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Der erste Band der Werkausgabe der Steinmüllers ist zugleich der Einstieg in einen Zyklus, zu dem der überwiegende Teil ihres Œuvres gehört und der in einem Lichtjahre weiten, sich über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg verändernden, dabei aber weitgehend kohärenten Weltentwurf angesiedelt ist.
Die Geschichten in "Warmzeit" spielen teils auf der Erde, teils auf Planeten und Asteroiden unseres Sonnensystems, manche in einer nahen, schon absehbaren Zukunft, die letzte handelt vom Start des ersten interstellaren Schiffs im Jahre 2100. Für die Jahrzehnte dazwischen entwerfen die Autoren ein Kaleidoskop von Erzählungen mit weit gefächerten Themen, traditionellen wie auch innovativen SF-Ideen und sehr unterschiedlichen Stimmungen – abenteuerlich und philosophisch, tragisch und humoristisch, utopisch und dystopisch, satirisch und melancholisch.
Die vorliegende Neuausgabe des erstmals 2003 erschienenen Bandes ist um ein Vorwort von Karlheinz Steinmüller und drei neue Erzählungen erweitert, das "Kurzinfo Weltraumkolonisation" und Erik Simons Nachwort wurden aktualisiert und ergänzt.

Angela und Karlheinz Steinmüller · Werke in Einzelausgaben · Band 1

Paperback

First published March 11, 2022

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Angela Steinmüller

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April 21, 2022
Die neue Werkausgabe von Angela und Karlheinz Steinmüller im Memoranda Verlag ist mit ihrem neunten Band jetzt bei Band 1 angelangt. Dieser scheinbare Widerspruch findet seine Auflösung in der etwas komplizierten Editionsreihenfolge, zumal sich zwei Bände der »Werke in Einzelausgaben« mit denen von »Simon’s Fiction«, der Werkausgabe von Erik Simon, überschneiden.
Dieser erste Band ist eine erweiterte und teilweise überarbeitete Neuausgabe des erstmals 2003 erschienen Buches und enthält wirklich alles, was man sich von einer Werkausgabe nur wünschen kann: ein Vorwort von Hans-Peter Neumann und Erik Simon, das die Steinmüllers vorstellt und ihre Bedeutung für die DDR-SF erläutert, eine Einführung von Karlheinz Steinmüller, die die vorliegenden Geschichten einordnet, ein Nachwort von Erik Simon, in dem das Steinmüller-Universum und die chronologische Ordnung der Bände der Werkausgabe erklärt werden, und zum Abschluss noch eine »Publikationsgeschichte« für den Sammler, der wissen will, wann und wo was genau erschienen ist.
Ach so, Kurzgeschichten gibt es natürlich auch. Enthalten sind siebzehn Geschichten, die insgesamt eine Schaffensperiode von mehreren Jahrzehnten abdecken, denn die ersten Geschichten im Band entstanden ursprünglich 1977 und die neuesten sind aus dem letzten Jahr, wobei zwei brandneue Erstveröffentlichungen dabei sind.
In ihrem Vorwort beschreiben Hans-Peter Neumann und Erik Simon die Stärke der Steinmüllers so: »eine SF-Idee (oder ein Bündel von Ideen) nach der ihr innewohnenden Logik zu entwickeln, die Geschichte um ihrer selbst willen zu erzählen, sie dabei aber auf die menschlichen, gesellschaftlichen, philosophischen Implikationen abzuklopfen und diese in poetische Bilder zu fassen« und fahren fort: »Die Steinmüllers waren nicht nur die besten, sondern auch die beliebtesten SF-Autoren in der DDR der achtziger Jahre, was ja durchaus nicht unbedingt zusammentreffen muß« (S. 9-10).
Die Erzählungen wurden thematisch in vier Gruppen eingeteilt, die sich räumlich und zeitlich immer weiter von unserer Jetztzeit entfernen.
Der erste Block ist als »Umbruch« bezeichnet und enthält Erzählungen, die auf der Erde spielen. Erwähnen möchte ich hier die titelgebende »Warmzeit«. Dies ist eine Climate-Fiction-Story, die 1991 geschrieben wurde. Sie schildert das Leben auf dem Land, das einerseits noch wie früher wirkt, das andererseits aber durch den Klimawandel verändert ist. Es gibt schlechte Nachrichten aus der ganzen Welt, Klimaflüchtlinge sollen aufgenommen werden, worauf die Menschen ablehnend reagieren. Sie haben die »Geisteshaltung deutscher Schrebergärtner« (K. Steinmüller im Vorwort, S. 17). Die Geschichte macht aber auch klar, dass die, die sich heute wehren, die Flüchtlinge von morgen sind.
Neben »Der Laplacesche Dämon« gefiel mir aus diesem Block »Das Auge, das niemals weint« besonders gut. Diese Geschichte spielt in Südamerika und ist voller Anspielungen auf Maya Mythologie. Anscheinend sind viele Gebiete des Landes radioaktiv verseucht, die Menschen haben eine Art drittes Auge, mit dem sie die Radioaktivität wahrnehmen. Die Protagonistin arbeitet in der Werbebranche und hat stark radioaktive Hände, die sie mit speziellen Handschuhen schützt. Die Geschichte hat sich mir nicht gleich erschlossen, denn der Einstieg fiel mir schwer. Die Mühe wurde aber belohnt, als ich mich auf die poetischen Bilder für die Radioaktivität, die es in dieser Welt in jedem Winkel gibt, eingestellt hatte und darauf, dass die Welt hier sparsam und in kleinen Dosen erklärt wird. Sicherlich eine der besten Erzählungen im Buch.
