Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ist ein Kinderbuch des deutschen Schriftstellers Michael Ende aus dem Jahr 1960. Zwei Jahre später folgte Jim Knopf und die Wilde 13. Beide Bücher gehören zu den erfolgreichsten und beliebtesten Kinderbüchern im deutschsprachigen Raum. In den letzten Jahren war das Buch Gegenstand einer öffentlichen Debatte um Rassismus in Kinderbüchern.
Oft geht es in dieser Debatte um verletzende, rassistische Fremdbezeichnungen wie das N-Wort, die im Originaltext auftauchen und bis heute unzensiert ihren Weg in Neuauflagen finden. Der Grund, warum ich die Causa Jim Knopf so spannend finde, ist, dass Michael Ende in den 60er-Jahren einen Schwarzen Helden und Protagonisten schuf. Das ist retrospektiv betrachtet schon progressiv. Dennoch macht auch Endes Buch nicht vor Exotisierung und Stereotypisierung halt. Aus diesem Grund würde ich das Buch gerne nochmal als erwachsene Person lesen. Als Kind habe ich diese Nuancen gar nicht wahrgenommen. Ich habe die TV-Serie geliebt und fand Jim und Lukas einfach cool. Als erwachsene Person würde ich gerne eine Haltung gegenüber dem Roman entwickeln.
Heutzutage gibt es so viel progressivere, diversere und empowernde Literatur für Schwarze Kinder, dass es Michael Ende mit seinen Jim Knopf-Bücher wahrscheinlich nicht in das Bücherregal meines Neffen schaffen wird. Dennoch finde ich es für mich persönlich spannend, so frühe Schwarze Helden in der deutschsprachigen Literatur zu analysieren – was ist gut gelaufen? was ist schief gegangen? Mich interessiert das sehr.
Jim Knopf kommt als Baby in einem Postpaket auf der Insel Lummerland an. Weil der König findet, dass die Insel zu klein ist für alle Bewohner*innen, sucht Jim als Heranwachsender mit seinem Freund Lukas dem Lokomotivführer das Abenteuer. Mit der Lok Emma (she's iconic!) machen sich die beiden auf den Weg in das fiktive Land Mandala, dessen Prinzessin sie am Ende retten.
"Ich habe Jim Knopf geliebt als Kind. Der Junge, der aussah wie ich und der der Held der Geschichte war", schreibt die Anti-Rassismustrainerin und Aktivistin Tupoka Ogette zum Thema "Wanted: Schwarze Held_innen in deutschen Kinderbüchern". Die Vorstellung, dass Jim in einem Postpaket verschickt wurde, fand sie als Kind allerdings gruselig. Auch über das "N-Wort" hat sie sich geärgert und es im Buch übermalt, denn unter dieser Bezeichnung hat sie als Kind immer wieder gelitten. Tupoka Ogette bezieht sich auf eine Stelle am Anfang der Geschichte, als einer der Lummerland-Bewohner das rassistische N-Wort benutzt, um den kleinen Jim in der Paketsendung zu beschreiben.
Nach den Illustrationen von Franz Josef Tripp wird Jim Knopf in der Erstausgabe mit einem breiten Grinsen und wülstigen rosa Lippen dargestellt. Ein rassistisches Klischee, das zurecht auf Ablehnung stößt. Der Stuttgarter Thienemann-Verlag, der Jim Knopf am 9. August 1960 veröffentlichte, hält allerdings bis zum heutigen Zeitpunkt an der Sprache von Michael Ende fest. Es seien eben Romanfiguren aus der damaligen Zeit, so die Begründung. Außerdem wolle man das Urheberrecht nicht verletzten. Man macht es sich einfach. Es ist ein schwaches Argument, welches nicht wirklich davon zeugt, dass der Verlag gewillt ist, den Stimmen Schwarzer Deutscher zuzuhören.
An der Originaldarstellung Jims gibt es viel zu kritisieren: an einer Stelle wird der Schwarze Junge mit dem N-Wort bezeichnet, anderswo wird Lukas' vom Ruß dreckige Haut als genauso „schwarz“ wie Jims beschrieben und an wieder anderer Stelle erbleicht Jim unter seiner Haut – als wäre sie nur aufgeschminkt.
