Das erste Buch der Anatolian-Blues Trilogie habe ich von Papa zum Geburtstag bekommen und im Dezember 2023/24 gelesen. Dazu auch eine Lesung von Selim Özdogan, die leider ausgefallen ist. Ich habe einige belustigte Speakulationen darüber angestellt, warum ich das Buch auf Englisch bekommen habe - lag dem etwa der Gedanke zu Grunde, dass türkische Bücher sicherlich nicht auf Deutsch übersetzt sind und die darauffolgende Suchanfrage "turkish book"?
Nunja, das Buch ist im Original auf Deutsch erschienen, Selim Özdogan ist ein deutscher Autor aus Köln. Der deutsche Autor dieser Rezension hingegen sitzt mit einem ehemals weißen Döner-Kebab Anglerhut auf der Terasse der Fährenbibliothek in Beşiktaş. Der Anglerhut ist gut denn er schirmt mich ab vom grauen Himmel, der mich von hier draußen vertreiben will. Vor mir sitzen zwei Frauen, eine mit langen blonden Locken und lila Jacke und eine mit zusammengebundenen kurzen schwarzen Haaren, schwarzer Jacke und rotem Pullover. Wenigstens ein bisschen Farbe hier im grau. Wenn ich den Blick schweifen lasse, sehe ich nur Wolken und farbloses Wasser, gerade legt eine Fähre aus Eminönü an. Grün lackierte Fingerspitzen vertippen sich auf schwarz weißen Tasten, Lila, Weiß, Gelb und Blau springen hin und her, die Blümchen-Perlenringe, die ich gestern auf dem Beşiktaş-Meydan-Markt gekauft habe. Heute ist Samstag und der Meydan ist çok kalabalık weil in drei Wochen die Regionalwahlen in Istanbul sind. Deshalb werde ich an jeder Straßenecke von Ekrem Imamoglu und Murat Kurum angelächelt. Ich bin seit vier Wochen hier und es passieren große Dinge. Gestern kam die Nachricht, dass dies die letzte Wahl sei, in die Erdogan sich einmischen wolle. Damit würde er sich dann ausnahmsweise an Recht und Gesetz halten und nach seiner dritten Amtszeit keine vierte anstreben, wo doch nur zwei erlaubt sind. Beni ist seit Dienstag hier. Die Wahl um den Istanbuler Bürgermeister wird wohl richtungsweisend, gestern las ich, dass Ekrem Imamoglu wohl große Chancen hat, der nächste Präsident der Türkei zu werden, wenn er diese Bürgermeisterwahl gewinnt. Doch nun zum Buch:
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Turgay ist gerade rausgekommen und wir haben geredet. Jetzt sitze ich drinnen neben Turgay auf dem Boden, weil es draußen Regen regnet.
Die Anatolian-Blues Trilogie beschreibt ein Leben. Und im Vorbeigehen auch andere Leben, da sich Leben immer berühren und Menschen nur in Beziehung zu anderen Menschen leben und Sinn machen können. Die Trilogie beschreibt das Leben von Gül und die anderen Leben, die Teil des ihren sind, aber aus ihrer Sicht. Die Geschichte wirft durch ihre Erzählweise Fragen auf: In wie weit kann ein Leben unabhängig und nur für sich stehen? Man hätte die Geschichte auch aus den Augen anderer Personen erzählen können. Aus der Sicht von Melike, ihrer ältesten Schwester, durch die Augen von Timur, dem Schmied oder mit Fuat, Güls Ehemann als Mittelpunkt. Wo ist die Trennung zwischen Subjekt und Objekt? In dieser Geschichte ist Gül das Subjekt und alle anderen sind Objekte in ihrer Welt. Die Welt dreht sich um Gül, auch wenn ihr das nicht so erscheint. Auch wenn sie sich klein fühlen mag in diesem Leben, unbedeutend, machtlos. Dennoch fügt sich alles um sie herum, so als wäre die Welt nur für sie gemacht. Alles ergibt (nur) durch ihre Augen Sinn und man ahnt, dass die Geschichte ganz anders wäre, wenn sie von Melike handeln würde.
