„Etwas Besseres als den Tod findest du überall“, so lehren uns die Bremer Stadtmusikanten, aber kaum ist die letzte Silbe des Märchens verklungen und Mutter hat den Buchdeckel geschlossen, da stehen wir schon von Zweifeln umringt: wann war das Leben das letzte Mal so einfach, wann auf einen so griffigen Nenner zu bringen; sind Märchen vielleicht „nur“ die kleinen Geschwister der Lyrik, die eigene Mittel hat, schwer Fassbares begreiflich zu machen, der Komplexität des Lebens gerechter zu werden, wenn auch um den Preis der Einfachheit?
Burnside ist Lyriker auch in seinen Romanen, seine Sprache immens ausdrucksstark und bildmächtig. Und wenn der Roman mit dem Märchen von der Spur des Teufels beginnt, so sind eben diese Fußabdrücke im Schnee am Ende doch auch die des Ich-Erzählers Michael Gardiner selbst, der in seines Lebens Mitte abgeirrt vom rechten Weg eine schottische Odyssee durchwandert. Märchenhaft ist seine Geschichte gewiss nicht und mit dem Schließen des Buches im Kopf des Lesers noch lange, lange nicht beendet.
Ein Zeitungsartikel ist es, der Michael Gardiners Leben aus der Bahn wirft. Moira Birnie, eine Jugendfreundin von ihm, hat sich mit ihren beiden Söhnen das Leben genommen, nur die 14-jährige Tochter Hazel wurde aus dem erweiterten Suizid ausgenommen. Michael, ein eremitischer Außenseiter im schottischen Fischerdorf Coldhaven, erinnert sich, ausgelöst durch das Geschehen, an seine Kindheit und daran, wie er den Tod von Moiras Bruder Malcolm Kennedy verschuldete. Wollte man den Grad der Schuld in strafrechtlicher Hinsicht bewerten, so wäre einiges in Betracht zu ziehen: die Tatsache, dass Malcolm Michael furchtbar drangsaliert hat (obschon Notwehr nicht greifen würde und ohnedies ein Notwehrexzess vorläge) spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Ermutigung einer alten Dorfbewohnerin, Michael müsse mit Malcolm die Rollen tauschen und kein Opfer mehr sein; keine regelrechte Anstiftung zum Mord sind ihre Ratschläge, aber in gewisser Weise könnte Michael es so verstanden haben. Schlussendlich wäre neben Fragen von Täterschaft und Teilnahme, Vorsatz und Fahrlässigkeit auch die Strafmündigkeit zu prüfen, aber genug von juristischen Betrachtungen, denn DIE SPUR DES TEUFELS ist ein existentialistischer Roman, der sich nicht in Wortklaubereien und Haarspaltereien verliert. Schuld und Sühne ziehen sich thematisch als ein roter Faden durch den Roman, in dem es zahlreiche Verbrechen gibt, doch ist der Horizont weit gespannt und stellt die griffige Idee einer angemessenen Strafe in Frage. Sühne findet hier statt durch die Einsamkeit des Lebens, das man führt, ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Manchmal scheint es fast auch darum zu gehen, ob es so etwas wie eine Erbsünde gibt, verstanden allerdings in dem Sinne, dass Kinder mit den Fehlern ihrer Eltern leben müssen. Klare Trennlinien und Definitionen werden einer komplexen Weltsicht oft nicht gerecht, und ob das Kind Michael Sadist oder Wissenschaftler ist, wenn es 50 Bienen in einem Glas fängt, ist nicht so eindeutig zu beantworten. Das Freilassen der Bienen jedoch kann lebensgefährlichen sein, so, wie Malcolm seine sadistischen Verhaltensweisen gegenüber Michael zum Verhängnis werden.
Auf die Hintergründe von Michaels gescheiterter Ehe mit Amanda und den Problemen, die seine Eltern als Zugezogene im Dorf hatten (und offenbar gibt es da ein dunkles Geheimnis, das nicht enthüllt wird), will ich nicht näher eingehen, obschon diese Themen die Grundstimmung im Roman definieren. Für die Romanhandlung hingegen ist es entscheidend, dass Michael sich die Frage stellt, ob Hazel seine Tochter sein könnte. „Alles beginnt, bevor wir den Beginn erkennen“, stellt er fest, und in einer Phase temporären Irrsinns kommt es zu einem gemeinsamen Roadtrip mit der 14-Jährigen, einem Ausbruch aus der Stasis der Depression, der zahlreiche Parallelen zu „Lolita“ aufweist (auch wenn Michael zunächst bezeichnender Weise an Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ denkt, ein Titel, der nichts Gutes verheißt) und der schließlich zum eigenwilligen Höhepunkt des Romans führt, wenn Michael wie eine beckettsche Figur sich die Landstraße entlang schleppt, ganz ohne die „mentale Tapete eines entschieden beigefarbenen Geistes“.
Beziehungen sind in diesem Roman das, was nie gelingt, was allen Romanfiguren das Glück erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht. Dieser nicht sehr erheiternden Aussicht steht die Natur gegenüber, eine verlässliche Größe, von der keine Bösartigkeiten zu gewärtigen sind und die dem distanzierten Michael wie schon zuvor seinem Vater zur Zuflucht wird. Ohne Frage, wir haben es in DIE SPUR DES TEUFELS mit waschechten Außenseitern zu tun, neurotisch und beziehungsunfähig. Und doch ist es gerade dieses Personal, dass uns einen Blick in menschliche Abgründe erlaubt und darauf, was das Menschsein im existentialistischen Sinne überhaupt ausmacht.
Formell fällt zunächst eine Sprunghaftigkeit im Erzählen auf, der Verzicht auf chronologische oder logische Strukturierung. Doch bald wird beim Lesen deutlich, dass die Übergänge assoziativ sind und den Gedankengängen von Michael entsprechen. So entstehen indirekte Kommentare, die das schwer Fassliche in Form einer poetischen Wahrheit greifbar machen, bis schließlich etwas so Abstraktes wie „das Leben“ ansatzweise sichtbar wird, verborgen hinter Schweigen, Missverständnissen, Irrtümern und Böswilligkeiten. Dabei bewegen sich in Burnsides Sätzen die Menschen gelegentlich wie Fremdkörper, kurze syntaktische Störungen der Natur. Schon ein Mensch ist hier mehr als genug und fraglich ist es, ob überhaupt andere Menschen jenseits des eigenen Ichs existieren.
„Dies ist die Geschichte, die es trotz aller übrigen Geschichten gibt, in ihrem eigenen Raum, in dieser privaten innersten Kammer, in der man nur den Wind als Nachbarn kennt.“
In einigen der schönsten Passagen nähert sich der so sprachmächtige Burnside dann fast einem Zustand des Schweigens an, einer Poetik der Stille, die den Melancholiker ziert.
Wofür nun steht die SPUR DES TEUFELS? Es ist die Abkehr von der Norm(alität), ein Moment des Außenseitertums, das wenn auch nur kurz Einzug ins Alltägliche hält und einen anderen Blick auf die Welt zuläßt:
„Es ist nicht Sinn und Zweck eines Spiels, eine festgefügte Realität durch eine andere zu ersetzen, vielmehr geht es darum, eine Variante anzudenken, eine Möglichkeit.“
In Zeiten der Massenmedien und der Social Networks mutet DIE SPUR DES TEUFELS wie ein Roman aus dem vorletzten Jahrhundert an, der die eine und einzige Todsünde anprangert, nämlich die, nicht man selbst zu sein. Und doch ist die SPUR zeitlos, denn, Michael Gardiner betont es mehrfach: Es gibt nur das Jetzt!