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Gegründet auf einem geradezu explosiven Bevölkerungswachstum vollzogen sich im deutschen Kaiserreich Entwicklungen, die für die damaligen Zeitgenossen von zumindest genauso tief greifender Wirkung gewesen sein mussten wie der Wandel zur Informationsgesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Industrialisierung und soziale Frage, Urbanisierung und städtisches Proletariat, viktorianische Moralvorstellungen und ein nie gekannter Höhepunkt der Diskussion um Schulreformen zur Jahrhundertwende mit über 400 pädagogischen Zeitschriften (!) sind nur einige Spannungslinien jener Epoche.
Nipperdeys Bild der deutschen Gesellschaft vor dem traumatischen Einschnitt des Ersten Weltkrieges ist nuancenreich und differenziert. So widmet er sich den vielen Facetten der Alltagsgeschichte ebenso wie dem Wandel Deutschlands vom wirtschaftlichen "Nachfolge-" zum "Pionierland". Denn gerade bei den neuen Industriezweigen wie der Chemie- und Elektroindustrie war Deutschland spätestens 1890 in Europa zum Maß der Dinge geworden. Dazu trugen auch die vielen bahnbrechenden Erfindungen bei, welche die deutschen Universitäten zu Zentren der physikalischen und chemischen Forschung und Lehre machten. Einstein entwickelte 1905 seine Relativitätstheorie, erhielt aber erst 1913 einen Ruf an das renommierte Kaiser-Wilhelm Institut nach Berlin. Warum hatte es so lange gedauert? Weil er Jude war -- eine andere Kontinuität deutscher Geschichte.
Arbeitswelt und Bürgergeist ist der erste Teil der Trilogie Thomas Nipperdeys, die mit Band II, Machtstaat vor der Demokratie, ihre Fortsetzung findet. Und wer sich über das 19. Jahrhundert von den Anfängen bis zum Zusammenbruch der Monarchie ein Bild machen möchte, dem sei Nipperdeys umfassende Deutsche Geschichte 1800-1918 empfohlen. --Manfred Schwarzmeier
Hardcover
First published January 1, 1992