Messerscharfe Medienkritik auf den Punkt hin kondensiert und inszeniert: ruhig, gelassen und mit vernichtendem Humor.
Inhalt: 4/5 Sterne (mediale Hetzjagd)
Form: 2/5 Sterne (schlicht)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (unaufgeregt-souverän)
Komposition: 5/5 Sterne (montiert, abwechslungsreich)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (scharfzüngig, dennoch deeskalierend)
1974 erschien Heinrich Bölls Mediensatire Die verlorene Ehre der Katharina Blum anlässlich des Sensationsjournalismus rundum die Berichterstattung über die Rote Armee Fraktion. Böll hat ihr den Untertitel verliehen: „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ und kontextualisiert hiermit auch eine Form von Rache gegen sexuelle Übergriffe, die schließlich dazu führt, wie auf den ersten Seiten der Erzählung klar wird, dass Katharina Blum einen Reporter namens Werner Tötges erschießt:
Die Tatsachen, die man vielleicht zunächst einmal darbieten sollte, sind brutal: am Mittwoch, dem 20. 2. 1974, am Vorabend von Weiberfastnacht, verlässt in einer Stadt eine junge Frau von siebenundzwanzig Jahren abends gegen 18.45 Uhr ihre Wohnung, um an einem privaten Tanzvergnügen teilzunehmen. Vier Tage später, nach einer […] dramatischen Entwicklung […] klingelt sie an der Wohnungstür des Kriminalkommissars Walter Moeding […] und gibt dem erschrockenen Moeding zu Protokoll, sie habe mittags gegen 12.15 in ihrer Wohnung den Journalisten Werner Tötges erschossen […]
In Reportstil, schnell, kompromisslos, zwischen direkter, indirekter Rede wechselnd, wenig deskriptiv, ganz auf die Abfolge der Ereignisse konzentriert, berichtet eine Erzählinstanz über diese vier Tage, in denen Katharina Blum zur Mörderin wird, ohne die Tat im geringsten zu bereuen. Ohne Psychologisierung, nur unter vorausblickender, und rückblickender Rekonstruktion wird, teilweise süffisant, teilweise entsetzt darüber Protokoll gehalten, wie die Menschen sich von Pressemitteilungen und Sensationsjournalismus beeindrucken lassen und urteilen, ohne nachzudenken:
Als [Hubert] Blorna Freitag früh gegen halb zehn mürrisch zum Frühstück kam, hielt Trude ihm schon die ZEITUNG entgegen. Katharina auf der Titelseite. Riesenfoto, Riesenlettern. RÄUBERLIEBCHEN KATHARINA BLUM VERWEIGERT AUSSAGE ÜBER HERRENBESUCHE. Der seit eineinhalb Jahren gesuchte Bandit und Mörder Ludwig Götten hätte gestern verhaftet werden können, hätte nicht seine Geliebte, die Hausangestellte Katharina Blum, seine Spuren verwischt und seine Flucht gedeckt. [… Weiterhin] las er dann, dass die ZEITUNG aus seiner Äußerung, Katharina sei klug und kühl, “eiskalt und berechnend” gemacht hatte und aus seiner generellen Äußerung über Kriminalität, dass sie “durchaus eines Verbrechens fähig sei”.
Eindrucksvoll montiert Böll in seiner Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum Einbildung, Faktentreue, rekapitulierende Schmach, Diffusion und gehässige Nachrede zu einem gelungenen Stimmungsbild einer Gesellschaft, die große Lust daraus bezieht, andere an den Pranger zu stellen. Mit hohem Tempo, sich überlagernden Kommentaren, Reflexionen und distanzierenden Einwürfen deeskaliert die Erzählinstanz diese sich auf ein Urteil kaprizierende Kommunikationssackgassen und entfaltet durch syntaktische Innovationen neue Sprachräume und Zweifel an Über-Klarheiten. Hierzu dient eine souverän ihre Montage betreibende Erzählinstanz, die den Schlüssel zu den Ereignissen erst nach und nach freigibt und so stilistisch und formal die Aussage unterstreicht, dass Klarheit und Eindeutigkeit sich stets erst im Nachhinein, wenn überhaupt, einstellt, aber sicherlich nicht im laufenden Prozess, denn: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Katharina Blum, Anfang 20, Wirtschafterin, geschieden. Hubert und Trude Blorna, Ehepaar, Hubert Rechtsanwalt, Trude Architektin, Klienten von Katharina Blum.
