This autobiographical novel is an indictment. It is directed against the generation of fathers who - knowingly or unknowingly - supported the Holocaust. Against a generation that was determined by rigid educational methods and a bizarre double standard and which is actually dying out.
Is this book then still necessary?
Yes, it is. Because - unlike for example the fiery hate writings of the Expressionists against their fathers - it attempts to quietly confront the incomprehensible. Selge doesn't want to destroy, nor does he want to explain, but he wants to expose horrendous human misconduct and failure, making it a warning sign. And the more quietly and unagitatedly this happens, the more monumnetic it becomes.
He does not exclude himself. As unsparingly as he dissects his parents, he also deals with himself. We all make mistakes, but some of them we cannot forgive ourselves. Sometimes it may be one anecdote too many, but most of them don't miss their mark. They are punches in the pit of the stomach that hurt for a long time.
For me, this book is the mature brother to Andreas Altmann's "Scheißleben"-novel. Really grandiose in many parts.
Edgar Selge hat einen autobiografischen Roman geschrieben. Wie ich finde, ist ihm das wirklich gut gelungen.
Durch Edgars Kinderaugen begleiten wir eine Zeit lang seine Familie um 1960.
Der Vater ein Gefängnisdirektor, lädt regelmäßig ausgewählte Insassen zu Hauskonzerten ein. Bringt den Gefangenen Kultur und Familienleben näher. Die Musik hat innerhalb der Familie einen sehr hohen Stellenwert und ist irgendwie Bindeglied. Wenn zusammen musiziert wird, rücken familiäre Spannungen in den Hintergrund. Man erschafft etwas zusammen. Die Familie hat somit einen ganz eigenen Rhythmus .
Trotz allem gibt es zwischen den Eltern und gerade den älteren Geschwistern Edgars Spannungen, die ihren Ursprung in der noch frischen politischen Vergangenheit Deutschlands haben. Beide Elternteile können nicht ganz ihr „ Denkgerüst“ ablegen, wissen jedoch das es Verbrechen gab und versuchen dies für sich zu verstehen. Sie müssen viele Dinge in ihrem bisherigen Leben in Frage stellen und das ist schwierig …. Für alle Familienmitglieder. Dann gibt es aber auch noch die Beziehung zwischen Edgar und seinem Vater. Er wird von ihm geschlagen und hinterfragt diese Art von „ Erziehung“ . Er versteht nicht recht, warum Gewalt herrscht, wo Liebe sein sollte und auch nicht, warum sein Vater ihn schlägt, da dieser selbst nie geschlagen wurde. Dann kommt noch hinzu, dass nicht nur Edgar, sondern auch seine Brüder sexuell belästigt werden von seinem Vater. Jedoch wird dies nur so am Rande mit erzählt.
Insgesamt ist der Vater eine ambivalente Figur, der Edgar häufig zum Opfer fällt.
Insgesamt hat mir der Text sehr gut gefallen. Mich interessieren nicht nur die Weltkriege sondern auch die Nachkriegszeit ab 1945. Wie kommt man damit klar, dass für jeden in der Welt ersichtlich wurde, welche Verbrechen das Nazi- Regime begangen hat. Ein Regime, dass sehr wahrscheinlich auch zum Teil naiv vom Volk gewählt wurde. Einer Diktatur, der viele freiwillig und blind gefolgt sind, ohne zu hinterfragen. Diese Aspekte interessieren mich und davon hätte ich gerne noch mehr gelesen und wäre gerne tiefer eingetaucht. Aber natürlich muss man akzeptieren, dass hier früher viele Menschen versucht haben, zu verdrängen, zu vertuschen bzw. aus lauter Scham gar nicht mehr über diese verbrecherischen Taten reden wollten. Nicht zu erkennen geben wollten, dass man selbst politische Entscheidungen befürwortet und unterstützt hat. Und dadurch letztlich offen gezeigt hätte, was für ein schreckliche(r) Mitäter:in man gewesen ist.
Ich habe mich selbst aus Interesse nochmal mit den Nürnberger Prozessen beschäftigt. Grausam zu sehen, wie reuelos die Mitglieder der vor Gericht gestellten Spitze des Nazi- Regimes waren. Einfach nur grauenvoll .
Zurück zum Buch: Bekommt von mir eine Leseempfehlung!!
