YEAH! I DID IT!
Dieses Buch stand ganze 10 JAHRE in meinem Regal ungelesener Bücher. Charlotte Link zählt zu meinen Lieblingsautoren, und eigentlich wollte ich es schon längst lesen. Aber wie man es so kennt, es kommen schneller neue Bücher in die Sammlung als man selbst lesen kann. Bin eher ein langsamer, genüsslicher Leser, der gern mit einer Stimme im Kopf liest (Subvokalisierung nennt sich das) und manchmal Monate braucht, um ein Buch zu beenden.
Nun hab ich es aber endlich geschafft, mich zusammenzureißen, mich nicht nur von all den neuen Büchern der letzten Monate ablenken zu lassen und mal zum ältesten Buch unter meinen ungelesenen zu greifen. Und was für ein Glücksgriff von dieser Autorin mal wieder! Ich bin einfach nur immer wieder erstaunt über ihren Einfallsreichtum. Und dann kann sie das Ganze auch noch so packend erzählen!
Dieses Buch ist eines ihrer älteren Romane (ich glaube, es kam 1991 zum ersten Mal heraus, meine Ausgabe ist von 2011). Was sie hier für eine Fülle an verschiedensten schillernden Lebensgeschichten ausrollt… Das lässt sich kaum in einem Satz zusammenfassen. Ein Kaleidoskop. Ein zusammengewürfelter Haufen alter Schulfreunde, die irgendwie so gar nicht zueinander passen, und doch verbindet sie eines: Sie alle hatten Träume und Vorstellungen vom Leben, und allesamt blickten sie irgendwann in den tiefen Abgrund. Sie waren zusammen in eines der angesehendsten und teuersten Internate Englands gegangen, hatten teils und zeitweise der wohlhabendsten sozialen Schicht angehört. Bis irgendwann alles den Bach runterging. Man fiebert einfach mit, die Psyche der Charaktere wird so gut dargestellt, dass man fast das Gefühl bekommt, man kenne sie schon so lange, und sie stünden direkt neben einem. So viele Tragödien, die diese Figuren erlitten – man ist fast erschöpft am Ende des Buches. Und doch fesselt es und lässt nicht mehr los. Man will wissen, was passiert ist, was die Geschichte von dem und dem ist, etc.
Sehr gut geschildert fand ich auch die sozialen Zustände in den USA. Man denkt ja oft, in Filmen und Büchern wird das Ganze sehr übertrieben und ausgeschmückt dargestellt, wie weit die Schere zwischen Arm und Reich klafft. Letztes Jahr habe ich 4 Monate in Kalifornien verbracht und sehr eindrücklich sowohl das ganze Bling-bling und die atemberaubende Natur, als auch die Schattenseiten der USA erlebt, und ich habe gemerkt, hey, die Filme und Serien und Bücher sind eigentlich gar nicht so weit entfernt von der Realität! Dieser Wahnsinn ist hier wirklich echt! Wie dort Kriminalität, Drogen und Massenobdachlosigkeit direkt an Luxus, milionenschwere Geschäfte und Prunk grenzen, ist für uns Europäer einfach kaum zu glauben, aber es ist dort Wirklichkeit, ganz normaler Alltag. Wir leben hier im Wohlstand im Vergleich zu dem Wahnsinn dort, wo manche Menschen einfach um die nackte Existenz, um Geld, Geld und nochmals Geld in diesem puren Kapitalismus kämpfen, während die Mächtigsten im Land gleichzeitig die Reichsten sind.
Ich finde, dieses Buch beschreibt sehr eindrücklich das, was ich in den USA so ähnlich selbst erleben durfte.
Was ich bis zum Schluss nicht so ganz verstanden habe, sind der Titel und das Cover. Mir leuchtet nicht ein, was das eine noch das andere mit dem eigentlichen Text, der Geschichte zu tun hat. Naja, vielleicht hab ich bloß etwas übersehen.
Alles in allem: Ein wirklich sehr gelungenes Buch. Charlotte Link enttäuscht mich so gut wie nie! 😉