with a seemingly undisciplined series of digressions, wheels within wheels, to make even "Wittgenstein's Nephew" sound linear and conventional by comparison. The narrator, a bookish young American Jew living in post-wall Berlin, full of observations variously geographic, familial and intellectual, was no doubt too worldly and literate to appeal to much of the American reading public, and this may account for the book's relative lack of success, in spite of a bookjacket encomium by Walter Abish. But make no mistake: Marcus is a major talent, a heavyweight in a generation with seemingly few of them, and moreover one of few writers around with the wherewithal to push language and novelistic form in a bracingly new direction. This work is a success in every important way.