Ein Frauenmörder redet sich um Kopf und Kragen. Leicht essayistisch.
Inhalt: 4/5 Sterne (monomanisch - essayistisch)
Form: 5/5 Sterne (klassisch-aufwendig)
Erzählstimme: 5+1/5 Sterne (Ich-erzählte Ich-Erzählung)
Komposition: 4/5 Sterne (intensiv – leicht essayistisch)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (narrative Selbstdestruktion)
--> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne
Lew Tolstoi hat sich nicht nur einen Namen als Literat, sondern auch als eine Art Volksbekehrer, Prediger und Moralist gemacht. In Die Kreutzersonate (1890) verdichtet er viele Motive seines Spätwerkes, insbesondere Auferstehung, nämlich den Einfluss von Sex aufs Eheleben, auf die Seelenstabilität und den Geist. In Die Kreutzersonate steht Posdnyschew im Zentrum des Geschehen, der seine Ehefrau umgebracht hat. Wegen Unzurechnungsfähigkeit aus Eifersucht wurde er freigesprochen, wiewohl Eifersucht gar nicht das Motiv seines Mordes gewesen ist:
Mit dieser Begründung [seine Ehre wiederherzustellen] wurde ich auch freigesprochen. Bei der Gerichtsverhandlung versuchte ich alles zu erklären, doch das deutete man nur als Versuch, die Ehre meiner Frau zu retten. Ihre Beziehungen zu diesem Musiker [der Geiger Truchatschweski], welcher Art sie auch gewesen sein mögen, haben weder für mich noch für sie eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Ausschlaggebend war das, wovon ich Ihnen erzählt habe, das heißt meine schweinemäßige Lebensweise. Alles ist deshalb geschehen, weil zwischen uns jener Ihnen schon geschilderte unüberbrückbare Abgrund klaffte und eine von so elementarem Haß erfüllte Spannung herrschte, daß schon der geringste Anlaß genügte, zur Katastrophe zu führen.
Der Ich-Erzähler, der sich mit besagtem Posdnyschew unterhält, bleibt ungerührt und geduldig. Sie fahren mit dem Zug, während der Frauenmörder sich um Kopf und Kragen redet: Was Männer wirklich wollen, was Männer nie sind, was Frauen wirklich wollen usw. Die Klischees spielen weniger eine Rolle, als der Versuch von Posdnyschew, den zivilisatorischen Schein zu bekämpfen, die Masken, die alle spielen, während sie so tun, als ob sie nicht alle nur das eine wollen. Tolstoi, der sicherlich viele seiner Meinungen, die er anderswo, bspw. im Nachwort seiner Erzählung, kundgibt, in den Mund dieser Figur gelegt hat, besticht hier jedoch durch die literarische Konstruktion, die dem Schein eher das Wort redet als dem Sein. Posdnyschew erscheint nämlich immer schwächer und unsicherer und verwirrter, grunzt sogar hier und da seltsame Laute.
“[Meine Frau] schlug den ersten Akkord [auf dem Klavier] an. [Truchatschweskis] Gesicht bekam einen ernsten, strengen, sympathisch wirkenden Ausdruck, als er nun, auf die seiner Geige entlockten Töne lauschend, mit den Fingern behutsam an den Saiten zupfte und dem Klavier antwortete. Und das Spiel begann …“
Er unterbrach sich und stieß mehrmals nacheinander seine eigentümlichen Laute aus. Als er weitersprechen wollte, brachte er nur ein Schnaufen durch die Nase hervor und hielt abermals inne. »Sie spielten die Kreutzersonate von Beethoven. Kennen Sie das Presto im ersten Satz? Ja - Sie kennen es?" rief er aufgeregt.
