Selbstdarstellung scheint heute selbstverständlich, Schüchternheit hingegen ist passé. Stimmt nicht, wie Florian Werner in seinem Bericht zeigt. Die Gesellschaft der Schüchternen ist auch im 21. Jahrhundert überraschend groß. Amüsant und formvollendet erzählt Werner von seiner Rolle als zweitgeborener Zwilling, von der Bedeutung von Kapuzenpullis, wie er seine Frau kennenlernte und warum er auch gegenüber unverschämten Kellnern zwanghaft höflich bleibt. Werner erklärt außerdem, wie Schüchternheit bei Kindern entsteht, wie der große Markt der Schüchternheitsbekämpfung funktioniert und warum Schüchternheit auch eine Stärke sein kann. Ein geistreicher, ungewöhnlicher und verblüffender Erlebnisbericht.
Wer kennt das nicht? Ein vielleicht unangenehmes Telefonat wird immer wieder verschoben, im Laden von Verkäufern angesprochen zu werden ist ein Gräuel und eigentlich möchte man sich am Liebsten den ganzen Tag verstecken. Ich zumindest kenne solche Momente, weswegen ich mich dafür entschieden habe, ein Sachbuch zum Thema zu lesen. Mich interessierte vor allem, wie man die ungeliebte Schüchternheit bekämpfen kann und wie diese Eigenschaft eigentlich geprägt wird. Anregungen habe ich dann auch eine Menge zu diesen Fragen gefunden, aber eben auch einen kleinen Wandel durchgemacht - denn warum muss Schüchternheit eigentlich immer negativ sein?
"Wenn mich jemand auf der Straße anrempelt, entschuldige ich mich natürlich. Wenn ich das Gefühl habe, beobachtet zu werden, etwa in der Straßenbahn oder einem Café, weiß ich nicht, wo ich hinschauen soll; zum Glück gucke ich aber meist sowieso auf den Boden, wo die Gefahr, dem Blick eines anderen Menschen zu begegnen, relativ gering ist [...]". (S. 9)
Der Titel Schüchtern. Bekenntnis zu einer unterschätzten Eigenschaft sagt bereits aus, um was es in diesem Sachbuch geht und welche Haltung der Autor zum Thema Schüchternheit hat. Und was der Titel verspricht wird dann auch gehalten, denn der Autor Florian Werner verpackt viele interessante Aspekte der Schüchternheit in kurze Kapitel und gibt einen Rundum-Blick über die Geschichte, die Entwicklung, die Bekämpfung oder auch die (fehlende) Akzeptanz der Schüchternheit. Der Autor gibt an, selbst schüchtern zu sein, weswegen man davon ausgehen kann, dass er die Schüchternheit in ein besseres Licht rücken möchte. Dieser Eindruck bestätigt sich dann auch auch in der Lektüre des Sachbuches. Alles wird aber fundiert dargestellt, wie man es bei einem Fachbuch auch erwarten kann.
Ich habe den Eindruck gewonnen, dass hier sehr gut recherchiert wurde, wenn es gibt viele Informationen zu allen möglichen Fragen, die man sich stellen könnte. So wird zum Beispiel beleuchtet, ob die Schüchternheit schon immer so negativ gesehen wurde und ob es in der heutigen Zeit nicht eine gewisse Tendenz gibt, Schüchternheit gar als Krankheit zu bezeichnen. Gleichzeitig haben die Kapitel oft einen ironischen oder selbstkritischen Unterton, der das Lesen zum Vergnügen macht.
Schüchtern. Bekenntnis zu einer unterschätzen Eigenschaft hat mich beeindruckt. Und zwar nicht, weil es so viel Fachwissen zu einer menschlichen Eigenschaft vorweisen kann, sondern weil in jedem Abschnitt auch immer kleine Geschichten aus dem Leben eingeflochten wurden, die die trockene Theorie in interessante Erlebnisberichte verwandelt haben. Ich habe mich in vielen Situationen wiedergefunden, was das Lesen natürlich vereinfacht hat. Warum ist Schüchternheit beispielsweise heute so negativ behaftet? Wie entsteht Schüchternheit? Und kann man dagegen etwas unternehmen? Diese und viele weitere Fragen werden in den Raum gestellt und meiner Meinung nach zu Genüge beantwortet.
Bewertung Schüchtern ist nicht nur ein Buch für Schüchterne, sondern auch für Menschen, die sich dafür interessieren, wie eine solche Eigenschaft über die Jahrhunderte hinweg bewertet wurde. Durch die persönlichen Erlebnisse des Autors entsteht ein rund herum gelungenes Fachbuch, dass sich trotz der teilweise sehr trockenen Thematik gut lesen lässt.