Wer auf dem Weg zur Arbeit jeden Morgen mit der Fähre von Europa nach Asien übersetzt (oder umgekehrt) muss in Istanbul leben. Auch dem französischen Autor Daniel Rondeau bedeuten der Blick auf den Bosporus, das Tuten der Schlepper und die alltäglichen Vorgänge an seinen Ufern sehr viel. Auf dem Bosporus finden Demontrationen an Bord von Booten statt, Ausflugsschiffe transportieren Ausflügler zu prächtigen Holzvillen und Überlieferungen berichten von Rebellen, die zur Zeit Alis des Schwarzen im Fluss ertränkt wurden.
Der Autor kann auf ein dichtes Netz an Kontaktpersonen in Istanbul zurückgreifen, die Französisch sprechen oder der französischen Kultur eng verbunden sind. Rondeau sucht das Gespräch mit Anglern, Kleingärtnern und Frühsportlern. Er entwickelt bei seinen Erkundungen einen besonderen Blick für die Lebensbedingungen der "kleinen Leute". Ein Fotograf erzählt von seiner Dokumentation der Stadtansicht noch bevor für die Trasse zum Flughafen eine Schneise in die Stadt gerissen wurde. Der Journalist berichtet von "Koffergeschäften", dem Kleinhandel russischer Besucher, von den "Nataschas" und über Nachfahren jener Zuwanderer, die einmal aus Griechenland, Italien oder Bulgarien in die Stadt der Glückseligkeit einwanderten. Die historische Verbindung zwischen Istanbul und Venedig kommt zur Sprache, wie auch die vielen Flüchtlinge, die im 19. und 20. Jahrhundert hier ein Exil fanden. Geschickt fügt Rondeau die Geschichten in sein Stadtportrait ein, die ihm seine Gesprächspartner über das alte Istanbul der Sultane erzählen. Rondeau wandert an den drei nacheinander gebauten Stadtmauern entlang und erläuft sich die Geschichte des alten Konstantinopel anhand seiner Baudenkmäler. Anekdoten von Hunden, Katzen und Tauben reihen sich an die Bedeutung der Tulpe und des Fußballs für den türkischen Nationalstolz. Rund 150 Anmerkungen zu den Zitatan im Buch weisen auf die Belesenheit des Autors und auf sorgfältiges Quellenstudium hin.
Ein lebendiges, sehr sinnliches, in prägnantem Ton geschriebenes Stadtportrait, das Istanbul auf der Liste meiner Sehnsuchtsorte nach ganz oben rücken lässt.