●Charaktere: (rund/flach) – nicht entscheidbar, da äußerliche Erzählweise, abstrakt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
-Katharina Blum (KB) geht zu einer privaten Tanzfeier, von Else Woltersheim. KB arbeitet viel, spart viel, hat einen Kredit für eine Eigentumswohnung aufgenommen, mit Hilfe des Ehepaares Blorna. Ihr erster Mann hat sich ihr sexuell aufgedrängt. Sie ist distanziert, aber einsam. Auf der Feier lernt sie einen jungen Mann kennen, Ludwig Götte, der sie nach Hause fährt und mit dem sie eine Nacht verbringt. Er beichtet ihr, ein Bundeswehrdeserteur zu sein, und sie hilft ihm, sich klammheimlich aus dem Haus davonzustehlen.
-Am nächsten Morgen, LG ist verschwunden, wird KBs Wohnung von Polizisten gestürmt und KB festgenommen. Sie erfährt, dass LG unter Verdacht steht, eine Bank ausgeraubt, sogar einen Mord begangen zu haben. Sie wird verhört, ergebnislos. KB glaubt den Vorwürfen nicht, muss ihre hohen Benzinkosten (einsame Autofahrten) und den Besitz eines sehr teuren Ringes erklären, ihre Finanzen (wegen der Eigentumswohnung) offenlegen und den Namen des Herren nennen, den die Nachbarn häufiger bei ihr gesehen haben. Den Namen des Herren und die Herkunft des Ringes will sie ungenannt lassen, weil sie Komplikationen befürchtet.
-Die Presse in Person von Werner Tötges bekommt Wind davon und schreibt einen Artikel gegen sie als „Räuberliebchen“, der sie als Teil einer terroristischen Verschwörung verleumdet, sie als eiskalt und berechnend hinstellt, die Eigentumswohnung durch Bankraub finanziert sei, und die Herrenbesuche als Hinweis darstellt, dass ihre Wohnung als ein Waffenumschlagsplatz diene. Der zuständige Reporter Tötges besucht die Menschen aus KBs Umgebung und konfrontiert sie mit diesen Verdächtigungen. KB liest fassungslos diese Artikel und wird wütend.
-Nun meldet sich Alois Sträubleder (AS), ein wichtiger Klient, bei den Blornas und verlangt von ihnen, dass sie sich um die heikle Angelegenheit mit seinem Zweithaus kümmern. Hierbei kommt heraus, dass er hinter den Herrenbesuche steht, KB den Ring geschenkt hat. HB wird wütend auf AS, zumal er sich selbst etwas in KB verguckt hat. Bevor HB aber weitere Schritte unternommen werden können, wurde LG bereits gefangengenommen, und auch die Nachricht trifft ein, dass KBs Mutter nach dem Interview mit dem Reporter gestorben ist. Die Ärzte hatte dem Reporter untersagt, sie zu stören, aber der Reporter hat ihr trotzdem Lügengeschichten über ihre Tochter erzählt.
-KB hört, dass LG gefangengenommen wurde und ihre Mutter gestorben ist. In der Sonntagsausgabe verdreht nun die Zeitung auf Betreiben des Reporters Tötges die ganze Angelegenheit, behauptet, KBs linksterroristische Unternehmungen hätten ihre Mutter in den Tod getrieben, sie hätte eine „nuttige“ Art, und sie habe sich AS aufgedrängt, um seine Karriere zu zerstören und den Schlüssel der Villa entwendet, in welchem sie LG versteckt habe, die Blornas zudem seien auch kommunistisch, Frau Blorna bekannt als die „rote Trude“.
-KB lässt sich eine Pistole geben, trifft sich mit dem Reporter Tötges zu einem Interview, um ihm auf den Zahn zu fühlen, als dieser sich aber frech an sie heranmachte, er sich ihr aufdrängte, erschoss sie ihn kurzerhand und stellte sich ein paar Stunden später der Polizei.