Ich mochte die Erzählstimme des kleinen Edgar wirklich sehr! Auch die musikalischen Bezüge haben mich abgeholt. Vor allem der Epilog hat mich zu Tränen gerührt. Edgar beobachtet sehr fein und intuitiv was am heimischen Esstisch so alles für große weltpolitische Themen besprochen werden, sieht überall feine Risse und Abplatzer in den Fassaden der Erwachsenen um ihn herum und weiß manchmal selbst nicht wieso er so fühlt wie er fühlt. Sprachlich sehr klar und unverblümt schildert der Schauspieler Edgar Selge seine Kindheit in den 60er Jahren in der Provinz. Diese Geschichte fühlt sich beim lesen einfach echt an, weil sie es ist. 3,5 Sterne
Edgar Selge ist auch Menschen wir mir, die sich in der deutschen Schauspiellandschaft kaum auskennt, als seriöser, versierter Schauspieler bekannt. Deshalb hielten meine Zweifel, als ich hörte, dass er – wie so viele Prominente – ein Buch geschrieben hat, sich in Grenzen. Ich traute ihm das zu und wurde nicht enttäuscht. Seine Erinnerungen an seine Jugend in dem vor allem musisch geprägten Haushalt, der frühe Verlust zweier seiner Brüder, die Konflikte mit dem schlagenden, auch sexuell missbräuchlichem Vater, die Auseinandersetzung Selges und seiner Brüder mit der mitläuferischen Vergangenheit der Eltern unter dem Nationalsozialismus, haben mich tief bewegt. Meine Eltern waren etwas älter als Selge, haben aber ebenso als junge Erwachsene die Nachkriegszeit durchlebt, weshalb für mich die Distanz zum Erzählten gering war. Der Mann kann schreiben und er hat viel zu erzählen.
Der Roman von Edgar Selge ist für mich gelungen, aber nicht herausragend. Einerseits liest sich der Text angenehm rhythmisch. Anderseits bleibt die im Mittelpunkt der Erzählung stehende Familie mit Ausnahme des Vaters überraschend konturlos. Ich könnte mir vorstellen, dass "Hast du uns endlich gefunden" einen Stern mehr bekommen hätte, wenn ich mich für das Hörbuch entschieden hätte, da der Rhythmus der Sprache in einer gut vorgelesenen Form Schwächen in der Geschichte wettmachen kann.
Edgar Selge beschreibt sein Aufwachsen mit Vater, Mutter und drei Brüdern. Klassische Musik spielt eine große Rolle. Der Vater ist Gefängnisdirektor in der angrenzenden Jugendvollzugsanstalt. Edgar wird wie viele Kinder in der Nachkriegsgesellschaft regelmäßig geschlagen. Die Nazi-Ideologie steckt noch in vielen Köpfen, so auch bei seinen Eltern.
Es gibt einzelne Episoden, die mich begeistern konnten, z.B. die Beschreibung des Hauskonzertes vor achtzig Insassen der Jugendstrafanstalt. Es gab aber auch einiges an Mittelmaß und sogar Störendes, z.B. die Gegenwartseinschübe aus der Corona-Isolation.
Ich bin so hineingestolpert in dieses Hörbuch, wusste gar nicht recht, was ich da beginne. Und dann war ich immer stärker gefangen und eingewoben in der atmosphärisch feinen Erinnerungserzählung des Schauspielers Edgar Selge, der seinen autobiographischen Stoff selbst liest. Es sind die Erlebnisse eines Zwölfjährigen in seiner Familie zu Beginn der 60er Jahre. Die anfängliche Irritation über die eher alte Lesestimme für den jungen Blick löste sich, als ich begriff, dass es ein 73jähriger Mann ist, der sich in diese Kindheit zurückversetzt, und dass sich so das rückblickende Wissen mit dem kindlichen Erspüren zu einer dichten Atmosphäre verbindet. Keine Stimme könnte passender sein. (Dafür gab es auch den deutschen Hörbuchpreis.) Es beginnt skurril mit Hausmusik vor Insassen des Jugendgefängnisses, dessen Direktor der Vater ist. Die Liebe zur Musik, die intensive Musikalität aller Familienmitglieder wird ein roter Faden in der Geschichte, in der jedoch noch vieles mehr unter der Oberfläche schlummert: Die Unbeholfenheit der Eltern angesichts ihrer gescheiterten nationalsozialistischen Überzeugungen, die Prügelstrafen des Vaters, vereinzelt sogar sexuelle Grenzüberschreitungen, die Beziehung zu den Brüdern, darunter auch die Lücke des einen Verunglückten, die moralische Strenge der Nachkriegszeit und die heimliche Liebe zum Kino. Diese Erinnerungen sind so anschaulich, so körperlich, so detailliert beschrieben, dass sie ganz gegenwärtig werden und die geschilderten Momente dringlich in ihrer Bedeutsamkeit. Zugleich liegt eine bedrückende, oft tragische Stimmung über allem. So könnte es etwa einen verbindenden Moment zwischen Vater und Sohn geben, als beide bei einer Trauerfeier einen Lachanfall unterdrücken. Doch der Vater kann das im Anschluss nicht hinnehmen, gibt dem Kind die alleinige Schuld und weist ihn hart zurecht. Es bleiben eindrückliche Sätze hängen: „Ich kann so weit laufen wie ich will, mein Gefängnis trage ich immer mit mir herum. Es sitzt in mir drin. Das habe ich schon lange begriffen.“ Oder „Die Liebe zu meinem Vater… Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt.“ Diese stille, immerzu beobachtende Innenwelt, dieses Nachdenken über alle und alles, bringt mir nicht nur den Menschen Selge, sondern eine Generation näher, zu der auch meine Eltern zählen, mit ungelenken Konflikten, Nichtsprechenkönnen über Gefühlswelten, Schweigen über Wesentliches. Ich empfehle die Hörfassung!
