Ein Buch aus der Stille der Einsamkeit heraus. Was übrigbleibt, wenn die Kraft ausgeht.
Inhalt: 4/5 Sterne (die letzten Tage eines Menschen)
Form: 4/5 Sterne (collagierte, reduzierte Diktion)
Komposition: 5/5 Sterne (konsequent personal erzählter Erschöpfungsprozess)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (eisig, kühle Stoizität)
Der als „Eine Erzählung“ titulierte Kurzroman „Der Mensch erscheint im Holozän“ gehört zum Alterswerk von Max Frisch und erschien 1979 nach zwölfmaliger Umarbeitung. Wie über seine ganze Schaffensperiode hinweg experimentiert Frisch auch in diesem Text mit modernen und postmodernen Erzählweisen, mischt sie und sucht in ihnen einen eigenen Weg hin zum individualisiert-temporal-singulären Ausdruck eines Ichs, das nur in der Gegenwart, geologisch gesprochen im Holozän, erscheint:
Man kennt die Gestalt des Matterhorns von zahllosen Bildern; aus der Nähe, wenn man am Fels steht und sich eine Rast gönnt, das Seil um einen zuverlässigen Block geschlauft, und wenn man Ausschau hält, so ist von dieser Gestalt nichts zu sehen; nur Zacken und steile Platten und Kolosse von Gestein, zum Teil nicht senkrecht, sondern überhängend, man wundert sich, daß sie nicht längst abgebrochen und in die Tiefe gestürzt sind.
Erst mit dem Abschnitt der Besteigung des Matterhorns konnte Frisch das Manuskript für ihn befriedigend komplettieren. Das Matterhorn selbst lässt sich als „das Ich“ verstehen, das immer wieder uneinnehmbar vor einem steht, das nur im Gedächtnis, in der bewusstgemachten Selbstreflexion und Zeitfolge existiert und sich stets von Neuem aus dem Wust der Ereignisse selbst erschaffen muss, und doch, wie der Abschnitt betont, stets wieder droht, in die Tiefe, die Bewusstlosigkeit, hinabzustürzen.
Die Ameisen, die Herr Geiser neulich unter einer tropfenden Tanne beobachtet hat, legen keinen Wert darauf, daß man Bescheid weiß über sie, so wenig wie die Saurier, die ausgestorben sind, bevor ein Mensch sie gesehen hat. Alle die Zettel, ob an der Wand oder auf dem Teppich, können verschwinden. Was heißt Holozän! Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.
Zeit selbst existiert nur für den, der die Vergangenheit bewusst hält, nicht von Moment zu Moment lebt. Herr Geiser, der Protagonist von „Der Mensch erscheint im Holozän“, bringt bis auf die Erinnerung an die Besteigung des Matterhorn kaum noch kohärente Gedanken zustande. Er steht am Ende seines Lebens, isoliert, verwitwet, mit einem klopfenden, unruhigen Herz konfrontiert. Ihm steht klar vor Augen, dass die Welt, die sich in ihm geöffnet hat, wieder verschwinden kann. Er beginnt zu schreiben, Wissen zu sammeln, sein Gedächtnis zu bestärken, vor allem: mit der Welt, seiner Welt, der Gesamtvergangenheit zu kommunizieren, denn nur im Akt des Vermittelns, der Weitergabe dieser inneren, einmaligen Welt, bleibt die Welt eine offene:
Das Letzte, was Herr Geiser noch vernommen hat, sind schlimme Nachrichten gewesen, wie meistens, von Attentat bis Arbeitslosigkeit; dann und wann der Rücktritt eines Ministers, aber eine Hoffnung, daß es heute gute Nachrichten wären, besteht eigentlich nicht; trotzdem ist man beruhigter, wenn man von Tag zu Tag weiß, daß die Welt weitergeht.
„Der Mensch erscheint im Holozän“ liest sich zu schnell, zu einfach weg und hat deshalb den Ruf erhalten, lediglich ein schnödes, unwichtiges Beiwerk aus Frischs Œuvre zu sein. Je kompilierender, fokussierter jedoch die Lektüre, desto klarer geht hier ein Erkenntnis- und ein Entwicklungsprozess vonstatten. Es gibt den Kosmos, das Außen – und das Außen hat ein Innen. Der Riss in der Steinwand erinnert Geiser an den Schlaganfall, den er bereits in sich spürt, die Angst, die Ausweglosigkeit, die sich in einem letzten Akt der Rebellion vollzieht. Herr Geiser gibt sich nicht geschlagen, auch wenn die Welt ohne ihn weitergeht, aber eben um ein paar Inkommunikabilitäten ärmer.