Thomas Mann – Der kleine Herr Friedemann – Novellen
Mann geht in seinem Frühwerk mit diesen Novellen ohne Umschweife und Camouflagen auf sein Ziel los: Thema ist stets der lebensuntüchtige Außenseiter und seine ungeeigneten Bewältigungsstrategien. Die literarischen Pufferzonen, die er zwischen seinen Figuren und seinen eigenen Qualen einschiebt, sind hier noch recht dünn.
Die Leidenden sind:
in „Der kleine Herr Friedemann“ – der verkrüppelte Titelheld, dessen mit großer Willenskraft zusammengehaltene Würde zusammenbricht, als er sich hoffnungsvoll verliebt,
in „Der Tod“ – ein abergläubischer Witwer, der das Datum seines Todes zu kennen glaubt und sich in diese Idee verrennt,
in „Der Wille zum Glück“ – ein herzkranker Künstler, der sich in ein höherstehendes Fräulein verliebt,
in „Enttäuschung“ – ein vom Leben geplagter Mann, der die Momente des Glücks oder Unglücks, des Genusses oder Verdrusses nie wirklich empfinden kann, da er sich stets beim Empfinden beobachtet,
in „Der Bajazzo“ – ein dilettierender Künstler, der ebenfalls an der Liebe und den Standesunterschieden scheitert,
in „Tobias Mindernickel“ – ein von Kindern verspotteter Außenseiter, der seine Liebe zu einem Tier nur dann empfinden kann, wenn er die leidende Kreatur tröstet.
Es scheint mir keine sehr weise Entscheidung gewesen zu sein, diese Erzählungen in einem Band zu vereinigen, denn spätestens beim „Bajazzo“, der schwächsten Story, wird man der Variationen des Themas Außenseitertum etwas überdrüssig. Aber auch diese Geschichte hat ihre hübschen Momente, etwa als der Hallodri voller Neid entdeckt, dass sein Nebenbuhler „den unvergleichlichsten Hemdeinsatz besaß, den ich in meinem Leben erblicken durfte. Er war vollkommen blossgelegt dieser Hemdeinsatz, denn die Weste war nichts als ein schmaler, schwarzer Streifen, und die Frackjacke, die nicht früher als weit unterhalb des Magens durch einen Knopf geschlossen wurde, war von den Schultern aus in ungewöhnlich weitem Bogen ausgeschnitten…“ (Und so noch einen Absatz fort.) Wer würde sich da heute nicht an „American Psycho“ erinnern, der die Fassung verliert, als seine Kollegen ihm in Sachen Visitenkarten-Brillanz überlegen erscheinen.
Im Grunde sind es, zumindest aus heutiger Sicht, kaum Novellen, vielleicht mit der Ausnahme von „Der Wille zum Glück“, eher melodramatische Erzählungen; „Der Tod“ mit einer volkstümlich-tragischen Pointe, die aber die Story zum Vorspann degradiert.
Am besten gefällt mir dann doch die letzte Geschichte des Tierquälers, mit dem man lange mitfühlt. Fast wirkt er bemitleidenswert wie Chaplins Tramp in „City Lights“. Wie er den Hund quält, um dann derjenige zu sein, der ihn tröstet, erinnert an das Verhalten kleiner Kinder mit ihren Puppen. Oder sollte Mann sich auch die Tierquälerei von einem Kinde abgeschaut haben? Und doch stimmt auch etwas in dieser Geschichte nicht – die novellenhafte Nähe des Titelhelden zum Erzählers, der dann aber doch in auktorialer Allwissenheit berichtet, wovon er doch nichts wissen könnte.
„Der kleine Friedemann“ am sorgfältigsten gearbeitet. Wir leiden mit dem verkrüppelten Kind; die Würde, der Wohlstand und die Ehre, die sich Friedemann aufgebaut hat, werden so ausführlich beschrieben, dass wir bald spüren, wie fragil das alles doch ist. Und da genügt eine scheinbar unglücklich verheiratete junge Frau, dass er die Nerven und damit auch am Ende sein Leben verliert. Wohlgemerkt: Die Geschichte funktioniert auch wunderbar, ohne dass man von Manns Kämpfen mit seinem eigenen homosexuellen Begehren weiß oder, wenn man von ihm weiß, es als lebensweltliche Grundierung ins Gesamtbild mit aufnimmt.
Kuriose Orthographien und Begriffe: Geberde (Gebärde), litterarischen, Action (Aktion), Blödigkeit
Unklare Objekte: Migränestift, Pincenez, ein á la russe aufgebürsteter Schnurrbart,
Seltsame Sentenz: „Das Meer ist groß, das Meer ist weit…“ (Wer denkt da heute nicht an das hochspringende Reh?)
Quasi-Poesie in „Der Tod“: „Wird er mich behandeln wie einen Wurm? Wird er mich an der Kehle packen? Oder wird er mit seiner Hand in mein Gehirn greifen? – Aber ich denke ihn mir gross und schön und von einer wilden Majestät.“