Nominiert für den international Booker Prize 2025
Eines der stärksten Leseerlebnisse, das ich bisher in diesem Jahr 2024) hatte, übertroffen nur von Katharina Winkler, die mich mit Blauschmuck und Siebenmeilenherz völlig weggeblasen hat und immer noch nachwirkt, aber noch vor Claire Keegan (Foster) und Emily St. John Mandel (Das Meer der letzten Ruhe), die ich allesamt großartig fand. Keegan hat mehr Herzschmerz und Mandel mehr Action, aber
was alle gemeinsam haben, ist der sorgfältige Umgang mit Sprache.
Worte, Sätze geschliffen und angespitzt. Der nächste Satz wird immer schon mitgedacht, sodass die Übergänge fließend bleiben. Wie beim Autofahren mit DSG Automatikgetriebe, völlig ruckelfrei beim Beschleunigen und Runterbremsen.
Bei Solvej Balle schätze ich zudem ihre Fähigkeit, schöne Sätze zu formulieren ohne künstliches Aufblasen von Metaphern. Metaphern kommen viele vor, aber sie sind im Fluss und ganz authentisch, folgen den Gedanken der Heldin, die Orientierung und Erklärungen für das Unmögliche sucht. Sie verwendet die Ich-Perspektive, als Leser folge ich ihren Wahrnehmungen ganz unmittelbar, was sie sieht, hört, schmeckt, riecht, ich bin in ihren Gedanken und in der Unruhe oder Gelassenheit, die Wahrnehmung und Gedanken auslösen.
Atmosphärisch hat es gewisse Parallelen zu Mandel, aber noch viel stärker hat sich mir die Assoziation mit Marlen Haushofers „Die Wand“ aufgedrängt. Allerdings besser geschrieben, atemloser, während die Wand doch auch langatmige Stellen hat.
Die Berechnung des Rauminhalts I habe ich gestern nachts beendet und die Geschichte hämmerte gefühlt eine weitere Stunde in meinem Kopf, bevor ich einschlafen konnte. Sie öffnet Räume im Kopf, die man nicht unbedingt betreten wollte, das klaustrophobische Gefühl gefangen zu sein, gefangen in der Zeit und gleichzeitig die Freiheiten, die diese Situation ermöglicht …. im Kopf rattert die Geschichte weiter, dennoch kann ich sagen, ich muss die Folgebände nicht sofort lesen, um zu erfahren wie es weitergeht; Band 1 ist in sich abgeschlossen genug, um eine Atempause einlegen zu können. Aber ich will die Folgebände lesen! Unbedingt! Wenn auch nicht sofort.
Das bringt mich zum einzigen Wermutstropfen an der Sache. Bisher sind 5 Bände (3 auf deutsch) erschienen (und wahrscheinlich werden es noch mehr) und es ist abzusehen, dass die Kernfragen nicht gelöst werden, solange die Serie nicht beendet ist (und vielleicht auch dann nicht, denn welche befriedigenden Antworten für die aus den Fugen geratene Zeit sollte es denn geben?).
Das heißt vorläufig 5 Bände a 22 Euro. Macht in Summe 110 Euro für nicht ganz 1000 Seiten, die ja rein theoretisch auch in einem kompletten Band erscheinen könnten. Man könnte das aus Marketingperspektive als ziemlich frechen Geniestreich sehen, wirtschaftlich betrachtet werden die Einnahmen fast verdreifacht, ich hoffe die Autorin hat auch was davon. Neu ist das ja nicht, es scheint sogar ein gewisser Trend zu sein und als Leser kommt es mir in gewisser Weise auch entgegen, da ich vor 1000 Seiten Büchern meist zurückschrecke.
Und so gesehen ist es auch wieder fair, denn so kann jeder für einen moderaten Preis in die Geschichte eintauchen und dann zu entscheiden ob man weitertauchen will.
Also schlucke ich den Wermutstropfen gerne, denn das muss ich nochmal betonen, man muss die Folgebände nicht lesen, um vollen Genuss an dem ersten Band zu haben. Das ist eine Parallele zu Knausgards Morgenstern, wobei bei diesem die Notwendigkeit die Folgebände zu lesen, noch viel weniger ausgeprägt ist.