Posdnyschew verliert, je näher er zum Höhepunkt seiner Erzählung gelangt, immer mehr die Contenance, und Beethovens Stück gibt ihm am Ende den letzten Rest, wie nämlich der Geiger und seine Ehefrau in harmonischer Eintracht spielten und musizierten. Tolstoi lässt mit diesem Kontrapunkt seine pädagogischen Intentionen gegen die Wand fahren. Die Musik erscheint nicht als etwas Schauriges, sondern als eine sublime Form der Kommunikation, die Posdnyschew abgeht. Er besitzt diese Fähigkeiten nicht. Für ihn ist alles Maske und Heuchelei. Dass ein Begehren durchschritten, sublimiert, wie ein Musikstück transponiert werden kann, kommt ihm nicht zu Bewusstsein oder in den Horizont der Möglichkeit. Auf diese Weise kritisiert Tolstoi sein eigenes didaktisches Unterfangen mit der Kunst seines Schreibens, indem er ein vernetztes Sprachkunstwerk mit Kontrapunkten, Juxtapositionen und Symboliken erschafft, das sich einer klarer Position dadurch literarisch, allegorisch entzieht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Posdnyschew (P), eingeführt als Mörder seiner Gattin. Seine Ehefrau (bleibt namenlos – wird nicht als Individuum erkannt), und der Geiger Truchatschweski.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Anfang Frühling. Im Zug. Der namenlose Ich-Erzähler (IE) sitzt mit einigen Fahrgästen in einem Abteil. Ein Gespräch unter den Reisenden über Scheidungsfragen beginnt. Ein alter Mann sieht den Grund der Scheidungen für einen Moralwandel. Die Frau müsse streng kontrolliert werden. Liebe sollte in der Ehe keine Rolle spielen. Der alte Mann, zum Entsetzen der anderen Fahrgäste, behauptet, die Problematik der zerstörten Ehe liege allein daran, dass Frauen zu wenig gezügelt werden würden. Als der Zug hält, verlässt der alte Mann das Abteil.
2.) Die Dame betont die Wichtigkeit der Liebe zwischen den Eheleuten. Nur die Liebe heiligt die Ehe. Der Sitznachbar des IE meldet sich zu Wort und will wissen, was sie mit Liebe meint. Sie definiert die Liebe als ausschließliche Bevorzugung eines bestimmten Menschen, eine moralische Verpflichtung, etwas Geistiges. Er will wissen, wie lange die Bevorzugung hält. Die Dame hält ein Leben lang für möglich. Der Sitznachbar bezweifelt die Möglichkeit einer Liebe, die auf geistiger Übereinstimmung, Gemeinsamkeit der Ideale beruht. Der Sitznachbar wird als Posdnyschew erkannt, der seine Ehefrau umgebracht hat. Bei der nächsten Station wechseln die Dame und andere das Abteil. Der IE bleibt mit P zurück. P entschuldigt sich, falls seine Anwesenheit stört.
3.) Der IE lädt P ein, seine Geschichte zu erzählen.
4.) Seine Leben vor der Ehe, ein Lebemann, geht ins Bordell, hat seine Freuden, genießt die Unabhängigkeit. Mit 15 geht er zum ersten Mal ins Freudenhaus (Törleß/Joyce). Er wird zum Wüstling, Hetze auf Rat der Ärzte, junge Männer sollten ihr Horn abstoßen.
5.) Mit 30 verliebt er sich in eine junge Frau, und gibt ihr sein Tagebuch zu lesen (Anna Karenina, Lewin zeigt Kitty das Tagebuch).
6.) Männerbild von P. Sie wollen nur den Körper. Die ständigen Prostituierten werden geachtet, die gelegentlichen verachtet.
7.) Liebesexzess aus Untätigkeit und Völlerei.
8.) Brautwerben. Alles nur Heuchelei.
9.) Männer wollen Frauen, Frauen kontrollieren darüber die Männer.
10.) Zwischen P und seiner Frau keine Gespräche, kein Geist, alle Zeremonien nur eine Maske für den Trieb.
11.) Über das Unnatürliche am Sex. Ziel des Lebens, die Enthaltsamkeit, die wahre Harmonie der Sinnlichkeit.
12.) in den Flitterwochen der erste Streit (aus unwichtigen Gründen), nachdem die Sinnlichkeit befriedigt wurde, keine Gemeinsamkeit mehr.
13.) Hass und Liebe, Streit aus Hass auf sich selbst, Unzucht zu begehen, seine Ehefrau zu schändigen. P hat das Gefühl, durch den Sex, seine Frau schon getötet zu haben. Der Mord am Ende nur das Abreißen der Maske, eine Seele zerstört zu haben.
14.) Verheuchelte Erhöhung und Verklärung der Frau durch die Männer. Frauen für Männer aber nur Mittel zum Genuss. Sex darf für beide Geschlechter nicht mehr das Höchste sein.
15.) Das Stillen des Kindes hilft gegen die Unzucht – nur Barbaren haben Sex während der Stillzeit.
