Sarah Wagenknecht wurde von Außerirdischen entführt. „Finde Sarah!“ lautet der Auftrag, mit dem Oskar Lafontaine bei dem genderfluiden Pseudo-Privatdetektiv Emma bzw. Andreas von Erdling aufschlägt; einer ehemaligen „linksideologischen“ Instagram-Influencerin und schillernder Protagonist:in von Emma Bravslavskys Roman „Erdling“. Die immer chic gekleidete Emma-Andreas begibt sich daraufhin mitsamt ihrer aus dem Nichts aufgetauchten mephistophelisch-extraterrestrischen Begleitung namens Angelika auf eine Reise durch Zeit und Raum – genauer gesagt: durch Erzählzeit und Weltraum. Denn auf ihrer Suche nach Sarah Wagenknecht geraten die beiden unerwartet in völlig andere Raumzeiten und Realitäten – von künstlerisch-philosophischen Zirkeln der Weimarer Republik (wo sie z.B. Vicki Baum und Thomas Mann begegnen) bis hin zu esoterisch-spiritistischen Kreisen, die sich auf eine andere Existenz im Universum vorbereiten.
Vor allem aber tauchen sie immer tiefer ein in zahlreiche phantastisch-literarische Imaginationen des Weltalls und des Außerirdischen von allerlei längst vergessener Autor:innen der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Diese aberwitzige Tour de Force ist nicht nur ein großer Lesespaß, sondern zugleich ein wilder Ritt durch die deutsche Mentalität und Geistesgeschichte. Es ist nicht weniger als der Versuch, ein verdrängtes Kapitel deutscher Kultur literarisch einzuholen: und zwar die Beziehung der Deutschen zum Weltraum.
Wer jetzt an esoterische Rechtsextreme wie Dr. Axel Stoll und seine Aldebaraner oder an die fantastische Mockumentary „Die Mondverschwörung“ denken muss, der ist (man verzeihe mir den Kalauer) nicht gänzlich auf dem Hohlweg. Denn tatsächlich stößt Emma-Andreas immer wieder auf esoterische, nationalistische, mitunter gar völkisch-antisemitische Weltall-Projektionen der Deutschen, insbesondere aus der Zeit der Jahrhundertwende.
Allerdings bringen die turbulenten Zeit- und Raumreisen auch vermeintlich feststehende Gewissheiten in Wanken: Emma Erdling muss feststellen, dass so manche der heute hermetisch voneinander abgezirkelt scheinenden Bereiche in früheren Zeiten noch verwirrend übereinander lappten.
Um Caroline Amlingers Rezension zu zitieren: „Aufklärung und Esoterik, Sozialismus und Faschismus, Deutschnationalismus und Zionismus liegen in den narrativen Weltentwürfen derart nah beieinander, das man die Widersprüche kaum aushalten kann“. Erdling muss lernen, Vergangenes aus der Zeit heraus zu verstehen, anstatt vom heutigen Standpunkt aus darüber moralisch zu urteilen (oberstes Gebot der Zeitreisenden: Niemals schlauer sein als die Zeit, in der man sich gerade befindet!). Sie beginnt zu verstehen, dass verschiedene Dimensionen, Realitäten und Perspektiven mitunter auch nebeneinander existieren können.
All diese Aspekte machen „Erdling“ zu einem herausragenden Stück Gegenwartsliteratur. Und auch formal sprengt der Roman Grenzen auf, allen voran die in Deutschland so hoch gehaltene Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur. Mühelos verbindet Braslavsky das hierzulande eher geringgeschätzte Unterhaltungsgenre der Science Fiction mit einem politisch-theoretischen Anspruch, ohne jemals moralisierend zu wirken (vielleicht im besten Sinne von Marc Fishers „theory fiction“). Einer offenbar in Vergessenheit geratenen Tradition folgend, kommt der Roman damit auch auf Ebene seiner Form seinem inhaltlichen Grundtenor nahe, nämlich ent-ideologisierend und ent-moralisierend verschiedene Realitäten nebeneinander stehen zu lassen. Alles in allem ist der Roman ein großes literarästhetisches Experiment: Es ist eine Art intertextuelles Multiversum, eine Art Unbewusstes der deutschsprachigen Literatur abseits des Kanons, durch das uns Braslavsky hier scheucht, ein beglückendes Spiel mit einer Vielzahl narrativer Welten und Wirklichkeiten, von denen man sich nicht nur in der Welt der Bücher, sondern auch in unserer tristen Realität sehnlichst mehr wünschen würde.