Zo debuteren als schrijver als je 73 bent! Selge kijkt terug op zijn jeugdjaren, vlak na de grote oorlog. Het is een schitterende roman over verdringing, kindermishandeling, misbruik en wat dat doet met het beeld van je ouders. Het is geen zwart-wit verhaal met een slechterik en een slachtoffer, Selge brengt de nodige nuances aan. Prachtige teksten, sterke dialogen, personages die goed uit de verf komen. Wat mij betreft een schoolvoorbeeld van prachtige autofictie, een bijzonder indrukwekkend boek dat mij van begin tot einde heeft geboeid!
"Wir haben das alle getan. Wir haben unsere Leben imitiert. Unsere Fragen. Unsere Ansichten. Später unsere Berufswahl. Bis du krank wurdest. Bis du gestorben bist. Dann wurde es ruhiger in unserer Familie. Jeder hat begriffen, dass er für sich alleine lebt. Dass man sich sein Publikum woanders suchen muss, außerhalb der Familie. Du warst weg, und die Suche nach meinem eigenen Leben ging los."
Fantastisch eingelesen. Spannender Einblick in diese Kindheit. Realistische Stimme des Erzählers in jungen Jahren - ja, nicht sooo üblich, wenn Schauspieler Jugendcharaktere schreiben.
Wo Geschichtsbedrängtheit sich Ausdruck bricht und Verzweiflung in Hoffnung verwandelt wird. Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Edgar Selge spricht. Er schreibt seine Lebensgeschichte. Er hat den Mut, in die Zonen seiner Familiengeschichte hinabzusteigen, die schmerzen, die Schuld, Reue, Verzweiflung und Empörung auslösen, Enge, Bedrängtheit, ein Schacht und Tunnel ohne Ausweg und Fluchtmöglichkeit. "Hast du uns endlich gefunden" ist ein Juwel im Genre der Biographie-Literaturen, artististisch, komplex, doch hautnah und simpel, aufwühlend und sachlich, souverän und doch bodenlos von Hilflosigkeit geplagt.
"Zwei verknäulte Menschen im Halbdunkel, die immer wieder aufstöhnen und schließlich gemeinsam aufs Bett sinken, sich sitzend weiter ineinanderkrallen und den Schmerz in den Körper des anderen hineinheulen. Unerreichbarer als je, wie auf einem anderen Stern scheinen sie zu sein, einem Stern, von dem auch ich stamme, der aber gerade an mir vorbeizischt."
In diesem Roman findet keine Vergangenheitsaufarbeitung statt, hier wird nicht Resümee gezogen, etwas abgeschlossen, eine Moral der Geschichte konstruiert. "Hast du uns endlich gefunden" legt Zeugnis von einem Innwerdungsprozess ab, der nie aufhört, nicht aufhören kann, da diese und keine anderen Dinge geschehen sind, da die Eltern diese Eltern, die Brüder diese Brüder sind, der Vater prägend, die Mutter behütend, sich in einem fort Schatten und Licht vermengen, wo Sicherheit und Geborgenheit vom Kinde ersehnt wird.
All dies ersehnt der Ich-Erzähler. Er sucht den Dialog, nicht die Absolution. Er erfindet Gespräche mit dem toten Bruder, mit dem toten Vater. Er ruft sich die wenigen wichtigen, kristallisierenden und einschneidenden Lebensereignisse vor Augen. Er steht allein mit dem Gewicht, und das Buch, der Text, er als Schreiber, kommunizieren, entlasten und erneuern sich gegenseitig. Hier bewegt Literatur. Hier existiert Hoffnung als Dialog obgleich imaginär, obgleich illusionär - im Verfassen und Veröffentlichen selbst liegt eine Hoffnung, die während des Verfassens und Schreibens möglicherweise noch nicht einmal zu erahnen war.
