Deutliche Steigerung
Die gute Nachricht zuerst: endlich mal ein Krimi aus neuerer Zeitrechnung, der ohne das übliche Schreckensarsenal von Kinderschändern, Neonazis, Terroristen, Serienmördern oder Psychopathen auskommt. Auch die zuletzt ziemlich überbeschäftigten Forensiker und das zugehörige Team von hochqualifizierten mit jedem nur erdenklichen ethnischen Hintergrund versehenen Laborratten haben nicht mal ein noch so kurzes Gastspiel in diesem legal Thriller. Denn es geht um Korruption in einer Landesregierung, die ein paar tödliche Wellen schlägt. Ein Ausläufer davon beendet das Leben der Frau des aufstrebenden Anwalts David Kolarich, die mit der drei Monate alten Tochter ums Leben kommt, weil der übermotivierte Rechtsbeistand zu lange auf den Anruf eines Entlastungszeugen wartet, der längst nicht mehr zum Hörer greifen kann.
Mit dem juristisch versierten Ermittler, der sich auf eigene Faust und eigenes Risiko und mit einem gehörigen Schuss Lebensmüdigkeit an die Ermittlung eines Mordes macht, den er gewissermaßen provoziert hat, verfolgt David Ellis die historisch gewachsene Einzelkämpferschiene und liefert dabei immerhin und zwar ziemlich früh die Motivation seines Helden David Kolarich.
Der überambitionierte Anwalt hatte als Verteidiger im Mord- und Korruptionsprozess gegen den Senator Hector Almundo einen unwilligen Zeugen in seinem Viertel aufgesucht und mit einer Zwangsvorladung öffentlich unter Druck gesetzt. Sein Zeuge wurde eliminiert, während er auf dessen Anruf wartete. Und da er zu lange wartete, war seine ebenso gefrustete und übermüdete Frau alleine zum Besuch bei ihren Eltern aufgebrochen und mit der drei Monate alten Tochter tödlich verunglückt.
Grund genug für endlose Selbstvorwürfe und den zwischenzeitlichen Abbruch der Karriere und Ausstieg aus der Nobel-Kanzlei.
Dieses Thema wurde schon hinreichend im ersten Teil der Reihe behandelt, und wenn es einen Preis für den am weitesten hergeholten „McGuffin“ gäbe, dann wäre „Der Mann im Schatten“ ein ganz heißer Anwärter auf den Sieg. In Sachen Auflösung und Motivation ist der zweite Streich, bzw. das dritte Buch, in dem der Mord- und Korruptionsprozess gegen den auf dem Ethno-Ticket segelnden (Ex-)Senator eine Rolle spielt, eine klare Steigerung. Auch in Sachen Auflösung des Skandals, der immer weitere Kreise zieht, und der damit verbundenen Morde bleibt Ellis dieses mal nichts schuldig.
Insofern rechtfertigt das Buch doch noch seine vorschnelle Anschaffung, denn ich hatte schon während des starken Starts des später erbärmlich abgestürzten „Mannes im Schatten“ zugegriffen. Doch nach den letzten Seiten seines ersten Auftritts hätte Jason Kolarich, der dieses mal wenigstens von vorn bis hinten allein erzählen darf, bei mir keine zweite Chance bekommen.
Etliche bekannte Spannungsfaktoren finden sich auch beim zweiten Abenteuer des Anwalts außerhalb der Gerichtsschranken wieder: Erneut steht der Einzelkämpfer und Anwalt gleich doppelt unter Druck, denn das FBI ermittelt seinerseits in der korrupten Beschaffungsbehörde des vom Stellvertreter zum Gouverneur aufgerückten Carlton Snow, der mit allen erdenklichen Mitteln das Geld für die Bestätigunng im Amt auftreiben lässt, und beschäftigt einen bislang ziemlich blinden Maulwurf.
Mit dessen Hilfe entstehen immerhin Beweise, mit denen der ehrgeizige FBI-Chefanwalt Chris Moody seinen erfolgreichen Kontrahenten im Almundo-Prozess unter Druck setzen kann. Und Moody ist ebenso ehrgeizig wie rachsüchtig und würde Kolarich am liebsten mit der ganzen Bagage in der Snow-Verwaltung, in der sein Maulwurf immer weiter aufsteigt, unter Anklage stellen.
Auf seinem Weg nach oben und auf der Suche nach dem Mörder des Entlastungszeugen, der indirekt auch Jasons eigene Familie auf dem Gewissen hat, durchläuft der FBI-Agent wider Willen und in eigener Sache sämtliche Undercover-Stationen: nächtliche Frostfolter in kalten Fabrikhallen und heiße Nummern mit dem Schurkenvamp im Nobelhotel, immerhin toppt der Ex-Footballer seine Vorläufer allerdings mit der Rettung eines geläuterten Todeskandidaten aus der Hinrichtungszelle.
So weit, so gut, David Ellis hat nichts ausgelassen, sogar eine echte Herzensangelegenheit eingebaut, aus der nichts werden kann, natürlich auch jede Menge fiese Tricks zur Steigerung des Spendenaufkommens und zur legalen Umgehung von Gesetzen.
Charaktere (Unverhofftes Loblied auf Grisham)
Aber so richtig warm geworden bin ich auch beim zweiten Fall nicht mit dem eigenwilligen Anwalt, der allzu oft einfach nur bockig erscheint. Dazu waren seine Gegner auf beiden Seiten des Gesetzes einfach zu mies oder fies. Und selbst wenn John Grisham für etliche Todsünden in Sachen political Correctness auf den elektrischen Krimistuhl gehört, so hat sein Helden- wie Schurkenpersonal einen gewissen human touch, der dem Leser einen, wenn auch gelegentlich widerwillig gezollten, Respekt abnötigt. Die Stärken des Anwalts der Gegenseite werden ebenso gewürdigt wie verloren gegangene Ideale oder Illusionen, von ihren Lastern dominierte Charaktere geraten Grisham immerhin zur dynamischen Karrikatur. In Sachen Charakterentwicklung und Gesamtmotivation liegt sicherlich das große Defizit von David Ellis gegenüber seinem prominenteren Kollegen, der, im direkten Vergleich geradezu als Gigant erscheint.
Selbst Hauptheld Jason Kolarich gerät ihm bestenfalls anderthalbdimensional, der Rest des Personals ist ohnehin Pappe. Aber vielleicht bringt David Ellis eben auch nur einen Bruchteil von dem, was er beim Schreiben vor Augen hat, zu Papier. Um so wichtiger wären ein paar lebhaftere Emotionen, auf die ich wohl vergeblich warten werde. Kolarichs dritter Fall wird wieder in erster und dritter Person erzählt. ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich diese strukturell spannungsfeindliche Methode hasse. Dummerweise habe ich Den falschen Mann schon bestellt.
Na, ja es muss auch 2015 Futter für Ein-Stern-Rezis geben.