Wenn es nicht auf dem Buchcover stehen würde, ich könnte es kaum glauben, dass diese Erzählung von Tolstoi ist. Ohne Wissen über den Autor hätte ich vielleicht noch wohlwollend einen Stern mehr gegeben für die schöne Sprache. Aber wenn ich mir überlege, unter welchen Absichten Tolstoi dieses Buch geschrieben hat, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als es rundherum abzulehnen.
Tolstoi war noch gar nicht so alt, als er es schrieb, gerade mal 30 Jahre. Familienglück zählt noch zu den frühen Erzählungen. Aber Mitte des 19. Jahrhunderts galt man da wohl schon als alter Junggeselle, wenn man über 10 Saisons vorüber streichen ließ, ohne eine passende Frau gefunden zu haben. Tolstoi wollte sich um sein Gut kümmern, den Bauern helfen und auch eine Familie gründen. Die jungen Frauen in seinem Leben boten ihm nicht die entsprechende moralische Beständigkeit, die er erwartete. Zu einer ansehnliche Dame kappte er die Beziehung, weil er sie als zu oberflächig und lustorientiert sah. Dagegen schwärmte er von einer 10 Jahre älteren Freundin, die bezogen auf Intelligenz und Redlichkeit genau seinem Geschmack entsprach, aber halt zu alt zum Heiraten. Unter diesen persönlichen Voraussetzungen setzte er sich nun an diese Erzählung, um zu zeigen, was für ihn Familienglück, oder genauer Eheglück bedeutet:
Mascha, die Ich-Erzählerin, beginnt ihre Rückschau auf ihr Eheleben als sie 17 Jahre alt ist und sich in den überaus sympathischen Freund Sergei ihres verstorbenen Vaters verliebt. Der ist (wie ungefähr Tolstoi) Anfang 30 und hat auch mit der Hoffnung auf eine Ehe abschlossen (wie Tolstoi). Das hinsichtlich des Alters ungleiche Paar kommt sich nach vielen Jo-Jo-Spielchen dann doch näher, er glaubt nicht an ihre Liebe an einen alten Mann, sie verzweifelt an seiner Ungläubigkeit und will nur ihn. Da greift der Realist Tolstoi aber ganz tief in die Romantikkiste. Als sie nach der Hochzeit eines Tages nach St. Petersburg reisen, erregt die hübsche Mascha die Aufmerksamkeit der Gesellschaft und wird zum Blickfang auf den Bällen. Doch ihr ach so treuer und guter Ehemann findet diese Eitelkeit nur abstoßend. Eine letzte Einladung zu einem Ball mit dem Prinzen bringt dann das endgültige Zerwürfnis. Sie will ihre Teilnahme für ihn und seine Ansichten "opfern", und er kann sich gar nicht genug über ihre Jugend und Unerfahrenheit aufregen, wenn sie von einer Opferbereitschaft spricht.
Die Beiden leben sich auseinander (sie bekommen aber nebenbei zwei Söhne, was wohl trotz der Distanz offensichtlich körperlich nach wie vor möglich ist). Nach einer Fast-Affäre beim Kuraufenthalt in Baden-Baden erkennt Mascha ihre Fehler und kehrt reuig zu ihrem Mann zurück. Sie hält ihm vor, dass er sie nicht ausreichend vor den Gefahren des gesellschaftlichen Lebens bewahrt hat. Sie erkennt nun erst ihr Glück, welches vollständig im Muttersein liegt. Die Liebe zum Ehemann bleibt aber (für immer) gekühlt, wenn auch nicht erkaltet. Nichts wird mehr wie früher sein.
Fazit:
So sieht also Tolstoi das Familienglück. Eine selbstbewusste, eigenständige Ehefrau ist nicht Teil seines Gemäldes. Vielmehr gehört die Frau ins heimische Haus, Sexualität spielt nur noch eine nachgelagerte Rolle, sie soll den Mann als eine moralische "Gottheit" (dieses Wort benutzt Tolstoi wirklich) ansehen, der ihr das wahre und selbstlose Leben lehrt, frei von jeden Eitelkeiten ist. Das ist ein absolut entsetzliches Frauenbild, welches Tolstoi hier aufzeigt. Wenn man seine Biografie liest, dann erkennt man, dass er diese Bild umgesetzt hat. Seine Frau, die er tatsächlich noch fand, litt unter diesem Liebesentzug und dem Patriarchat sehr, hielt aber immer zu ihm.
Tolstoi Frauen sind eigentlich immer schwache Personen in seinen Büchern. Er ist der personifizierte Antifeminist. Anna Karenina ist die einzige starke, selbstbewusste Frau (dafür lässt er sie auch besonders leiden), die ich aus seinen Werken kenne. Ich mag Tolstoi trotzdem, aber mehr für seine Beobachtungsgabe, seinen Glauben (den ich nicht immer teile) und seiner Sozialkritik. All dies kommt in diesem Buch aber nicht vor. Nach diesem Buch schrieb er in einem Brief: „Das Leben ist zu kurz, als das es ein Erwachsener mit [dem Schreiben solcher Romane] verbringen sollte. Das ist beschämend. Ich will, muss und kann etwas Anständiges tun.“ Wenn der Autor schon so über sein Werk spricht, was soll ich dann noch mehr dazu sagen...