"[...] denn ich entdecke, dass dieser Maler [Rembrandt] eine einzigartige Fähigkeit besitzt. Seine Farbe erzählt den Zerfall. Er malt nichts anderes als den Übergang der Welt in Moder, ganz gleich, ob es sich um Steine, Stoffe oder Menschenfleisch handelt. Was für eine berauschende Entdeckung. Mir jagt das Blut durch die Adern und verrät mir, dass ich Teil dieses Kreislaufs bin. In einem Augenblick habe ich begriffen, dass es der Zerfall ist, der uns zusammenhält. Der alles zusammenhält. Wie in einem feinen Regen vibriert die ganze Welt im Zerfall."
Der Ich-Erzähler ist selbst ein solcher Maler. Er zeigt den Niedergang, oder das Niederbleiben seiner Familie, die Hoffnungen, die vergeblich schienen, der Stolz, der ihn den Untergang führte, die Geschichtsversessenheit und das Festhalten an Verlust und Niederlage als Rechtfertigungsprogramm der Verbrechen und Gewalttaten der Nationalsozialisten. All dies im Rahmen der humanistischen Kernfamilie. "Hast du uns endlich gefunden" von Edgar Selge ist eine gelungene Erneuerung von Alfred Anderschs "Vater eines Mörders", von Ingeborg Bachmanns Erzählung "Unter Mörder und Irren", von Thomas Bernhards "Auslöschung" und Robert Musils "Die Verwirrung des Zögling Törleß".
Mit anderen Worten ein Lichtblitz und Lichtpunkt in der Gegenwartsliteratur, die nur allzuoft nüchtern und aufgeklärt sein will, aber die Niederungen und Wunden, die wahrhaft schmerzlichen Einsichten und Erinnerungen zu oft überspült und den Schmerz gar nicht zulässt. Nicht so Edgar Selge. Er exponiert sich bedingungslos, und hierfür verdient sein Buch gelesen und immer wieder gelesen zu werden.
Ein hervorragender Zufallsfund aus einem Bahnhofs-Buchladen. Unter einem musikalischen Leitthema wird ein Stück deutsche Geschichte durch die Erinnerungen eines Jungen an seine Familie erzählt. Ein wirklich starkes, autobiografisches Erstlingswerk eines Schauspielers (den ich zugegebenermaßen nicht kenne). Völlig zurecht mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet.
Der junge Edgar wächst bei seiner Familie im beschaulichen ostwestfälischen Herford auf. Ganz so beschaulich vielleicht nicht, denn sein Vater ist der Leiter des örtlichen Jugendgefängnisses. Dort gibt der Vater regelmäßig Klassikkonzerte, der Vater am Klavier als Begleitung eines Sologeigers. Für die jugendlichen Gefangenen wird gespielt, aber auch für die Bekannten der Familie, natürlich nicht gleichzeitig. Es könnte recht idyllisch sein, doch Edgars Familie ist nach dem Krieg aus Ostpreußen geflohen und die Ereignisse des Krieges sind auch im Jahr 1960 nicht vergessen. Der junge Edgar bekommt aus den Gesprächen der Eltern einiges mit, aber wenn er es wagt nachzufragen, bekommt er manchmal nur ungenügende Antworten.
Die Kindheit in der Nachkriegszeit, die sich eigentlich schon dem Ende entgegen neigt, ist nicht immer einfach. Die Kinder sollen nicht immer alles mitbekommen. Doch Edgar und seine drei Brüder sind ja nicht alle gleich alt und so wissen die Älteren manchmal mehr. Hin und wieder traut sich Edgar auch, direkt zu hinterfragen. Vieles muss sich der Junge jedoch zusammenreimen oder auch zusammenerleiden, denn besonders der Vater hat seine eigenen Methoden. Doch auch die tragischen Momente in der Familiengeschichte erschließt sich Edgar nach und nach.
