"Die Essays in diesem Band zeigen anschaulich und faszinierend, wie aus der scharfsinnigen Beobachtung von Allerweltsdingen überraschende Philosophie erwächst. Der Autor betrachtet leere Sektflaschen und gelangt zur Dialektik von Theorie und Praxis. Er beschreibt einen Topf oder eine Bauernsuppe, und schlagartig werden kosmologische Probleme wie Schöpfung und Evolution klar. Er sieht ein Schachbrett oder einen Baumast, und am Ende stehen tiefe Einsichten in Wahrheit, Moral und menschliche Geschichte."
Vilém Flusser was a philosopher born in Czechoslovakia. He lived for a long period in Brazil and later in France, and his works are written in several different languages. His early work was marked by discussion of the thought of Martin Heidegger, and by the influence of existentialism and phenomenology. Phenomenology would play a major role in the transition to the later phase of his work, in which he turned his attention to the philosophy of communication and of artistic production. He contributed to the dichotomy in history: the period of image worship, and period of text worship, with deviations consequently into idolatry and "textolatry".
Flusser was born in 1920 in Prague into a family of Jewish intellectuals. His father, Gustav Flusser, studied mathematics and physics (under Albert Einstein among others). Flusser attended German and Czech primary schools and later a German grammar school.
In 1938, Flusser started to study philosophy at the Juridical Faculty of the Charles University in Prague. In 1939, shortly after the Nazi occupation, Flusser emigrated to London to continue his studies for one term at the London School of Economics and Political Science. Vilém Flusser lost all of his family in the German concentration camps: his father died in Buchenwald in 1940; his grandparents, his mother and his sister were brought to Auschwitz and later to Theresienstadt where they were killed. The next year, he emigrated to Brazil, living both in São Paulo and Rio de Janeiro.
In 1960 he started to collaborate with the Brazilian Institute for Philosophy (IBF) in São Paulo and published in the Revista Brasileira de Filosofia; by these means he seriously approached the Brazilian intellectual community. During that decade he published and taught at several schools in São Paulo, being Lecturer for Philosophy of Science at the Escola Politécnica of the University of São Paulo and Professor of Philosophy of Communication at the Escola Dramática and the Escola Superior de Cinema in São Paulo. He also participated actively in the arts, collaborating with the Bienal de São Paulo, among other cultural events.
Beginning in the 1950s he taught philosophy and functioned as a journalist, before publishing his first book Língua e realidade (Language and Reality) in 1963. In 1972 he decided to leave Brazil.
He lived in both Germany and the South of France. To the end of his life, he was quite active writing and giving lectures around media theory. He died in 1991 in a car accident, while visiting his native Prague to give a lecture.
Nach Flusser nutzt die Phänomenologie eine Technik, die man mit Bertold Brecht ,Verfremdung‘ nennen könnte: das Gewöhnliche und das Triviale in eine neue Perspektive zu bringen, die das Ungewöhnliche und das Nicht-Triviale zum Erscheinen kommen lässt.
Diese Technik wendet Flusser in dieser Sammlung von Aufsätzen an konkreten Dingen der menschlichen Umwelt. Bei jeder Analyse eines Dinges werden differente Aspekte des menschlichen Daseins erhellt. Oft (aber nicht nur) geht es bei Flusser darum, die Kulturbedingtheit unserer Existenz hervorzuheben. Der Mensch ist seiner Natur nach ein unnatürliches Wesen. Es existiert für ihn also keine reine Natur, denn alles scheinbar Natürliches entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kulturbedingt (vgl. bspw. den Aufsatz „Gärten“).
Nicht alle Aufsätze in diesem Buch scheinen mir gut gelungen. Aber das ist einerseits eine Meinung, die durch persönliche Interessen, Vorkenntnissen, Vorlieben geprägt und durch allerlei Arten persönlicher Grenzen bedingt ist. Andererseits zeigt das, dass nicht alle Dinge sich anhand dem Prozess der ,phänomenologischen Verfremdung‘ (wie man es nennen könnte) Bedeutung erlangen. Am besten haben mir die Aufsätze gefallen:
- „Flaschen“: ein hervorragendes Beispiel, zu welchen interessanten Ergebnissen die Anwendung der Methode des philosophischen Fragens an Alltagsdingen, wie etwa die Form der Weinflasche, führen kann;
- „Schach“: der von der Schwierigkeit und gar Unmöglichkeit handelt, kulturellen Angewohnheiten bei der Betrachtung von Dingen (etwa dem Schachbrett und seinen Figuren) zu entgehen, und hiermit den Beweis liefert, dass phänomenologisches Beobachten nicht mit dem reinen Datum zu tun hat, sondern immerzu und trotz allem Bemühen mit kulturellen Phänomenen;
- „Stöcke“: der alle Möglichkeiten ausschöpft, wie ein Mensch in einen Wald treten und gehen kann, die wiederum Möglichkeiten des In-der-Welt-seins sind, die dem Menschen allein gegeben sind und sein Wesen ausmachen.
- „Räder“: der eine Kritik an dem dehumanisierenden technologischen Fortschritt unserer Epoche, wo wir bloß Zuschauer und nicht mehr Akteuren der Geschichte geworden sind, die sich anhand von technologischen Erfindungen automatisch abspielt. Das hat mich sehr an Günther Anders’ Die Antiquiertheit des Menschen erinnert.
- „Töpfe“: der eine gute Metapher (ist das eine?) für das theoretische Schauen erfindet, nämlich Töpfe als Formen (Ideen, eida), die durch Materie (hyle Unverzichtbar sind auch die drei theoretischen Aufsätze des Buches:
- „Dinge in meiner Umgebung“: der eine Klassifikation der Dinge anstellt in Apparate, dummes Zeug, Werte und die natürliche Dinge. Dummes Zeug (unnützliche Dinge) weist in unserer Epoche immer mehr die Tendenz aus, Abfall, sprich Müll zu werden. Flusser legt damit das Desiderat einer Müllphilosophie offen.
- „Das Unding I“ und „Das Unding II“: Beide Zeitdiagnose der technologischen Gesellschaft und der Veränderung des Menschen durch die Verwendung der neuen Informationstechnologien. Höchstinteressant ist hierbei Flussers Analyse des Tastendrückens als Symptom der technischen Wende und des damit assoziierten Begriffs der Freiheit (eine Analyse, die er auch in Für eine Philosophie der Fotografie durchgeführt hat).
Die deutsche Version enthält auch einen informativen Aufsatz von Florian Rötzer, der vor allem die Zentralität der Gesten bei Flusser betont.