Spätromantische Züge, geheimnisvoll, intensiv und schattiert … was nach einer Katastrophe übrigbleibt
In einer schnellen, gehetzten Welt, in der sich die Ereignisse, Urteile und Wertungen nur so überschlagen, erfreut sich der Kurzroman immer größerer Beliebtheit. Viele Romane umfassen heutzutage nicht mehr als 200 Seiten, oft sogar noch weniger. Simon Strauß legt mit „Zu zweit“ einen solchen minimalistischen Roman vor, aber im Gegensatz zu vielen verlangsamt er trotz aller Kürze die Zeit, gebietet ihr Einhalt und erzählt, scheinbar, von Wort zu Wort immer langsamer, bis alles in Erzähl- und Lesewelt zum friedlichen Stillstand kommt:
„Der Regen hat aufgehört. Über ihm am Himmel ziehen dunkle Wolken. Kein Licht, keine Laterne – es kommt ihm vor, als wäre der ganzen Stadt ein schwarzes Tuch über den Kopf geworfen worden. Unter ihm, etwa auf halber Höhe des Mäuerchens, fließt die Flut vorbei. In der kleinen Nebenstraße, an der das Haus liegt, scheint die Strömung noch nicht so stark. Vorsichtig schaltet er seine Taschenlampe wieder ein und leuchtet langsam von links nach rechts.“
In Strauß‘ Erzählwelt existieren keine Namen. Weder der Ort noch die Figuren noch die Dinge erhalten einen. Es gibt den Verkäufer, die Vertreterin, die Anwältin, die Katze, die Kirche, die Stadt, aber alles bleibt vage, denn die Welt liegt in Trümmern. Eine Flut hat die Stadt heimgesucht. Sie ist evakuiert worden, und der Verkäufer, vergessen und zurückgelassen, sucht nach weiteren Überleben und Lebenszeichen, findet aber keine. Er ist allein:
„Unruhig lässt er den Lichtkegel seiner Taschenlampe kreuz und quer über das vom Wasser geflutete Gelände schweifen, watet nach links, nach rechts. Schließlich ruft er in die Dunkelheit hinein, aber alles bleibt ruhig. Nur ein paar plantschende Gartenzwerge grinsen ihm hämisch entgegen.“
Unheimlich, in Sprache und Stil an Alfred Kubins „Die andere Seite“ erinnernd, spielt Strauß mit der Atmosphäre einer vereinsamten Stadt voller Schatten und Geräusche. „Zu zweit“ erinnert im ersten Teil auch an Guido Morsellis „Dissipatio humani generis“, aber dann trifft der Verkäufer auf die Vertreterin, und sie sind plötzlich zu zweit.
„Einen Augenblick lang kommt er ihr bekannt vor. Aber dann verlischt die Laterne, und das Gesicht des Fremden verschwindet im Dunklen. Sie spürt, wie er sich ruckartig aufsetzt. Schon will sie zurückspringen, um sich in der Kajüte zu verschanzen, als sie ihn mit gedämpfter Stimme flüstern hört: »Das kann doch nicht wahr sein.«“
Von dort an sitzen sie, um sich eine herum eine Welt in Aufruhr, in Angst und Schrecken, gemeinsam, voreinander, ohne zu sprechen. Sie schauen sich an. Sie halten, kurz, die Hand des anderen. Sie helfen sich. Es gibt nicht viel zu sagen, wenn alles in Schutt und Asche liegt. Erinnerungen steigen auf. Pointiert, knapp, einem Robert Walser aus „Der Gehülfe“ oder einem Franz Kafka aus „Betrachtung“ und dort mit der Kurzerzählung „Der plötzliche Spaziergang“ verwandt, vermag Strauß sybillinisch von einem Zusammenfinden und Zueinanderhalten berichten, das über Worte hinausgeht, aber durch Worte gestaltet wird.
„Unten tritt er mit dem Fuß gegen eine große Blechtonne ohne Aufschrift. Neben einem Haufen achtlos übereinandergeworfener Bretter fällt sein Blick auf zwei Mäusekadaver. Dicht beieinander liegen sie, wie ein altes Paar, das noch ein letztes Bad im Staub genommen und sich dann gegenseitig den Rücken sauber geleckt hat.“
„Zu zweit“ besitzt spätromantische Züge, geheimnisvoll, schattiert. Wer den Blick in die Dunkelheit mag, wer gewillt es, auch zwischen den Zeilen zu lesen, Komplexität, Vielschichtigkeit nicht scheut, der wird an diesem äußerst musikalischen, stilistisch feingearbeiteten, ins letzte Detail ausgearbeiteten und in sich harmonischen und ausgewogenen Kleinroman von Simon Strauß seine Freude haben und kann die Lektüre mit Leona Stahlmanns „Diese ganzen belanglosen Dinge“ von 2022 fortsetzen.