Mit Neugier geht man an dieses Buch heran. Schließlich kennt man die Nachkriegsgeschichten in den eigenen Familien. Auch wenn die eigenen Erlebnisse später einsetzen, so besteht doch ein großes Interesse daran, wie ein Kind, das etwas früher groß wird, sie Zeit erlebt hat. Und dann liest man von Erlebnissen, die schwierig zu ertragen sind. Wenn man sich nach der Vergangenheit der eigenen Eltern oder Großeltern fragt, kann man hier den Hauch einer Antwort bekommen. Die Erlebnisse des jungen Edgar sind zum einen wie die eines jeden Kindes, fröhlich, von Neugier geprägt und dem Willen des Jungen, sich seine Wünsche zu erfüllen. Doch es gibt auch dunkle Momente, in denen er besonders unter seinem Vater zu leiden hat. Es ist eben nicht alles überwunden, es ist noch da und es ist bis in die Gegenwart nicht weg. Wenn dies beschrieben wird, ist man gefangen und auch etwas abgestoßen. Allerdings fragt man sich bei manchen Gedanken, ob sie dem Buch nicht so zusätzliches Gewicht verleihen sollten. Das bringt einen ein wenig raus. In Erinnerung bleiben werden jedoch die beklemmenden Momente in einem nicht existenten Idyll.
Es hat nur einige Dutzend Seiten gebraucht, bis sich Edgar Selge mit seinem Debüt “Hast du uns endlich gefunden” in mein Herz geschrieben hatte. Der 73-jährige Autor erzählt in diesem autobiografisch grundierten Buch über eine Kindheit in den 50ern und 60ern im ostwestfälischen Herford — der Vater, Gefängnisdirektor, der leidenschaftlich gern Klavier spielt, gibt regelmäßig Hauskonzerte für die Insaßen. Mindestens genauso regelmäßig verprügelt er den kleinen Edgar.
Anhand von exemplarischen Episoden tauchen wir in das Familienleben und damit auch in die Gedankenwelt des 12-jährigen Edgars ein. Diese authentische, sensible, fast eigenbrötlerische Erzählstimme ist es, die Selges Werk die große Stärke verleiht.
“Ich will nicht zugeben, von jemandem geschlagen zu werden, den ich liebe. Und noch weniger will ich zugeben, dass seine Schläge meine Liebe nicht ausgelöscht haben. Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt.”
Es ist eine Kindheit, die von großer Ambivalenz gegenüber den Eltern und ihren Denkweisen durchzogen wird. Einer Generation gegenüber, die den Krieg und das, was sie „Zusammenbruch“ nannten, mitgemacht hat. Die Auseinandersetzung mit der Schuld ihrer durch die Nazi-Ideologie geprägten Eltern übernehmen vor allem Edgars ältere Brüder in Form von explosiven, teils köstlich schneidenden Diskussionen, die der kleine Edgar regelrecht inszeniert.
Obwohl die Hilfslosigkeit des Jungen und seine tief greifende Verletzung, dessen seelische Qual bis heute andauert, permanent spürbar sind, ist Selges Text keine Abrechnung mit den Eltern. Vielmehr ist es ein fragendes, oft staunendes Zurückblicken — ein Prozess des Innewerdens, der niemals aufhört.
Ein meisterhaftes Debüt und ein großartiges Stück Literatur, das klug, emotional und mit einem leisen Witz einen sicheren Platz in meinem Herzen eingenommen hat. Lesen, lesen, lesen! Unbedingt und sofort!
„Hast du uns endlich gefunden“ ist eine biografische Erzählung von Edgar Selge.
Sein Aufwachsen in einer Familie mitzuerleben, die vom Krieg und der NS-Zeit geprägt ist, ist das Hauptthema. Ab und zu finden Sprünge in die Gegenwart statt, die häufig einen Bezug zur Vergangenheit haben und verdeutlichen, welche Gedanken Selge bis heute mit sich trägt.
Besonders gefallen hat mir die Beziehung zwischen ihm und seinen Brüdern. Der Einsatz der Brüder für ein Aufklären der Geschehnisse innerhalb der Familie und während des zweiten Weltkrieges hat mich bewegt und beim Lesen hoffnungsvoll gestimmt.
Das Gefühl, einen Menschen zu lieben, der einem Schlimmes angetan hat und sich dafür zu schämen und gleichzeitig nicht gegen dieses Gefühl ankommen zu können, würde das Buch für mich gut zusammenfassen. Durch den Perspektivwechsel und den Blick auf die Familie durch Edgar Selges Kinderaugen lässt sich die Schwere der Thematik besser aushalten, ebenso durch seine Flucht in eine Art Fantasiewelt.
Es kommt eine Stelle vor, die meiner Meinung nach eine Triggerwarnung gebraucht hätte, deswegen:
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich vor diesem Buch noch nie etwas über Edgar Selge gehört habe, aber hoffentlich ist er ein besserer Schauspieler als Autor.