16.) Intuitive Liebe zum Kind verschüttet unter den Ratgebern und Ärzten. Medizin schädlich. P will Gottes Entscheidungen akzeptieren.
17.) Nach vier Jahren Ehe und fünf Kindern, vollendete Feindschaft. Ablenkung durch Zigaretten und Drogen vor dem eigenen Leben.
18.) Leben in der Stadt hilft als Zerstreuung. So diffusionierend, dass man am lebendigen Leib sterben kann, ohne es zu merken. Kipppunkt: Die Ehefrau lernt zu verhüten. Nun keine Grenze des „Schweinischen“ mehr. Ehefrau wird immer zügelloser.
19.) Ehefrau wird vergnügungssüchtig, kümmert sich kaum noch um die Kinder. Ein Geiger taucht auf. Sie beginnt wieder mit dem Klavier. Mord aber an ihr nicht aus Eifersucht, sondern aus der Schändlichkeit des gemeinsamen Lebens, an dem sie schuld sei.
20.) Grässlicher Streit. Sie verschwindet, kommt erst spät wieder. P ratlos, Schwester versucht zu schlichten, vergebens. Sie kommt wieder, schluckt eine Dosis Opium, aber überlebt. Sie versöhnen sich.
21.) P spielt mit seiner Eifersucht, bringt den Geiger T stärker ins Leben hinein. Fördert das gemeinsame Musizieren mit der Ehefrau.
22.) P dennoch wütend, tobt, zerschlägt Dinge. Sie bleiben aber bei der Verabredung zum gemeinsamen Musizieren, das von ihm ausgegangen ist.
23.) P begeistert vom musikalischen Vortrag – Beethovens Kreutzersonate, fühlt die Utopie, fühlt sich geheilt, insbesondere vom Presto des ersten Satzes. Alles friedlich. T reist ab. P auch, weiß aber seine Frau vor T sicher.
24.) Auf Reisen erhält er nun einen Brief von ihr, dass T zurückgekehrt sei. Kann seine Eifersucht nicht kontrollieren, reist ab.
25.) Zuerst zufrieden in Kutsche, dann rastlos im Zug. Begreift, dass er volle Kontrolle über sie verlangt, diese aber nicht realisierbar ist.
26.) Kommt rasend nach Hause, schickt seinen Diener weg, sein Gepäck zu holen, als er den Mantel von T sieht.
27.) Mechanische Wut. Greift nach einem Damaszenerdolch, stürmt ins Esszimmer, Gerangel. Sie beteuert, es sei nichts zwischen ihr T und passiert. Er zeiht sie der Lüge und erdolcht sie, geht in sein Zimmer, schließt sich ein, überlegt sich umzubringen, lässt es aber, schläft ein. Am Morgen wird er von der Schwester geweckt. Seine Frau liegt im Sterben.
28.) Seine Frau schimpft ihn aus. Sie schwört, er wird nicht die Kinder bekommen, sagt von T nichts, nichts von der Affäre. Sie stirbt, P wird klar, dass er eine nicht rückgängig zu machende Tat begangen hat. P hört auf zu erzählen, setzt sich weg, wickelt sich in eine Decke ein. Am nächsten Bahnhof verabschiedet sich der IE von P, der sich für seine Aufdringlichkeit zweimal entschuldigt hat.
●Kurzfassung: Auf einer Zugfahrt erzählt ein Mörder, der seine Ehefrau umgebracht hat, von seiner Tat, die nicht aus Eifersucht, sondern aus Scham und Pein begangen wurde, Unzucht getrieben zu haben.
●Charaktere: (rund/flach) nur Posdnyschew hat Konturen, diese aber äußerst klar herausgearbeitet. Frau existiert nur als Projektionsfläche, wie der Geiger auch, der aber wenigstens als Nebenbuhler einen Namen erhält, die Frau jedoch nicht.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Ende, das In-Sich-Zusammen-Sinken
●Diskurs: Ehe, Betrug, Unzucht
… Posdnyschew und Portnoys Leiden von Philip Roth, kein Zufall, die Ähnlichkeit der Namen.
… strukturelle Ähnlichkeit zu James Joyce „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ und Robert Musils „Die Verwirrung des Zögling Törleß“, Bordellbesuche.