In wie weit kann ein Leben unabhängig, nur für sich stehen? Ein ganzes Leben wird hier auf drei Bücher reduziert, viel zu kurz um ein Leben zu beschreiben. Güls Kindheit wird sie für ihr ganzes Leben prägen, sie wird immer daran zurückdenken, ihre Gedanken sind noch immer die der Tochter des Schmieds. Einen Menschen kann man nur verstehen, wenn man sein ganzes Leben kennt und alle Menschen, deren Leben er oder sie berührt hat. Denn jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit, das zeigt dieses Buch sehr gut.
Im ersten diesen Buch geht es um Güls Kindheit in der Türkei. Das Buch ist sehr schön geschrieben, hat sich aber allein etwas ziellos angefühlt und wird erst durch die beiden restliche Bücher vollständig. Zu Beginn des Buches geht es um Timur, den Schmied, Güls Vater. Er heiratet sehr früh, Fatima, die noch keine Brüste hat als er sie zur Frau nimmt. Sie wird die Liebe seines Lebens bleiben, Fatima, die so schön ist „wie ein Stück vom Mond“, „like a piece of the moon“. Fatima, die beim Reisen mit ihm auf Friedhöfen schläft, weil sich dort keine Diebe hin trauen, die zu einem Mann der sie vergewaltigen will sagt „Mach meinen Mann nicht zum Mörder“. Sie wird mit ihrem Mann ein Schauspiel aufführen als würde er sie schlagen, zum Klang seiner Schläge auf ein Kissen leise schreien und wimmern, damit seine Mutter nicht eifersüchtig wird. Sie wird mit Timur, dem großen starken Schmied drei Töchter haben: Gül, Melike und Sibel. Sie ziehen ins Dorf um ihr fern zu sein. Dort wird Fatima sich schnell mit den Frauen anfreunden, und häufig auf dem Dorfplatz sitzen und Geschichten erzählen, denen alle Frauen lauschen. Allerdings stirbt Fatima früh, unvergessen bleibt Gül wie ihr Vater bei dieser Nachricht seinen Löffel gegen die Wand wirft. Der Ton, der Gül zeigt, was diese Nachricht bedeutet. Dass Timurs Welt zerbricht. Auf den Rat seiner Mutter wird Timur schnell wieder heiraten, wiederum eine sehr junge Frau. Sie wird Gül und Melike keine Mutter sein. Nicht ein Mal wird sie sagen „ich habe dich lieb“ oder „mein Augenlicht“, wie es Fatima so oft getan hat. Sie wird mit Timur zwei weitere Kinder bekommen: Nalan und Emin. Gül muss früh eine Mutter für ihre kleinen Geschwister sein. Schon als Kind zeichnet sich ab, wie Gül arbeitet. Sie arbeitet, ohne zu jammern. Sie fügt sich und arbeitet so gut sie kann. Während die anderen Kinder draußen spielen, muss sie für ihre Stiefmutter Aufgaben erledigen. Die Wäsche waschen, den Abwasch machen, das Haus putzen. Güls Kindheit in der Türkei ist schön, sie fühlt sich behütet, vor Allem von ihrem Vater – obwohl die Umstände alles andere als gut sind. Sie schläft mit Melike in einem unbeheizten Zimmer, um morgens Wasser zu trinken muss sie erste die Eisschicht auf dem Brunnen zerbrechen. Im Winter kann sie oft nicht zur Schule gehen, weil das Holz ausgeht. Timur ist reich, zumindest in dieser Stadt. Der Schmied hat lange das einzige Metallbett der Stadt, dass er stolz für Freunde und Verwandte hergeben wird, damit diese nach ihrer Hochzeit in einem Metallbett schlafen können. Später wird er das erste Radio der Stadt haben. Damit nicht dauernd Besuch da ist, wird er Lautsprecher auf dem Dach seines Sommerhauses montieren, damit der ganzen Nachbarschaft dieses Tor zur Welt offensteht. Doch Timurs Wohlstand wird sich mit der Zeit mindern. Gül macht eine Ausbildung zur Schneiderin, weil sie die letzte Klasse der Grundschule nicht besteht. Sie wird sich ihr ganzes Leben lang minderwertig fühlen, weil sie nicht zur Schule gegangen ist. Obwohl Onkel