Im zweiten Geschichtenblock namens »Beltbürger« geht es nun hinaus in den »Belt«, wobei meist der Asteroidengürtel und weniger der Kuipergürtel gemeint ist. Den Einstieg bildet »In der Nähe von L5«, eine schöne kurze Geschichte über einen alternden Astronauten, der ein Abenteuer bei einer Reise zu einem Lagrangepunkt erlebt. Interessant sind verschiedene Andeutungen im Umfeld. So gibt es genmodifizierte Astronautinnen und Nanobots, mit deren Hilfe man Operationen aus weiter Entfernung oder sogar an sich selbst durchführen kann.
Zu diesem Block gehört mit »Korallen des Alls« eine Hommage auf Geschichten aus dem Golden Age der SF und mit »Alle Flüche der Welt« eine nette kurze Geschichte, die ganz in der Asimovschen Tradition mit den Robotergesetzen spielt. Einen angenehm ironischen Ton hat »Leben, wohin man schaut«, eine Geschichte um die »Space Exterminatoren«, die sich dem Kampf gegen all das Ungeziefer verschrieben haben, das die Menschen durch ihre Flüge, Satelliten und Sonden im Weltraum verteilen. Ein viel zu wenig beachtetes Problem, das hier gekonnt referiert wird, zu dem aber leider nicht viel erzählt wird.
Im Block »Schöne neue Planeten« geht es unter anderem um den Mond, die Venus und – natürlich! - um den Mars. In »Mars, auf immer und ewig«, einer Originalveröffentlichung, wird die kleine Marskolonie überraschend aufgegeben. Die Besatzung ist frustriert darüber und sucht nach Möglichkeiten, ihre Heimat zu retten, denn für viele ist der Mars ihre Heimat. Dies wird aus der Sicht eines Wartungstechnikers geschildert. Es gibt Verweise auf den riesigen Fundus an SF-Mars-Literatur, es gibt Haikus und eine originelle neue Lebensform wird beschrieben. Der Techniker ist derjenige, der »das Licht ausmachen« soll und er hat doch noch eine Idee, wie etwas von der Kolonie gerettet werden kann. Eine schöne Geschichte, die mit dem Motiv des Mars als Sehnsuchtsort spielt, sie hat melancholische Momente und ein überraschendes Ende.
Bemerkenswert ist hier sich auch noch die »Sauerstoffmangelgeschichte«. Dies ist der »Bericht eines Chronisten der mikroskopischen Geschehnisse, die unser Bordleben bestimmen«. Beginnend mit Tag 1323 werden die Ereignisse dokumentiert, wobei der Chronist das Gerede vom Sauerstoffmangel anfangs noch für ein Gerücht hält. Das ist es wahrscheinlich auch, allerdings scheint das Gerücht über den Mangel einen realen Mangel zu erzeugen. Ein Phänomen, das in der DDR durchaus bekannt war (s. Fußnote auf S. 321) und in der Bundesrepublik spätestens während der »Corona-Klopapier-Krise« auftrat.
Im letzten Abschnitt »Aufbruch« geht es noch weiter hinaus, sowohl räumlich als auch zeitlich. Hier ist die sehr bekannte Erzählung »Der Traum vom Großen Roten Fleck« eingeordnet. Diese sehr gute Geschichte wurde inspiriert von E. M. Forsters »The Machine Stops« und erwähnt diese Erzählung auch. Die Menschen leben in einer »atomisierten Gesellschaft«, also meist allein. Sie werden von einem scheinbar perfekten System umsorgt und sehen andere Menschen nur auf besonderen Wunsch für kurze Gespräche oder für Sex. Der Ich-Erzähler träumt vom »Großen Roten Fleck« auf dem Jupiter, er träumt von Veränderungen. Dann bekommt er die Gelegenheit zur Veränderung, denn es regt sich Widerstand gegen das System und er muss sich entscheiden. Eine der besten Geschichten der Sammlung, der man die fünfundvierzig Jahre, die sie alt ist, nicht anmerkt.
Hier sei auch noch »Vor der Zeitreise« erwähnt, in der Zeitreisetouristen auf die Reise ins »Interglazial« vorbereitet werden, sich also unter anderem an Dreck und Ungeziefer gewöhnen müssen. Im Laufe der Erzählung erfährt man geschickt mehr und mehr über die Situation auf der Erde, so dass die Pointe nicht mehr ganz unerwartet kommt.
»Das Auswandererschiff« ist ein gelungener Abschluss, denn mit diesem Schiff beginnt die Geschichte der »relativistischen Flotte«, deren Bedeutung im »Kurzinfo Weltraumkolonisation« erläutert wird.
Als der Rezensent bei »Von der Erde bis an den Belt, und dann geradeaus«, dem Nachwort von Erik Simon, angelangt war, fragte er sich schon, ob er überhaupt noch etwas zum Buch schreiben sollte, denn in diesem Nachwort steht alles drin, nur eben viel besser. Außerdem geht Simon noch weit über dieses Buch hinaus. Er erläutert die verschiedenen Aspekte des Steinmüller-Universums und bringt die Bände der Werkausgabe in eine chronologische Ordnung.
Es ist schön zu lesen, wie diese über Jahrzehnte entstandenen Geschichten sich zu einem größeren Ganzen zusammenfügen lassen. Mit den Vor- und Nachworten kann man diesen Band einordnen und bekommt einen tollen Einstieg ins Steinmüller-Universum.
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