So blöd es sich auch anhören mag, handelt es sich hier eben wieder um eine Geschichte, die sich einreiht in hunderte Bücher zu gleichen Themen: Nachkriegszeit, schwere Kindheit, strenge Väter und die Entwicklung des Protagonisten von damals bis heute. Es gibt Schilderungen der strengen und brutalen Erziehung durch den Vater, die auch die wehrlose Mutter erdulden muss, sowie ausufernde Erklärungen zu Klavier- und Cellowerken, haben mich relativ schnell genervt haben. Von mir gibt es keine Leseempfehlung.
Ich war von diesem Roman zunächst ein wenig verwirrt, weil ich irgendwie auf eine konkrete Handlung wartete. Tatsächlich ist es aber vor allem die Erzählweise und die Figur des kleinen Edgars, die das Buch ausmachen, zumal es sich ja auch um eine Art Autobiografie handelt. Edgar sieht schon als Kind überall „einen Riss hinein und dann bleiben Teile zurück, die nicht mehr zusammenpassen“. Diese „Risse“ erkennt er am Abendbrottisch, im Kino und im allgemeinen Verhalten und den Gesprächen der Erwachsenen ihn herum. Sein Aufwachsen in der Nachkriegsgesellschaft wirft viele Fragen auf, die ihm aber niemand so richtig beantworten will. Das Besondere in der Erzählung ist vor allem der Humor, mit dem der Autor sich als kleinen Jungen und dessen Erlebnisse beschreibt und gleichzeitig hinter dieser lustigen Fassade vor allem auch schmerzhafte und ernste Themen behandelt- sei es, wie Edgar einen Tisch zerkratzt und es, ohne mit der Wimper zu zucken, auf einen Mitschüler schiebt oder, wie er Zeuge einer hitzigen Diskussion über die Schuld der Mittäter:innen des NS-Regimes zwischen seinen Brüdern und Eltern wird. Diese Szene hat mir im ganzen Buch am besten gefallen und ich hätte mir eigentlich mehr solcher Stellen, anstatt der teilweise wie aus einem Geschichtsbuch vorgelesenen Passagen, gewünscht. Der Epilog passte letztlich in meinen Augen einfach nicht zum Rest der Geschichte und hätte ohne Weiteres weggelassen werden können, wobei es eben auch als Autobiografie geschrieben ist und der Autor dies deswegen wohl miteinschließen wollte.
Ich bin etwas hin und her gerissen, wie ich das Buch nun fand.
Einerseits waren mir die kurzen (oder mittellangen) Episoden / Erinnerungen etwas abrupt nebeneinander gestellt, gleichzeitig waren sie aber auch sehr eindrücklich beschrieben.
Daher bleibt ein bisschen Zwiespältigkeit übrig: für die fünf Sterne fehlte mit der durchgehende rote Faden. Aber klasse und bemerkenswert war's gleichwohl doch.
«Mein Vater übt immer fürs Hauskonzert. Ist eins vorbei, steht das nächste vor der Tür. Wir leben praktisch zwischen zwei Hauskonzerten. Jedes für sich ist wiederum eine Doppelveranstaltung. Am Vormittag kommen die Gefangenen aus der Jugendstrafanstalt von nebenan. Natürlich nicht alle. Das wären ja vierhundert. Aber um die achtzig sind es schon.»
Die Autobiografie der Kindheit des bekannten Schauspielers Edgar Selge wurde mir empfohlen: ein literarischer Leckerbissen mit viel Humor. Normalerweise reizen mich gängige Schauspielerautobiografien nicht sehr; aber der Tipp war dann doch ein Glanzstück zur deutschen Nachkriegszeit, und ich gebe ihn gern so weiter. Eine Kindheit und Jugend in den 50ern und 60ern in Herford in Westfalen, in einem bürgerlichen Bildungshaushalt, in dem viel Musik gemacht wird. Der Vater ist Gefängnisdirektor einer Jugendhaftanstalt und die Famile wohnt in der Dienstwohnung. Der zwölfjährige Edgar berichtet ziemlich humorvoll vom Alltäglichen. Der Krieg ist gerade beendet, und die Brauen sind offiziell verschwunden – doch sie sind immer noch da, agieren leise. Überall spürt der Junge Risse in dieser geordneten Welt. Die älteren Brüder führen mit den Eltern Streitgespräche und Edgar versteht, dass an Papas Socken eine Nazivergangenheit klebt. Der älteste, Rainer, ist beim Spielen mit einer Handgranate ums Leben gekommen. Die Eltern haben es schwer mit der neuen Zeit klarzukommen, verheimlichen eine Menge. Die Musik hält die Familie zusammen, das Musizieren, die Konzerte. Hier sind sie sich nah.
