Ein Land, viele Sprachen
Der konfuzianistische Gedanke des 大同[datong], der "großen Gemeinsamkeit", und die typisch chinesische Fixierung auf die Geschichte, geht so tief, dass Chinesen das linguistische Faktum, dass sie eigentlich ein multilinguales Land sind, nicht anerkennen können. Die Sprache "Chinesisch" wird daher mehr über kulturelle, geschichtliche und politische Faktoren definiert als über linguistische. Besonders faszinierend ist beim "Chinesischen" der Einfluss der Geografie auf die Sprach- und Dialektentwicklung - bei so einem Riesenreich kein Wunder, aber Ramsey arbeitet konsequent und einleuchtend auf, wie Flüsse, Bergketten und Ebenen die Verbreitung von Dialektmerkmalen fördern oder aufhalten.
Manche Rezensenten stört es, dass der vorliegende Text sehr auf diese nicht-linguistischen Faktoren eingeht. Wer schon einmal rein linguistische Lektüre gelesen hat, wird diese neue Perspektive zu schätzen wissen - für Laien sind sprachwissenschaftliche Texte ätzend zu lesen. Für mich waren immer schon die anthropologisch-linguistischen und soziolinguistischen Texte viel spannender als der langweilige Phonetik-, Phonologie- oder Morphologiekrams. Der Laie, der sich für die Sprache "Chinesisch" interessiert, wird dabei nicht überfordert, sondern bekommt einen sehr lesbaren und ausgesprochen erhellenden Einblick geboten.
Aber auch die puristischen Linguisten, die sich dem "Chinesischen" nähern, finden genug Material, insbesondere, wenn es um den sehr interessanten Vergleich des Shanghaier Dialekts, der südlichen Wu-Dialekte, des Minderheitendialekte wie Gan, Min und Hakka, des "Kantonesischen" (Yue) und des nördlichen Standardchinesisch geht.
Die nordchinesischen Minderheiten sprechen dagegen hauptsächlich altaische Sprachen, und dieser Ausflug ist wirklich spannend, da hier auch die unerwartete Frage aufgeworfen wird, wie die Minderheiten mit ihren vom Chinesischen völlig anderen Sprachen je hätten die chinesische Schrift, die für agglutinierende Sprachen ja komplett ungeeignet ist, annehmen können. Kein Wunder, dass sie sich eher den alphabetischen Schreibformen, insbesondere der arabischen und der kyrillischen, zugewandt hatten.
Besonders faszinierend fand ich die Erklärung des allgegenwärtigen, vielseitigen und jeden Lerner verwirrenden Partikels de: Dass es erst seit ca. 1920 die künstliche schriftliche Unterscheidung in 地, 得 und 的 gibt hat mich sehr überrascht, denn nirgends in meinen Kursen wurde je auf diese erstaunliche Tatsache hingewiesen. Auch das fanqie-System war mir unbekannt - wirklich interessant, dass ich mir nie Gedanken gemacht hatte, wie man jemand die Aussprache eines chinesischen Zeichens schriftlich (ohne Pinyin!) mitteilen konnte. Auch findet man eine Erklärung, woher die mit dem heutigen Ortsnamen eigentlich wenig zu tun habende seltsame deutsch/englische Form "Peking" herkommt - also viele spannende Themen, die es in diesem tollen Buch zu entdecken gilt.