Abdulrahman, ein alter Lehrer, bei ihrem Vater Vorsprache hält, wird sie die letzte Klasse nicht wiederholen. Und eines Morgens gehen Melike und Sibel allein zur Schule. Gül heiratet früh, obwohl ihr Vater sie nicht drängt, als Männer beginnen, um ihre Hand anzuhalten. Er sagt, sie könne frei entscheiden. Sie entscheidet sich für Fuat, einen Cousin ihrer Stiefmutter, der immer einen Perlenkamm hinten in der Hose stecken hat und „on the back of his shoes“ läuft, was Gül gar nicht gefällt. Man weiß nicht, warum sie sich für ihn entscheidet. Er ist attraktiv, aber Gül mag ihn nicht sonderlich. Wahrscheinlich möchte sie ihre Familie entlasten, damit zuhause ein Mund weniger zu stopfen ist. Gül zieht nun zu Fuats Familie, wo ihr Vater sie anfangs jeden Morgen besucht. Sie liebt ihren Vater und hat zu niemandem so eine enge Bindung wie zu ihm, sie ist auch das einzige Kind, dass er nicht schlägt. Sie muss viel arbeiten im Haus von Fuats Eltern, in dem sie nun ein Zimmer bewohnt. Ihre Stiefmutter trägt ihr wahnsinnig viel auf. Fuat trinkt und raucht viel. Oft wird er abends Raki trinken oder sich mit seinen Freunden am Fluss treffen, um gemeinsam zu trinken. Dann wird er besoffen nach Hause kommen und Gül wecken, um mit ihr zu schlafen. Gül hat manchmal die Möglichkeit nein zu sagen, muss aber eigentlich immer für ihn verfügbar sein. Sie mag es nicht, wenn Fuat betrunken ist. In der ersten Zeit nach der Heirat wird sie Fuat viel erzählen, lange Geschichten aus ihrer Kindheit, und er wird ihr zuhören, zumindest wirkt es so. Manchmal erzählt sie stundenlang, nur um den Moment hinauszuzögern, wenn sie gemeinsam ins Bett gehen und er ihr Hemd ausziehen will. Manchmal kommt zu betrunken nach Hause und sie sieht ihn neben ihr masturbieren, wenn sie aufwacht. Sie wird den Alkohol hassen und Fuat wird sein ganzes Leben lang trinken. Fuat wird ihr kein guter Mann sein, nie. Er wird Friseur werden, einen eigenen Laden aufmachen. Gül geht gerne ins Kino, dort sieht sie amerikanische Filme, die Fuat hasst. Denn dort wird ihm ein Leben gezeigt, dass er auch gerne hätte. Die Männer schlafen mit schönen Frauen, fahren teure Autos, die er auch gerne hätte und trinken Whisky, echten Whisky, während er sich mit minderwertigem Raki betrinken muss.
Irgendwann wird Fuat nach Deutschland gehen, dem Ruf des Geldes folgend. Er wird Gül selten schreiben, während sie ihm oft schreibt. Er wird nach einer Weile vorschlagen, auch sie solle nach Deutschland kommen. Dort könnte man gutes Geld verdienen. Und mit diesem Geld würden sie dann nach Deutschland zurückkommen. Gül folgt Fuat nach Deutschland. Und sie macht den größten Fehler ihres Lebens, sie lässt ihre beiden Töchter Ceyda und Ceren allein zurück, bei ihrer Stiefmutter in der Türkei. Ceren reißt sich bei Güls Abfahrt die Haare aus und Gül wird nie vergessen, wie sie dabei schreit.
Das Buch endet mit Güls Zugreise in die Türkei. Sie hat nur einen kleinen Pappkoffer dabei mit ein paar Unterhosen und Socken. Was sollst du denn mitnehmen? In Deutschland kann man alles kaufen, und viel besser noch als hier, reden ihr alle ein. Sie ist sehr verloren, als sie dann bei Fuat ankommt. Er wohnt in einer ganz kleinen Wohnung mit einem Schlafzimmer und einer Küche. Als er abends zur Arbeit geht, räumt Gül den Kleiderschrank aus und säubert ihn. Sie putzt die kleine Wohnung und fühlt sich verloren. Dann setzt sie sich in die Küche und raucht eine Zigarette. Und denkt an ihre Töchter, die sie in der Türkei zurückgelassen hat. Aber es ist ja zu ihrem besten. Und es ist nicht für immer.