… der Plot hat Probleme, wenn Tolstoi zu essayistisch wird, also offensichtlich die Gesprächssituation verwendet, um eigene Gedanken über die Themen seinem Publikum zu unterbreiten. Der Plot läuft auf die Selbstdekonstruktion hinaus, der, der am Anfang schweigt, kann nicht an sich halten, platzt irgendwann los, lässt seinen Sermon ab, und bricht, beschämt, in sich zusammen. Diese Intensität hält den Plot aufrecht. Es läuft auf eine Zusammenbruch hinaus.
--> 4 Sterne
Form:
●Eindruck: stilistisch über jeden Zweifel erhaben, keine langweiligen Sätze, keine fehlenden Satzanschlüsse, ideenreiche Formulierungen, Ausschmückungen, teilweise trocken, kontrolliert, aber mit einer hintergründigen Dunkelheit.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch
●Wortschatz/Wortzahl: hochgradig variabel
●Auffälligkeiten: hier dominiert durch die Erzählperspektive der Monolog. Sprachlich äußerst lebendig.
●Innovation: nicht avantgardistisch, poetisch, aber formvollendet wortgewandt
--> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: wie Joseph Conrad, ein Ich-Erzähler, der einem Ich-Erzähler zuhört, immersiv. Ein Ich-Erzähler als Zeuge, der die Glaubwürdigkeit attestiert. Die Perspektive ist hier konsequent durchgehalten und hält den Redeschwall auch zusammen. Es wirkt daher durch die Selektion äußerst realistisch.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): alles drei, nur tritt die Reflexion des Ich-Erzählers zugunsten der Selbstreflexion des erzählten Ich-Erzählers zurück.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: intensiv, monomanisch, rechtfertigend, explosiv
●Einschätzung: literarisch gesehen bietet „Die Kreutzersonate“ ein Modellstück für Glaubwürdigkeitserzeugung. Der Ich-Erzähler, der in der Ich-Erzählung eines anderen aufgeht, der Spiegel des Spiegels, dadurch abgeschlossen.
--> 5+1 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): relativ statischer Hintergrund, das Zugabteil, dann das wechselnde Personal, die langsame Entwicklung zum Dialog, mit einem klar herausgearbeiteten Code Enthaltsamkeit/Unzucht.
●Signal/Noise-Ratio: wenig, fast gar kein Noise, durch die hohe Dialogdichte
●Operative Geschlossenheit: klare Strukturierung, Geist/Körper, Tier/Mensch.
●Rahmenstabilisierende Details: die Zugfahrt, das Ein- und Aussteigen
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: das Crescendo Posdnyschews
●Einschätzung: die Komposition ist dennoch der Schwachpunkt der Erzählung, zu sehr darauf ausgerichtet, dass die Figur ihren Monolog hält, und der hier und da nicht einmal sehr zielführend dargestellt wird. D.h. die Erzählung hat Längen, und die werden literarisch nicht ausgeglichen. Die Komposition rettet jedoch das Gesagte vor einer Predigt, indem die Figur selbst narrativ untermauert wird, d.h. das Gesagte wird vielschichtig durch das Arrangement.
… anders gesagt: ein Mörder spricht, jemand, der seine Frau getötet hat, deshalb besitzt das, was er sagt, bereits eine schillernde Qualität, und die Ruhe des Ich-Erzählers als Kontrapunkt unterläuft die Apodiktizität Posdynschews. Hinzu die Kreutzersonate als Themenkomplex, ein Duett Klavier/Geige, bei dem kein Instrument das andere dominiert, eine wuselige, harmonische Juxtaposition.
--> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: beeindruckende Raserei, beeindruckende Figur, die sich selbst zerredet, quasi kommunikativ entblößt und als Gesprächspartner zerstört, dementsprechend bricht er am Ende auch zusammen und entschuldigt sich für seine Brachialität. Es geht um die Maske, inwiefern der Schein etwas schützt, inwiefern die Wahrheit nicht nackt ausgesprochen werden kann, ohne selbst Teil des Kritisierten zu werden. Das Weg-Reißen zerstört auch ihn als Sprecher, er schweigt am Ende, ohne etwas noch in den Händen zu haben, ja, auch ohne auf Verständnis gestoßen zu sein.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, stimmig, rasend
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? vielleicht, teilweise zu essayistisch
--> 4 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] - 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] - 5
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] - 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] - 0
●Einschätzung: klar in die Linie der pädagogischen Literatur, in Reinform.
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