„Der Kameramörder“ wird als oft als Krimi gehandelt, eine Einordnung, mit der ich nicht ganz einverstanden bin. Das Buch lässt mich verstört und beeindruckt zurück. Einerseits sprachlich ein Kunstwerk, das mit seiner Kritik an den Medien und den Konsumenten von Reality TV punktgenau trifft. Andererseits inhaltlich so hart, dass mir fast übel wurde.
Ein Ich-Erzähler berichtet in völlig emotionslosem Protokollstil minutiös, was geschieht, und man hat von Anfang an das Gefühl, dieser Mensch hat einen an der Waffel: wer beim Abendessen die Salami in welcher Hand hält, wieviele Tüten Chips gegessen werden und wer wie oft zur Toilette geht: Alles wird protokolliert während des Besuches mit seiner Lebensgefährtin bei einem befreundeten Ehepaar in einem österreichischen Dorf. Während des mehrtägigen Aufenthaltes berichten die Medien von einem grausigen Verbrechen, das sich in der Nähe ereignet hat: ein Mann zwang zwei kleine Kinder durch perfide Tricks, sich selbst zu töten und filmte dies. Das Video wurde den Medien zugespielt, ein Sender strahlt es aus, vorgeblich zur Information der Bevölkerung.
So genial ich die Aufarbeitung der Sensationslust und Abstumpfung durch Reality TV Formate fand, so schwer fiel mir das Lesen. Ich lese normalerweise keine Bücher, in denen Gewalt gegen Kinder behandelt wird – leider wusste ich in diesem Falle vorher nichts von dieser Thematik im Buch.
Das Lesen hat mir nicht wirklich Spaß gemacht. Mir ist bewusst, dass die extrem distanzierte Erzählweise hier ein stilistisches Mittel ist und auch, dass das Buch nicht unbedingt als Spannungsroman taugt. Dennoch waren die unüberbietbar langatmigen und emotionslos protokollierten Aufzeichnungen einfach nur sterbenslangweilig. Umso beeindruckender, wie Glavinic es trotzdem schafft, dass sich die Handlung gegen Ende dramatisch und überraschend zuspitzt.
Ein sehr beklemmendes und abstoßendes Buch, extrem gut geschrieben, aber verdammt hart zu lesen.