Dieses Buch habe ich 1994 gekauft und ungelesen ins Bücherregal gestellt. Und wie schön, dass es nichts ausmacht, ob man es dreißig Jahre früher oder später liest.
Es handelt sich um eine kleine, solide Biographie von einem Mann, der Tolstoi offensichtlich verehrt, und immerhin genügend eigenen Ruhm gesammelt hatte, um seiner Bewunderung Gewicht zu geben.
Am liebsten würde ich sofort irgendwas von Tolstoi lesen. Und viel mehr kann man von einer Biographie nicht verlangen.
Am interessantesten das Kapitel über Tolstois Verhältnis zu Kunst. Den modernen Kunstglauben habe Tolstoi für einen Mordshumbug gehalten. Seine Ansichten zu den Künsten und zu Künstlern waren, sagen wir, exzentrisch. Die Malerei beurteilte er vom Hörensagen, für die Musik hatte er zwar mehr Verständnis, sagt Rolland, aber auch sie kennt er kaum. Außer Air von Bach, dem Nocturno in Es-Dur von Chopin und etwa zehn Stücken von Haydn, Mozart, Weber und Beethoven „kann alles übrige zurückgewiesen werden und mißachtet werden als eine Kunst, die die Menschen entzweit.”
In einem Buch über Shakespeare versuchte er zu beweisen, dass dieser „nicht einmal als Schriftsteller vierter Ordnung betrachtet werden kann.“ (S. 126) König Lear ist ein albernes Werk mit Geschöpfen ohne jeden Charakter. Tolstoi habe nicht genug Verachtung für jene deutschen Kritiker aufbringen können, die „Shakespeare erfanden“.
Man beachte, sagt Rolland dazu, dass Shakespeare wirklich viele Fehler gehabt habe, die wir einzugestehen, nicht aufrichtig genug sind. (Die gekünstelte Art der dichterischen Sprache, zum Beispiel.)
Und dies hat Rolland den Kritikern zu entgegnen, die Tolstois Philosophie als unoriginell und utopisch empfanden: „Ein Prophet ist ein Utopist. Und dass diese Erscheinung uns vergönnt war, dass wir in unserer Mitte den letzen der Propheten sehen durften, dass der größte unserer Dichter von diesem Glorienschein umgeben ist – das ist, wie mir scheint, eine originellere Tatsache und von größerer Bedeutung für die Welt als eine Religion mehr oder eine neue Philosophie.”
Zum Schluss wieder Tolstoi: „Man muss Gott dafür danken, wenn man unzufrieden mit sich ist. Könnte es nur immer so sein!”
7/10