Nach mehr als einem Jahrzehnt Tourleben mit seiner Band Muff Potter, einer der bekanntesten deutschen Punkbands, legt deren Sänger Nagel mit »Wo die wilden Maden graben« sein Romandebüt vor.
Der Protagonist kehrt nach einer ausgedehnten Konzert-Tournee nach Hause in einen unstrukturierten Alltag zurück. Die sozialen Kontakte außerhalb des Bandgefüges sind verkümmert, das Leben in der Heimatstadt gleicht einer permanenten Ausnahmesituation: Alltag, das ist das Leben auf Tour. Voller Leerlauf und vertaner Zeit, monoton und kräftezehrend, doch gleichzeitig auch glamourös und aufputschend.
Das Buch handelt von Zuständen, für die man einerseits keine Lösung findet und mit denen man sich andererseits nicht arrangieren kann oder will; von den Widersprüchen, die sich daraus ergeben; von dem Wunsch, mal anzuhalten und auszuruhen und der gleichzeitigen Angst davor. Der Angst, einzurosten.
»Wo die wilden Maden graben« beschreibt diesen Alltag zwischen Tour und Heimkehr in kleinen Momentaufnahmen, durchzogen von Erinnerungen an früher, an das Leben in der Kleinstadt, an die schlecht bezahlten Jobs, an fast vergessene Träume und verflossene Liebschaften. Und vor allem an die Anfänge der Band, an die Flucht vor dem erdrückenden Alltag. Der Roman weist neben diesem Einblick in den Touralltag jedoch weit über das bekannte Tourtagebuch-Schema hinaus, beschreibt er doch gerade die Langeweile und Enge im Tourbus, die Problematik des Zurückkommens und die Flucht in die Musik in einer angenehm unaufgeregten Sprache.
Thorsten Nagelschmidt, 1976 in Rheine geboren, ist Schriftsteller, Musiker und Künstler.
Bis 1993 bis 2009 war er Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter, die in dieser Zeit ein Demotape, sieben Alben und mehrere Singles veröffentlichten und über 600 Konzerte spielten. Von 1993 bis 1998 brachte er das Fanzine Wasted Paper heraus. Als Gastmusiker arbeitete er mit Künstlern wie Chuck Ragan, Kreator, Oliver Koletzki und dem hr-Sinfonieorchester. Mit seiner Linoldruckserie „Raucher“ hatte er seit 2011 deutschlandweit zahlreiche Ausstellungen.
Unter seinem Künstlernamen Nagel veröffentlichte er die Romane »Wo die wilden Maden graben« (2007, Ventil Verlag, das Hörbuch wurde von Farin Urlaub, Axel Prahl und Nagel eingelesen) und »Was kostet die Welt« (2010, Heyne Hardcore, beim Label Audiolith erschien eine musikalische Umsetzung des Romans) sowie die Sammlung von Fotos&Stories »Drive-By Shots« (2015, Ventil Verlag).
Seit 2007 gab er Hunderte von Lesungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und unterstützte internationale Autoren wie Irvine Welsh und John Niven auf deren Lesereisen. Seit Anfang 2017 ist er Gastgeber der Lese-&Labershow »Nagel mit Köpfen« in der Berliner Fahimi Bar.
Im Februar 2018 erschien sein neuer Roman »Der Abfall der Herzen« als Hardcover bei S. Fischer und als ungekürzte Hörbuchfassung bei Grand Hotel van Cleef.
Nagel, ehemaliger Leadsänger von Muff Potter, haut ein paar halb-erfundene Anekdoten raus, über das Tourleben, das Musikerdasein und die Frage, wie man das alles seinem Opa erklären soll. Vorgelesen wird das Oeuvre dann gemeinsam mit Farin Urlaub und Axel Prahl - da kann man doch nicht meckern. Jetzt soll Spotify aber auch noch Nagels neuen Roman Der Abfall der Herzen online stellen, bitte.
Mh, ich mochte das Buch schon, aber die späteren Bücher von Nagel/Thorsten Nagelschmidt, die ich bisher gelesen oder auch nur mal reingeschaut habe, sind mir dann doch raffinierter, haben zumindest mehr zu erzählen, beschreiben dichter. Aber so zwischendurch hat es mir Spaß gemacht - das Hörbuch ist auf spotify zu finden, gelesen von Nagel selbst (das gibt mir echt viel, ich liebe seine Stimme und das unaufgeregte warme Erzählen), wie auch Farin Urlaub und Axel Prahl (hat mir jetzt gar nix gegeben, aber nuja).
Ich will aber nicht verschweigen, dass mir die Verwendung des N-Wortes für einen Witz durch eine Nebenfigur sauer aufgestoßen ist. Ja, das Buch ist schon über ne Dekade alt und er schreibt über die frühen 2000er, aber um einen Schweizer Grenzbeamten lächerlich zu machen, bedarf es doch keiner rassistischen Äußerungen (der Rassismus wurde vom Autor & Protagonisten zudem nicht benannt, der betreffende Charakter sollte lediglich als spröde lustig umrissen werden, indem er nen Spruch out of character machte). Das kann und muss man anders lösen.
"Bei uns gab es keine gute Musik, schließlich komme ich aus Deutschland, nicht aus England oder Amerika. [...] als Höhepunkt gibt es eine fetzige Coverversion von Roland Kaisers frechem Evergreen >es kann der frömmste nicht in Frieden leben, wenn die schöne Nachbarin gefällt (und ihm das Schicksal vor der eigenen Haustür solche schönen Beine stellt <)
Gefällt mir auch beim zweiten Lesen extrem gut. Es ist eigentlich ziemlich schlicht, eine Art Roman gewordenes Tourtagebuch verwoben und kontrastiert mit Erinnerung des Alltags außerhalb von Touren. Mir gefällt aber zum einen Nagels Schreibe, die noch einigermaßen ungeschliffen ist und immer wieder mit tollen Ideen überrascht. Zum anderen erkenne ich in seinen Selbstbeschreibungen immer wieder auch mich selbst und kann mich daher ganz einfach gut mit dem identifizieren, wovon er schreibt (auch wenn ich leider ganz und gar kein Punkrockstar bin).
Neulich im ICE lief Nagel an mir vorbei. Im Blümchenhemd mit Aktentasche unterwegs richtung erste Klasse oder Bordbistro, wer weiß. Jedenfalls ist mir dann eingefallen dass dieses Buch schon etwas länger bei mir im Bücherregal rumsteht und hab es endlich mal gelesen. Ist halt ein Tourtagebuch und okay geschrieben. Ganz interessant aber nach 200 Seiten dann auch genug. Seine anderen Bücher habe ich besser in Erinnerung.
Alter. Dieses Buch hat Spaß gemacht. Auf Tour sein, in der Musik sein, verrückte Anekdoten. Erinnerungen an eigene Erlebnisse werden wach, Neugierde, kaum noch still sitzen können. Kribbeln. Euphorie. Tatendrang. Wieder berauscht mit Freunden unterwegs sein und dabei scheiße labern, lachen. Oder alleine den Moment genießen. Gesprochen geschrieben, wie es mir gefällt.
Für alle Fans von Muff Potter, aber auch für die, die sich für das Innenleben einer Band und dem Leben auf Tour interessieren. Und dabei auch mitbekommen, mit was für Jobs sich Musiker nebenbei noch über Wasser halten müssen.