Eine junge Frau gewinnt ihren Appetit aufs Leben zurück Spätestens seit Prousts berühmter Madeleine wissen wir, dass Essen nicht nur nährt, sondern auch starke Gefühle und Erinnerungen weckt. Amarylis De Gryse erzählt von Spiegeleiern und Pastasauce, Familienproblemen und Pflegenotstand, vor allem aber von einer jungen Frau, die ihr Leben endlich selbst in die Hand nimmt. Marieke, Ende zwanzig, wohnt seit Tagen in einem Mietwagen am Kanal und trägt dieselbe viel zu warme Jeans. Das liegt daran, dass ihr Freund, der Metzger Blok, sie aus ihrem schicken Reihenhaus geworfen und eine defekte Maschine im Waschsalon ihre Sommerklamotten verschluckt hat. Statt Blok zu vermissen, träumt Marieke von den Hackbällchen ihrer Mutter und bespitzelt ihren Vater, der die Familie verlassen hat, als Marieke noch klein war. Auf der Arbeit im Altersheim wird sie mit den »hoffnungslosen Fällen« in der Gluthitze alleingelassen und mit Billigfraß abgespeist, während die anderen in einen klimatisierten Neubau umziehen dürfen. Als auf dem Servierwagen schon wieder Wurst und Apfelmus warten, hat Marieke es endgültig satt. Gleichzeitig rückt ihr die eigene Vergangenheit immer mehr auf die Wie war das eigentlich damals mit der Trennung ihrer Eltern? Will sie überhaupt zu Blok zurück? Und können Pralinen alles wiedergutmachen?
Mariekes Sommerklamotten stecken in der Maschine im Waschsalon fest und sie lebt mehr oder weniger in einem Mietwagen, nachdem ihr Freund Blok sie aus dem seelenlosen Reihenhaus geschmissen hat. Jetzt läuft sie mit Jeans und Pullover durch die unerträgliche Sommerhitze, muffelt schon vernehmbar und Blok hat auch noch ihr gemeinsames Konto gesperrt. Ist das schon der berühmte Tiefpunkt? Nein, damit nicht genug. Im Altersheim muss sie allein Frühschicht schieben, das Haus ist bis auf ihre Station leer, denn alle anderen Bewohner sind bereits in den klimatisierten Neubau umgezogen. Nur gut, dass die meisten am nächsten Tag vergessen haben, dass es mal wieder Wurst mit Apfelmus gibt, so wie schon am Tag zuvor, und dem davor, und dem davor … Na und wenn schon das ganze Leben über ihr zusammenstürzt, dann doch gleich richtig. In Mareikes Kindheit gab es einen Vater, an den sie sich nur bedingt erinnert, der ihr aber ausgerechnet jetzt über den Weg laufen muss.
Der niederländische Originaltitel »Varkensribben«, also Schweinerippen, zeigt, dass es hier ganz viel um Essen geht. Und das macht Marieke, alles in sich hineinfressen – im doppeldeutigen Sinn. Wie lange aber kann das gutgehen? Ich tat mich anfangs schwer, mit ihr warm zu werden. Das lag daran, dass ich nicht verstehen konnte, warum sie sich das alles von ihrem Freund, dem verwöhnten Muttersöhnchen und dessen übergriffiger Mutter gefallen ließ. Doch die persönliche Tragödie der nicht immer zuverlässigen Ich-Erzählerin entwickelt sich langsam zu einer Anklage gesellschaftlicher Missstände. Allen voran den Lebens- und Arbeitsbedingungen im Altenheim.
»Gleich geht meine Schicht los. Ich bin allein. Wenn ich meinen Pflegewagen von einem Zimmer ins nächste rolle, weiß ich genau, wie viel Zeit ich pro Person mit Waschen und Anziehen zubringen darf. Und ich weiß genau, vor welchem Zimmer ich erst noch mal tief durchatmen und mir sagen muss: ›Ich werde nicht die Geduld verlieren, weil ich keine Zeit habe für Gemächlichkeit oder Verwirrung oder beides.« S.25
Je mehr ich von Mariekes Leben erfuhr, umso mehr wuchs sie mir ans Herz, ich spürte ihre Verletzlichkeit, ihre Einsamkeit und Hilflosigkeit. Und das eint sie mit den Bewohnern des Heims. Ja manchmal wünscht sie sich, dass auch sie sich nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnern könnte. Es ist eine Geschichte über Einsamkeit, Fürsorge und Hilfsbereitschaft und zeigt, dass Essen eben doch nicht die wahren Gefühle ersetzen kann. De Gryse ist hier ein wirklich beachtliches Debüt gelungen, das ständig zwischen Komik und Tragik schwankt. Ihr Schreibstil ist frisch und schnörkellos mit einem guten, trockenen Humor. Ihre Figurenpalette reicht vom Oberekel Blok bis zum liebenswerten »Opa« Jozef. Und am Ende mochte ich sie alle gar nicht loslassen. Sie hält die Spannung auf einem guten Level, weil man natürlich wissen will, warum sie nun bei ihrem Freund rausgeflogen ist. Dazu kredenzt De Gryse uns noch so manche Wendung, die alles ordentlich »durchrührt« – um jetzt mal beim Essen und Kochen zu bleiben. Ach ja, bitte nicht mit leerem Magen lesen, es könnte Spuren von Appetit enthalten.
Beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit und doch Direktheit sie die Finger in die Wunde unserer Zeit legt, ohne anzuklagen oder zu bewerten. Und nach meinen kurzen Anfangsschwierigkeiten entwickelte sich eine Geschichte, die mir richtig ans Herz ging. Und die zeigte, dass ein Tiefpunkt noch lange kein Grund ist aufzugeben, wenn man die richtigen Menschen in sein Leben lässt und sein Leben selbst in die Hand nimmt.
Marieke schläft in ihrem Auto. Ihr Freund Blok hat sie vor die Tür gesetzt und sie weiß nicht wohin. Ihre Schwestern interessieren sich nicht für sie, ihre Mutter gibt ihr die Schuld, zum Vater hat sie den Kontakt verloren. Sie hat nur noch ihre Arbeit im Altenheim und die Bewohner*innen schenken ihr ein wenig Trost, denn sie sind als einzige Station noch nicht in das neue Haus umgezogen und somit genauso vergessen und abgestellt wie Marieke. „Der berühmte Tiefpunkt“ von Amarylis de Gryse beschreibt nicht nur einen, sondern eine Anhäufung von Tiefpunkten. Mariekes Leben ist komplett auseinandergefallen. Das hat mich anfangs extrem traurig gemacht, denn ein Schlag folgt auf den nächsten. Es überrascht mich nicht, dass Marieke so geworden ist und immer nur weiter runterschluckt anstatt sich zu wehren. Allerdings ändert das sich und zum Schluss schafft sie den Befreiungsschlag. Vieles, was mich am Anfang stutzen ließ, hat sich später als absolut stimmig erwiesen. Was neben Mariekes Leid am deutlichsten heraussticht, ist die Situation in der Pflege. Natürlich wird sie etwas überspitzt geschildert, aber dennoch herrschen solche und ähnliche Zustände und unsere Senior*innen und Pflegebedürftigen werden schnell auf ein Abstellgleis geschoben. So drastisch geschildert, habe ich es noch nicht gelesen und ich finde es gut und wichtig. Anfangs hatte ich einige Schwierigkeiten reinzufinden. Es wird zwar ausschließlich aus Mariekes Perspektive erzählt, aber sie spring in der Erzählung und manchmal war ich etwas orientierungslos, was sich aber später gegeben hat. Sprachlich war es gut und ich mochte Mariekes Umgang und Amarylis de Gryse Schilderung zum Thema Essen, welche ich sehr authentisch empfand. „Der berühmte Tiefpunkt“ ist ein berührender Roman über die Schwierigkeiten des Lebens.
Erst möchte ich sagen, dass die Gestaltung des covers mir wirklich gut gefällt. Das Cover sieht aus wie ein wunderschönes Gemälde mit vielen zahlreichen und liebevoll gestalteten Details. Der Klappentext hat sich sehr interessant gelesen und ich war neugierig auf die Geschichte. Die Haptik des Hardcover Buches ist sehr ansprechend.
In dem Buch geht es um die 28 jährige Marieke, sie muss momentan in einem Mietauto schlafen, weil ihr Freund Blok sie aus ihrem zu Hause geworfen hat. Ihre Schwestern interessieren sich nicht für Sie und das Verhältnis zu ihrer Mutter ist auch nicht besonders gut. Die Arbeit im Pflegeheim wird für Marieke immer belastender. Als dann noch eine Waschmaschine all ihre Sommerklamotten frisst und Blok ihr die Konten sperrt ist Marieke am Tiefpunkt angelangt. Satt vom Leben, versucht sie nicht aufzugeben.Langsam erkennt Marieke, was in ihrer Vergangenheit passiert ist und ob sie das alles so möchte, soll sie wirklich bei Blok in der Fleischerei als billige Arbeitskraft weiterarbeiten? Ist sie Schuld an den Depressionen ihrer Mutter? Sie sucht den Kontakt zu ihrem Vater und merkt, dass das Leben nicht nur Pralinen zu bieten hat.
Als dann die Situation im Pflegeheim immer komplizierter wird beschließt sie, dass es reicht. Sie sucht ihren Hunger nach Leben und Gefühlen!
Der Schreibstil war sehr sensibel und gefühlvoll. Die Ich-Perspektive war für mich sehr gut zu lesen, die Kapitel hatten eine tolle Länge. Die Themen, die in diesem Buch angesprochen wurden, fand ich interessant und wichtig. ich empfehle das Buch auf jeden Fall weiter.