Im selben Boot
... scheinen paradoxerweise alle diejenigen zu sitzen, die im Falle eines Krieges ihren Kopf hinhalten müssen. Auch wenn der arrogante Kapitänsleutnant Gustav von Zimmer mit der Bootsmetapher den widerspenstigen Schiffsbaumeister Anton Rüter auf seine Seite ziehen möchte – die Metapher scheint in einem viel größeren Ausmaße zu stimmen, als sich von Zimmer dies vorgestellt haben mag.
Alex Capus‘ Roman Eine Frage der Zeit (2007) vermengt auf, für meine Begriffe, gelungene Art und Weise historische Fakten und Fiktion, um einen Teil der wechselvollen Geschichte des Dampfschiffes Graf Götzen, das 1913 auf der Papenburger Meyer Werft fertiggestellt und dann demontiert an den Tanganikasee transportiert wurde, zu erzählen, dabei europäische Kolonialgeschichte in Afrika wiederaufleben zu lassen und nebenbei auch noch einen ernsten Kommentar zu Krieg und Machtpolitik abzugeben. Das Buch erzählt davon, wie der Schiffsbaumeister Anton Rüter, der Nieter Rudolf Tellmann und der junge Arbeiter Hermann Wendt Ende 1913 in die Kolonie Deutsch-Ostafrika reisen, um die Götzen dort wieder zusammenzubauen. Das Schiff soll den riesigen Tanganikasee beherrschen und vor allem die Belgier am jenseitigen Ufer an einer weiteren Expansion hindern. Die Arbeit gestaltet sich unter den für die drei Männer ungewohnten Verhältnissen ausgesprochen mühselig, und im Sommer 1914 befinden sich die drei plötzlich im Kriegszustand – wie fast der Rest der Welt auch. Aus Papenburgern werden Reichsdeutsche, und aus Arbeitern der Meyer Werft Soldaten der kaiserlichen Armee, deren vordringliche Aufgabe es immer noch ist, die Götzen endlich flottzumachen. Zur gleichen Zeit entsendet das Empire den egozentrischen Offizier Spicer Simson an den Tanganikasee mit der Aufgabe, die deutsche Vorherrschaft auf diesem Gewässer mit Kanonengewalt zu brechen.
Capus verknüpft die Erzählstränge um die drei deutschen Arbeiter und den eigenwilligen Offizier – alle vier authentische Personen – in gekonnter Weise, wobei mich die Passagen, die von dem Kampf der Deutschen um ihre Unabhängigkeit vom Zugriff des Militärs handeln, noch mehr interessierten als die Abenteuer Spicers, der zugegebenermaßen eine einzigartige Figur ist – wobei Capus gar nicht so viel Dichtung bei der Zeichnung dieses Charakters hinzugefügt hat. In mit leichter Feder gezeichneten, mit liebenswerter Ironie gefärbten Vignetten erzählt Capus vom Kampf seiner vier Helden gegen die Absurdität der Zeitläufte und schafft es auf elegante Weise, lebensechte Charaktere zu entwerfen – wie den pragmatischen, vollkommen in seiner Arbeit aufgehenden Rüters, den in sich gekehrten, nachdenklichen Tellmann, den idealistischen Wendt, der freilich schnell lernt, daß sich Marxens Geschichtsteleologie wohl nicht auf afrikanische Verhältnisse anwenden läßt, und den verschrobenen, letztlich aber inmitten einer prosaischen Welt nach Romantik strebenden Spicer. Auch die Nebenfiguren geraten nicht notwendigerweise zu Karikaturen, denn selbst der arrogante von Zimmer bekommt nach und nach menschliche Züge. Und Rüter wird klar, daß er durch seine bloße Anwesenheit in Afrika, durch sein wie auch immer geartetes Nutznießen von der Anwesenheit der Kolonialherren und den durch sie errichteten Strukturen seine Unschuld verloren hat – eine Tragik, aus deren Dunkel er nie mehr ganz hervortreten kann. Später soll auch Spicer eine ähnliche Erkenntnis überkommen, wenn ihm deutlich wird, daß das von ihm angestrebte Heldentum recht eigentlich doch eine prosaische Mischung aus Kot und Blut ist.
Angenehmerweise enthält sich der Verfasser auch einer vereinfachenden, moralintriefenden Schwarz-Weiß-Darstellung des Kolonialismus und läßt Deutsche, Briten und Belgier alles in allem gleich schlecht dastehen.
Das Ende des Romans jedoch hat mir nicht so gut gefallen, denn Capus entläßt uns doch sehr abrupt aus seiner Geschichte und klärt uns auch nicht auf, was aus den einzelnen Figuren denn geworden ist und ob sie mit heiler Haut aus dem Krieg in Afrika hinausgekommen sind. Das ist umso bedauerlicher, als man sich doch recht schnell für sie erwärmen konnte. Auch einen Vergleich mit Joseph Conrad, wie er verschiedentlich bemüht worden ist, hält Capus‘ Roman bei all seinen Vorzügen natürlich nicht wirklich stand, so daß ich am Ende noch eine Empfehlung von Heart of Darkness anschließen möchte.
Trivium: Die Götzen scheint, zumindest bis vor kurzem, immer noch auf dem See unterwegs gewesen zu sein, unter einem anderen Namen allerdings, und spielte sogar bei den Dreharbeiten zu John Hustons African Queen eine Rolle, nämlich als deutsches Kriegsschiff.