«Sie irren umher und suchen mich verzweifelt. Und träumend quält mich der Gedanke, dass sie nicht zurückfinden können, weil sie die Orientierung verloren haben ... Oder sie denken, ich will sie nicht mehr sehen ... Langsam haben sie sich an den Gedanken gewöhnt, dass Kinder irgendwann von ihren Eltern nichts mehr wissen wollen. Das ist wohl der Lauf der Welt, trösten sie sich gegenseitig.»
Die Geschichte wird auf zwei Ebenen berichtet: einmal im Präsens geschrieben vom zwölfjährigen Edgar, ein Lausbub, der sich durchs Leben schummelt, und von der zweiten Stimme, dem dreiundsiebzigjährigen Edgar, zurückblickend und resümierend. Die Reflexionen aus der Distanz des Alters vermischet sich auf wunderbare Art mit der Stimme des naiven Jugendlichen, der sehr genau seine Umwelt beobachtet und frech seine Eindrücke und Gefühle wiedergibt. Edgar ist besessen vom Film und von Büchern, flüchtet sich gern in die fantastische Welt. Spannungen im Familienklima, ein schwelender Antisemitismus der Eltern, ein Beschwören, dass doch nicht alles falsch gewesen war, was man damals gemacht hat ... «Die Juden waren immer schon da. Überall haben sie einem vor der Nase gesessen», so der Vater. Und was hat er im Krieg eigentlich wirklich gemacht? Es gibt ein Kriegstagebuch – in Fragmenten – denn die Mutter hat viele Seiten herausgerissen. Die Kinder würden es nicht verstehen. Der ehemalige Oberstaatsanwalt Dr. Selge fristet heute sein Dasein als Gefängnisdirektor; die Familie vertrieben aus Ostpreußen. «Der Krieg ist verloren, der Nationalstolz im Eimer, die Nachkriegszeit haben sie überstanden, mit Ach und Krach, aber die Kultur ist übrig geblieben.» Entnazifiziert, einen Job erhalten, den er wieder verlor, hierher strafversetzt. Weil er zu milde mit den Gefangenen umgegangen ist, sagt er. Die Mutter, die leidet, weil sie nicht ihren Weg gegangen ist, sondern geheiratet hat, die als Person nicht wahrgenommen wird. Direktor Dr. Selge gibt Konzerte für die Gefangenen in seiner Wohnstube, und während er Beethoven spielt, stellen die Gefangenen fest, dass die Möbel hier allesamt aus ihren Gesellenstücken bestehen. «Genau genommen ist es so, dass die Eingesperrten uns ernähren», berichtet Edgar: die Möbel, die Feldfrüchte, und weil sie dem Vater einen Job geben. Edgar, der immer wieder Prügel kassiert, weil er sich nicht an die Regeln hält, der zum Dieb und Lügner wird, um an Geld für Kinokarten heranzukommen, nachts aus dem Fenster steigt, um die Spätvorstellung zu besuchen, während die Eltern bereits schlafen. Und gern sitzt er im Birnbaum, spielt Fliegerangriff. Als Granaten dient das Obst. Die Mutter, aus einer Offiziersfamilie stammend, behauptet steif und fest, die Wehrmacht sei sauber gewesen, sei ja nicht die SS. Erst spät muss sie feststellen: «Ich kann mein ganzes Leben wegwerfen, waren ihre ersten Worte. Nur Verbrecher um mich herum. Euer Vater. Mein Vater. Unsere Wehrmacht», als sie nach einem Besuch der Wehrmachtausstellung in München fast zusammenbricht.
«Er will nicht als Nazi rüberkommen, aber sein ganzes Denk- und Sprachgebäude ist in dieser Zeit errichtet worden, und so schnell findet er kein anderes.»
