"Ich sollte nicht im Lebensfelde ringen,
Solang mein Herz nach höchster Schöne strebt,
Ich soll mein Schwanenlied am Grabe singen,
Wo ihr so gern lebendig uns begräbt?
O! schonet mein und laßt das rege Streben,
Bis seine Flut ins fernste Meer sich stürzt,
Laßt immerhin, ihr Ärzte, laßt mich leben,
Solang die Parze nicht die Bahn verkürzt.
Des Weins Gewächs verschmäht die kühlen Tale,
Hesperiens beglückter Garten bringt
Die goldnen Früchte nur im heißen Strahle,
Der, wie ein Pfeil, ins Herz der Erde dringt;
Was warnt ihr dann, wenn stolz und ungeschändet
Des Menschen Herz von kühnem Zorn entbrennt,
Was nimmt ihr ihm, der nur im Kampf vollendet,
Ihr Weichlinge, sein glühend Element?
Er hat das Schwert zum Spiele nicht genommen,
Der Richter, der die alte Nacht verdammt,
Er ist zum Schlafe nicht herabgekommen,
Der reine Geist, der aus dem Aether stammt;
Er strahlt heran, er schröckt, wie Meteore,
Befreit und bändigt, ohne Ruh und Sold,
Bis, wiederkehrend durch des Himmels Tore,
Sein Kämpferwagen im Triumphe rollt.
Und ihr, ihr wollt des Rächers Arme lähmen,
Dem Geiste, der mit Götterrecht gebeut,
Bedeutet ihr, sich knechtisch zu bequemen,
Nach eures Pöbels Unerbittlichkeit?
Das Irrhaus wählt ihr euch zum Tribunale,
Dem soll der Herrliche sich unterziehn,
Den Gott in uns, den macht ihr zum Skandale,
Und setzt den Wurm zum König über ihn. –
Sonst ward der Schwärmer doch ans Kreuz geschlagen,
Und oft in edlem Löwengrimme rang
Der Mensch an donnernden Entscheidungstagen,
Bis Glück und Wut das kühne Recht bezwang;
Ach! wie die Sonne, sank zur Ruhe nieder,
Wer unter Kampf ein herrlich Werk begann,
Er sank und morgenrötlich hub er wieder
In seinen Lieblingen zu leuchten an.
Jetzt blüht die neue Kunst, das Herz zu morden,
Zum Todesdolch in meuchlerischer Hand
Ist nun der Rat des klugen Manns geworden,
Und furchtbar, wie ein Scherge, der Verstand;
Bekehrt von euch zu feiger Ruhe, findet
Der Geist der Jünglinge sein schmählich Grab,
Ach! ruhmlos in die Nebelnächte schwindet
Aus heitrer Luft manch schöner Stern hinab.
Umsonst, wenn auch der Geister Erste fallen,
Die starken Tugenden, wie Wachs, vergehn,
Das Schöne muß aus diesen Kämpfen allen,
Aus dieser Nacht der Tage Tag entstehn;
Begräbt sie nur, ihr Toten, eure Toten!
Indes ihr noch die Leichenfackel hält,
Geschiehet schon, wie unser Herz geboten,
Bricht schon herein die neue beßre Welt."
"O der Menschenkenner! Er stellt sich kindisch mit Kindern, Aber der Baum und das Kind suchet, was über ihm ist."
Wie vermag man auch nur annähernd, den Äther, das Unendliche und Himmelsweite, aus Hölderlins göttlicher Poesie - welcher mehr vom Urgrund allen Seins, vom Ursprung aller Leidenschaften offenbart als alle wissenschaftlichen Analysen es je zu tun vermögen - zu begreifen, wenn das notwendige Mitgefühl gänzlich fehlt? Hölderlin's edle Gesichtszüge offenbaren bereits eine Physiognomie, welche stets von gigantischer Rarität war, doch seine Poesie entstammt aus einer anderen Welt!
Nicht umsonst einer meiner Lieblingsschriftsteller, vermögen die Verse dieses Dichterkönigs in mir eine Holdseligkeit von seltenster Art zu entfalten! Der Mangel an edler, erhabener und geistreicher Gesinnung unter meinen Zeitgenossen verstärken dieses Gefühl umso mehr. Diese Verse, (um nur von der äußeren Form zu reden) entquollen dem reinsten, edelsten Gemüt, diese Verse, in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit die Kunst und Formgewandtheit sogar Schiller verdunkelnd, diese Verse, bald im erhabensten Odenschwung einherwogend, bald in die zartesten Klänge der Wehmuth sich verlierend, diese Verse können viele tatsächlich mit keinem andern Wort beloben, als mit dem schaalen, alltäglichen ,,Wohlgelungen"?
Und das ist wahrlich nicht die größte Ungerechtigkeit, mit denen sich Hölderlin schon zu Lebzeiten plagen musste. Unklares Gerede und mitunter Tollhäuslergedanken! Die Fülle von tiefsinnigen Gedanken vermochten zu jeder Zeit schon nur wenige zu füllen. Auch das Jahrhundertwerk Hyperion wurde verkannt, der in der wohlklingenden Bewegung seiner Prosa, in der Erhabenheit und Schönheit der darin auftauchenden Gestalten auf mich einen ähnlichen Eindruck machte, wie der Wellenschlag des erregten Meeres oder das Donnern das dem Blitze folgt.
Hölderlin, ein göttlich-begabter, empfand den Riss den nur wenige zu fühlen vermögen, in noch viel stärkeren Maße als ich es je tun könnte, was ihn dazu verdammte, an den philiströsen Deutschen zugrunde zu gehen; gleichwohl stieg er dadurch nur umso lebhafter in den dichterischen Olymp und blickt voll Kraft und Leben kopfschüttelnd auf uns herab. Und all jenen, die der überaus modernen, dekadenten und daher beliebten Unart huldigen, die Großen kleiner, "menschlicher" zu machen, hatte Hölderlin jene Verse entgegen geschleudert:
"DAS UNVERZEIHLICHE
Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr den Künstler höhnt,
Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
Gott vergibt es, doch stört nur
Nie den Frieden der Liebenden."