Einübung ins Schweben ist der letzte Roman von Dževad Karahasan, der noch vor seinem Tod im letzten Jahr veröffentlicht wurde. Dieses Buch ist ein harter Brocken, der mich in den letzten Tagen nicht losgelassen hat, von dem mir aber auch manchmal fast übel wurde.
Die Geschichte dreht sich weitestgehend um den Ich-Erzähler Rajko und seinen großen Lehrmeister, den weltberühmten Altphilologen und Mythenforscher Peter Hurd. Rajko begleitet Peter Ende März 1992 zu einer Lesung in Sarajevo – wenige Tage vor dem Beginn der Belagerung durch die bosnischen Serben. Kurz vor der Abreise beschließt Peter, er wolle in der Stadt bleiben, um das, was unweigerlich folgte, selbst zu erleben. Nun beginnt der Niedergang und wir beobachten durch die immer wieder idealisierende Perspektive Rajkos, wie sich Peter in der neuen Ordnung einer Stadt im Belagerungszustand Drogen und anderen Verlockungen hingibt. Das Genie strebt nach absoluter Freiheit, verliert die Kontrolle und entwickelt sich nach und nach zu einem widerwärtigen Wrack voll von Niedertracht und Selbstgerechtigkeit, aber auch Verzweiflung.
Karahasan war ein meisterhafter Erzähler und ich war von Beginn an im Bann seiner wundervollen Sprache. Unverwechselbar, was für atemberaubende Momentaufnahmen er zu schaffen vermag, während die Szenerie nichts als Leid und Elend verspricht. Ich hatte teilweise nicht nur die Bilder klar vor Augen, sondern habe auch die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht gespürt. Nachdem Stück für Stück klarer wurde, worauf die ganze Geschichte hinausläuft, waren die positiven Leseemotionen dahin und wichen einer Beklemmung, die ich in diesem Ausmaß beim Lesen lange nicht verspürt habe. Auch das für mich ein Beweis, was für ein Ausnahmeschriftsteller Karahasan war.
Ein bild- und sprachgewaltiger Roman, der mich in den manchmal ausschweifend philosophierenden Passagen auch überfordert hat.