Edgar ist 1948 geboren, ein Nachkriegskind, kein Kriegsleid erlebt hat. Aufbruch in der Nachkriegszeit, alte Zöpfe abschneiden. Das gelingt eben nicht jedem. Und manch einer sitzt wieder fest im Sattel. Man redet eben nicht über die Vergangenheit. Entnazifizierung – wurden die Menschen dadurch besser, hat sich etwas in der Einstellung verändert, oder hält man einfach die Klappe? Die neue Zeit oben draufgesattelt, wabert die alte fleißig darunter. Kinder, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, verstehen vieles nicht; Geflüster hinter den Türen oder offene Missachtung gegen die neuen Moden. Ich bin zwar ein bisschen jünger, aber auch ein Nachkriegskind, das in Trümmern spielte, Fliegerangriff war eins unserer liebsten Spiele. Nicht selbst erlebt, doch das Tagesgespräch der Erwachsen. Wenn man fragte, wie es damals war, erhielt man keine Antwort, oder es wurde gesagt, man verstehe das sowieso nicht. Schweigen und Lügen – auf viele Fragen bekamen wir erst 20 – 30 Jahre später eine Antwort; nur, weil einige den Mut hatten, weiterzubohren und offenzulegen. Dieser melancholische Roman hat Tiefe und gleichzeitig eine Menge Humor. Ein paar Mal habe ich laut und herzlich gelacht, denn es ist auch eine Lausbubengeschichte. Denn letztendlich geht es hier nicht um die Autobiografie an sich, sondern um die Auseinandersetzung mit der Zeit und seiner eignen Familie, den Lücken, und dem, was das aus einem macht. Und Edgar Selge sagt, er habe keine Autobiografie geschrieben, einiges sei fiktiv verdichtet oder montiert. Und genau deswegen ist es so gut geworden. Chapeau für dieses literarisch exzellente Werk! Eine Geschichte mit «einem Widerspruch, der gezeigt werden möchte»:
«‹Was ist eigentlich los mit Dir, Edgar? Wovor schämst Du Dich? Komm, sag es, spuck es aus.› ... «Ich will keiner sein, der den liebt, der ihn schlägt. So.›»
Edgar Selge gehört zu den bedeutendsten Charakterdarstellern Deutschlands. 1948 geboren, wuchs er im ostwestfälischen Herford als Sohn eines Gefängnisdirektors auf. Seine Schauspielausbildung schloss er 1975 an der Otto Falckenberg Schule in München ab. Zuvor studierte er Philosophie und Germanistik in München und Dublin sowie klassisches Klavier in Wien. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Edgar Selge lebt mit der Schauspielerin Franziska Walser zusammen. Die beiden haben zwei Kinder. «Hast du uns endlich gefunden» ist sein literarisches Debüt.
Ich habe dieses Buch als Hörbuch für einen Podcast gehört, gelesen vom Autor selbst, was sehr viel Emotion und Ausdruck hinzugibt. Es ist schwer diese individuelle und vor allem harte Lebensgeschichte zu bewerten. Man kann nur hoffen, dass mehr Männer wie Selge so viel reflektieren, um das Generationen-Trauma und den Fluch der Wiederholung zu brechen. Es gibt auch schöne Passagen über brüderlichen Zusammenhalt und zusammenkommen durch Musik, aber in erster Linie ist dieses Buch für mich ein cautionary tale, wie es nie wieder werden darf.
Für mich ein Meisterwerk. Mit einer einfachen, aber sehr effektiven Sprache schafft es Selge, sowohl die gelebten Lügen der Nachkriegszeit, als auch die Gefühlswelt eines Kindes zu zeichnen, das von dem eigenen Vater misshandelt wird. Sehr akzentuiert setzt Selge Beschreibungen von Kriegsgräueln und Schicksalsschlägen ein, die mich als Leser stets gefesselt, jedoch nie erschlagen haben. Die aus meiner Sicht gewagten Zeitsprünge holen den Leser regelmäßig zurück ins Jetzt. Ein eindrucksvolles Werk, das ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.
Edgar Selges Hast du uns endlich gefunden ist ein stilles, eindringliches Buch, das mit großer sprachlicher Klarheit und poetischer Kraft von einer Kindheit in der Nachkriegszeit erzählt. Die Ich-Perspektive des jungen Erzählers schafft eine besondere Nähe, die berührt, ohne sentimental zu werden. Besonders stark ist die Art, wie Selge familiäre Spannungen, körperliche und seelische Verletzungen sowie die Suche nach Halt und Zärtlichkeit schildert – immer mit einem feinen Gespür für Zwischentöne.
Die Sprache wirkt musikalisch, fast rhythmisch, und ist zugleich präzise und zurückhaltend. Gerade diese Reduktion macht viele Passagen so eindrucksvoll. Manchmal entsteht der Eindruck einer gewissen ästhetischen Glättung, einer leicht nostalgischen Weichzeichnung der Erinnerungen – doch das schmälert nicht die Tiefe und emotionale Wirkung des Textes. Hast du uns endlich gefunden ist ein leises, aber nachhaltiges Buch, das lange im Kopf und im Gefühl bleibt.
Edgar Selge arbeitet in diesem Buch seine Kindheit im Nachkriegsdeutschland auf. Extrem berührend, manchmal schwer zu ertragend, aber auch immer wieder mit feinem Humor durchzogen ist dieses wirklich großartige Buch. Das Ende ging mir auf bedrückende Weise sehr zu Herzen.
das einzige was ich nach diesem buch mich gefühlt habe, ist die erleichterung dass die erziehungsmethode die edgars eltern verwendet haben, heutzutage unmoralisch man befindet