Ich hab es mir echt nicht leicht mit dieser Rezension gemacht, gab es doch so viele schöne Aktionen rund um dieses Buch. Gerade erst am Samstag gab es eine tolle Bücherjagd durch Köln, die mir so viel Spaß gemacht hat. Dafür möchte ich mich bei dem Team auch noch mal ausdrücklich bedanken. Ich hätte euch und der sympathischen Autorin Elisabeth Beer gerne den Gefallen getan und dieses Buch jubelnd in den Himmel gehoben. Aber leider war es nicht zu 100% meins.
Sarah lebt in einer Villa in Köln, die sie liebevoll Papierpalast nennt. Diese gehörte ihrer geliebten Tante Amalia, einer versierten Restauratorin, mit der sie sich die Liebe zu Büchern teilte. Ihre Tante lebt nicht mehr und Sarah hat es schwer mit diesem Verlust klarzukommen. Die Tante war nicht nur die Frau, die sie großgezogen hat, sondern auch die einzige Person, die sie wirklich verstand. Denn Sarah hat Probleme Gefühle bei anderen zu erkennen und entsprechend zu reagieren und sie zu verarbeiten. Ihr Rückzugsort ist ihr Papierpalast und die Bücher mit ihren Geschichten. Dann taucht Ben auf der Suche nach einem verlorenen Kartenfragment auf. Die beiden begeben sich auf eine Reise, um den Hinweisen gemeinsam zu folgen.
Mit von der Partie sind Bonnie und Clyde, zwei Schildkröten. Sarahs Schwester Milena, zu der sie ein problematisches Verhältnis hat, ist darüber sehr aufgebracht. Doch Sarah ignoriert diese und hofft auf eine große Entdeckung.
Kommen wir erst mal zu den positiven Sachen. Sarahs Figur wird mit ihren ganzen Schwierigkeiten gut gezeichnet. Ich konnte mit ihr fühlen und für sie hoffen. Überhaupt ist der Roman sehr atmosphärisch. Die Villa in Köln würde ich gerne mal besuchen. Die Beziehung zwischen Ben und Sarah entwickelt sich langsam aber mit viel Wärme. Das hat mir häufig ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Ben war mir sowieso äußerst sympathisch. Ich wollte so sehr, dass die beiden zusammen kommen. Es ist sehr schön zu sehen, wie die beiden Protagonisten Verständnis für einander entwickeln.
Dass einige bekannte Romane in diesem Buch genannt wurden, hat mich auch gefreut. Ich mag Bücher über Literatur sehr gerne. Der Roman ist auch leicht zu lesen.
Und jetzt kommt das große, ABER: Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Geschichte lange bei mir hängen bleibt, obwohl die Idee so viel Potenzial hätte. Die Rückblicke in Sarahs Vergangenheit waren mir oftmals zu langatmig. Ich verstehe, dass sie vielleicht wichtig sind, um Sarahs Entwicklung zu verstehen. Aber die Art und Weise, wie es geschrieben war, hat mich nicht gefesselt. Die Entwicklung der Geschichte ging mir viel zu langsam voran. Ich mag es, wenn detailverliebte Einzelheiten beschrieben werden, damit das World Building gut gelingt, aber hier war es to much. Besonders die sachbezogene Einschübe zu gewissen Themen wie zB Labyrinthen oder Magie waren mir zu ausufernd. Die Autorin verliert sich in Details und Erklärungen, die mich in der Geschichte nicht weiter bringen, sondern Wissen vermitteln sollen. Und die eigentlich erwartete Geschichte über eine Jagd nach einer Karte und vielleicht nach Büchern kam viel zu kurz. Die Autorin hat, so glaube ich, intensiv recherchiert und mir schien es, als ob sie ihre Expertise an die Leser*innen bringen wollte. Auf der anderen Seite war nicht besonders viel Platz um Beziehungen, wie zB Beispiel die zu Mathieu zu intensivieren damit sie erlebbarer werden. Mich hätte das mehr interessiert.
Auch die Vielfalt an zeitgemäßen, sozialpolitischen Themen wie Rassismus, Gendergerechtigkeit, Ableismus und Tierwohl fand ich manchmal eher konstruiert , weil sie oft nur kurz eingeflochten wurden und dann wieder verschwanden. Es hatte für mich den Anschein, als sollte möglichst viel Gesellschaftskritik untergebracht werden. Sich auf eins zu beschränken und sich daran intensiver auszuarbeiten wäre vielleicht besser für den Plot gewesen. Das gleiche spiegelt sich für mich in der Machart wieder. Die Autorin betont im Anhang, das sie verschiedene Formen des Genderns gewählt hat um Vielfalt abzubilden. Mir ist es zwar kaum aufgefallen, trotzdem stellt sich mir die Frage nach dem warum. Gendern an sich soll doch alle einbeziehen. Da reicht auch eine Form. Aber gestört hat es mich jetzt auch nicht.
Wenn ich nun ein Resümee ziehe, erkenne ich für mich ein gut lesbares Buch mit ein paar Längen, dass zu Vieles will, frei nach dem Motto: „Von Allem ein bisschen, aber Nichts so richtig intensiv“.