Und was Michael Endes Erzählung ebenfalls nie war, ist: antisexistisch. Die Welt von Jim Knopf ist geradezu entvölkert, was Frauen angeht. In beiden Bänden kommen eine handvoll Frauen vor und dazu noch in stereotypen Rollen: die Hausfrau Waas, die Prinzessin Li Si, die strenge Lehrerin Malzahn und die Meerjungfrau Sursulapitschi. Ihre Geschichten sind genauso stereotyp: Frau Waas würde gerne Mutter sein und befürchtet, ihren Ziehsohn Jim zu verlieren, Li Si wird geraubt und muss von Jim gerettet werden, Frau Malzahn muss Jim erst besiegen, damit sie zum "Goldenen Drachen der Weisheit" wird.
Michael Ende, 1929 im süddeutschen Garmisch-Partenkirchen geboren, erlebte seine Schulzeit während der Diktatur der Nationalsozialisten. Später besuchte er die Schauspielschule und schrieb nebenbei Gedichte und Erzählungen, was er mit der Zeit professionalisierte. In seiner Literatur stellt sich Ende bewusst gegen die nationalsozialistische Ideologie.
Das Schreiben an sich war für Ende ein nie vorhersehbares Abenteuer. "Es gibt einen Moment, wo die Figuren eine Art Eigenleben bekommen und man eigentlich nur noch hinter ihnen herschreibt." So war es auch bei Jim Knopf. Auf der Suche nach der Prinzessin Li Si, die in den ersten Ausgaben von Jim Knopf noch aus China stammte und nicht aus dem fiktiven Mandala, kämpft er gegen Scheinriesen und Drachen. In Lummerland besiegt er die autoritäre Drachenlehrerin Frau Mahlzahn, die Kinder aus der ganzen Welt gefangen hält und mit Mathematik quält.
Michael Ende starb 1995. In seinem Nachlass tauchten Skripte und Notizen auf, die zeigen, dass sich der Anthroposoph kritisch mit Darwins Theorien und der damit verbundenen Rassenideologie der Nationalsozialisten auseinandergesetzt hat. In Endes Geschichten sind es die Schwächeren, die siegen. Jim und sein Freund Lukas begegnen und helfen auf ihrer Heldenreise Außenseitern. Als sie etwa in die Drachenstadt kommen, um Prinzessin Li Si zu befreien, empfängt sie folgender Schriftzug über dem Stadttor: "Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten." Die beiden besiegen nicht nur die grausame Drachenlehrerin Frau Mahlzahn, sondern bekommen auch Hilfe von dem Halbdrachen Nepomuk, der sich dafür schämt, dass seine Mutter ein Nilpferd und kein Drache ist.
Trotz aller Kritik sollte vorangestellt sein, dass Michael Endes Erzählung in ihrer Intention und Botschaft keine rassistische ist – im Gegenteil. Sie rechnet explizit mit Autoritarismus und Nationalsozialismus ab, ihre Helden sind Arbeiter, nämlich Lokomotivführer, und deren Freunde sind allerlei Außenseiter, die aus Angst oder Verachtung ausgegrenzt werden, und schließlich ist die in der Geschichte formulierte Utopie ein Land, in dem Kinder aus aller Welt in Frieden leben dürfen. Auch die Tatsache, dass die Hauptfigur Jim selbstverständlich Schwarz und deutsch (äh … lummerländisch) ist, ist auch fast sechzig Jahre nach dem ersten Erscheinen des Buches keine Selbstverständlichkeit in deutschen Erzählungen.
Ob das aus heutiger Sicht "genug" ist, um als Antirassist bezeichnet zu werden (wie es in einem Artikel der Deutschen Welle) geschieht, wage ich zu bezweifeln. Michael Endes Werk (seine Sprache und seine Inhalte) sind immer noch von seinen blindspots geprägt (…wenn er bspw. Afrika als „Land“ bezeichnet, in einer Aufzählung mit Deutschland und China). Obwohl Jim der Held der Geschichte ist, reproduziert Ende rassistische Sprache und Stereotype (nicht nur auf Schwarze Menschen bezogen, sondern auch Ostasienklischees). Es ist ein spannender Spagat zwischen der eigentlichen Intention und der eingetroffenen Wirkung.