Ich habe es nicht ganz durchgelesen, das ist auch nicht nötig, um darüber zu schreiben. Und zu schreiben gibt es genug, denn ich habe so meine Problem mit dieser Art von Büchern. Ich sehe auch mal von meiner speziellen Sicht als Phantastik-Leser ab, und verbleibe im Allgemeinen.
Die Autorin hat alles was man gelesen haben muss, gelesen und stellt den Lesern die Bücher vor. Nun stellt sich die Frage, warum soll man diese Bücher lesen? Dietrich Schwanitz gibt im Vorwort einen Hinweis. Viele dieser Bücher bilden das Fundament unserer Identität, und man sollte die eigene Kultur kennen. Aber man sollte sie kennen, um mit anderen darüber zu reden können, die Teil der kommunikativen Teilhabe der Kultur - innerhalb einer demokratischen Gesellschaft. Aber muss man deswegen auch diese Bücher lesen? Man kann zum Beispiel nur dieses eine Buch lesen, um zu wissen, was in diesen Büchern steht. Immer vorausgesetzt, dass die Auswahl auch wirklich einen umfassenden Eindruck von der Welt vermitteln kann.
Es sind zweifellos bedeutende Bücher, die den menschlichen Geist befruchtet oder was die erzählende Literautur betrifft berührt und bereichert hat. Das will ich der Auswahl nicht absprechen. Was mir an ihr daran gefällt das auch die Genre-Literatur nicht zu kurz kommt, also Science Fiction, Fantasy und Horror. Utopien sind ein ganzes Kapitel gewidmet, darin hat auch "Solaris" und "Neuromancer" Platz gefunden. Natürlich ist das letztendliche auch subjektive Auswahl. Ja, sie repräsentier die abendländische, aufgeklärte Sicht auf die Welt. Und das "Muss" im Titel ruft schon Widerspruch hervor, denn Zwang ist hier eigentlich kontraproduktiv.
Das Buch ist nach Interessensgebieten unterteilt. Werke, die die Welt beschreiben, Liebe, Politik, Sex, Wirtschaft, Frauen, Zivilsation, Psyche, Shakespeare, Moderne, Trivialklassiker, Kultbücher, Utopie:Cyberworld, Schulklassiker, Kinder. In diesen Kapiteln stehen sowohl Sachbücher, als auch erzählende Literatur. Bildung eine Begriff, den nur das Deutsch kennt, steht im Vordergrund, man will etwas wissen. Aber der Wissensaspekt bei der "Schönen Literatur" ist eher nebensächlich. Aber natürlich vermitteln Belletristik Bei der Nennung fehlen die Bereiche, Natur, Fremde Kulturen und Weltall. Ja, gibt es denn da keine guten Bücher. Da fehlen zum Beispiel die Schriften von Darwin und Humboldt. Dass die Naturwissenschaften zu kurz kommen, hat man schon Schwanitz bei "Bildung" vorgeworfen. Und dieses Buch ist eine Art Ableger dieses Bestsellers im Reich der Literatur.
Das Problem: es wird wenig sichtbar, dass es um Auseinandersetzung mit der Welt geht , ich als Leser werde nicht neugierig gemacht. Lesen ist ein geistig und seelisch bereichender Vorgang, ein Vergnügen und Notwendigkeit zugleich. Kinder vor allem brauchen Bücher um zu reifen, und alle Menschen sollten Romane und Erzählungen lesen, um Empathie und Vorstellungsvermögen zu entwickeln. Verstehen und verstanden werden.
Ein weiteres Manko dieses Buches. Mal wird nur der Inhalt referiert, bei manchen Büchern gibt die Autorin eine Einordnung, und damit Hinweise, warum das Buch so lesenswert ist. Wenn Zschirnt zum Beispiel "Die Dialektik der Aufklärung" eingeht und die Abwertung der Massenkultur erwähnt, verweist sie auch eine gegensätzliche Position. Nämlich die von Walter Benjamin "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit". Es gibt keine inhaltliche Linie in diesem Buch, die Kapitel sind zu unterschiedlich. Ich gewinne den Eindruck, dass die Autorin dem Ziel nicht immer gerecht wird. Es war gar nicht gut, den Inhalt von "Lolita" einfach nachzuerzählen, ohne darauf hinzuweisen, auf was es Nabokov, den Autor ankam und warum das Buch so interessant und herausfordernd ist.
Aber es ist eine gute Diskussionsgrundlage. Ein Versuch, denn zu sehr zeigt sich hier eine akademische, geisteswissenschaftich geprägte und eurozentristische Grundhaltung. Ein Kanon auf dieser Basis darf und muss (ja hier ist ein muss angebracht, denn es steckt eine Notwendigkeit dahinter) in Frage gestellt werden, die Lebenswelt von uns Lesern verändert sich, und damit auch die Lesegewohnheiten. Das Buch zeigt letztendlich nur die Begrenzheit seiner eigenen Position auf.