-Im Nachgang kommt heraus, dass LG lediglich Bundeswehrdeserteur ist und dort, nach Bilanzfälschung, Geld aus einem Safe gestohlen hat. Er hat keinen Mord begangen und ist in keine terroristische Angelegenheit verwickelt. AS und die Blornas streiten und prügeln und entzweien sich. LG und KB drohen eine Haftstrafe bis zu 10 Jahren, die Blornas geraten in finanzielle Nöte. AS passiert nichts. Blornas versuchen, Licht in die Angelegenheit zu bringen, aber beißen auf Granit.
●Kurzfassung: Die Berichterstattung einer Boulevardzeitung hetzt die Polizei gegen Ludwig Götte auf, der Katharina Blum zufällig kennenlernt. Sie hilft ihm, sich zu verstecken, da er lediglich aus der Bundeswehr desertiert ist. Am nächsten Morgen wird ihre Wohnung gestürmt und eine Hetzkampagne gegen sie findet statt, in der die Tatsachen so verdreht werden, dass sie und Ludwig plötzlich als staatsgefährliche Terroristen dastehen. In Folge der Berichterstattung stirbt Katharinas Mutter. Katharina erschießt den Reporter, als dieser ihr bei einem Interview an die Wäsche will. Sie stellt sich daraufhin.
●Diskurs: Sensationspresse, Angst vor Linksterrorismus, damals RAF. Ehe-Eskapaden, Eifersuchtsdrama.
… sehr spannend inszeniert, in Ticker-Manier, stets Häppchenweise die Handlung vorantreiben, interessant, verdichtet, raffend. Leider mit sehr typisierten Figuren und Charakteren.
--> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz: angemessen, mit vielen reißerischen Untertönen und Sarkasmus
●Stimmige Wortfelder: ja, aber langweilig
●Satzstrukturen: interessante Überblendungen, Verkürzungen, Halb- oder Fastsätze, um Geschwindigkeit und Wirrnis zu simulieren.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: die „ZEITUNG“ wird großgeschrieben, getaktetes Textbild.
●Innovation: nicht in der Sprache, die sehr alltäglich wirkt.
--> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: ja, stellt sich selbst in Frage, rekapituliert das Geschehen, luzide
●Situiert: nein, schwebt über den Dingen, im Rückblick, aber unklare Instanz
●Perspektiviert: ja, aber bewusst selegierend, gibt nur nach und nach die Information preis, auktorial.
●Erzählform: Auktorial
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich frei schwebend, aber nach dem Geschehen, rückblickend
●Erzählsicht: nur von außen, rein deskriptiv, reine Quellenanalyse
●Erzählverhalten: kommentierend (auktorial)
●Erzählhaltung: ironisch, satirisch, die Techniken der Presse als lächerlich darstellend
●Erzählverfahren: direkte, indirekte, erlebte Rede, Bericht, Dialoge – alles zusammen.
●Erzählstil: eher nivellierend
●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel, Akzente, Strukturbildnisse, Motive, ja schnelle, verschieden perspektivierte Abschnitte.
… passt sehr gut, das nüchterne, halb abgeklärte, desillusionierte, ironische Berichten und Wiedergeben, was geschehen ist. Unaufgeregt, und daher glaubwürdig, selbstreflexiv Vertrauen schaffend.
--> 5 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: wenig Beschreibung, viele Dialoge, erlebte Reden…
●Tempiwechsel: nicht wirklich, sehr hohes Tempo insgesamt, auch sehr kurz
●Extradiegetische Abschnitte: nein, nur die Welt der Erzählung wird beschrieben
●Lose Versatzstücke: nein
… aufs äußerste konstruiert, sehr gelungen montiert, mit Vorausblicken, Rückblicken, und Sicherheit verleihenden Kommentaren. Keine unklaren Gesten, kein Herumgeplauder, auf den Punkt hin erzählt, berichtet, ohne jedweden Sensationalismus.
--> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: ja, stellenweise sehr lustig.
--> 5 Sterne