Dort, wo ich herkomme, ist das Leben zum Leben ungeeignet.
Entsprechend sucht sich der Russe mit jüdischem Hintergrund ein neues gelobtes Land, in dem das Bier billig ist und die Penner angeblich ein stabiles soziales System vorfinden - und findet es in Berlin. Dass manches doch schwieriger ist als gedacht, und manches viel einfacher, und manches ganz und gar unbegreiflich, und anderes praktisch genauso wie vorher: das beschreibt Kaminer in seinem Buch.
"Russendisko" ist eine schwer greifbare Textsammlung. Kaminers trockendunkler Humor ist manchmal schwer zu erkennen, hin und wieder dient er eher dazu, den Wahnsinn manch alltäglicher Dinge besser hervorzuheben - ich sah ihn neulich in einer Dokumentation über die 90er Jahre im Fernsehen, und er faszinierte mich in seiner etwas lethargischen Art. Man fühlt sich in "Russendisko" in einer Melange aus Geschichtsbuch über die russischen Auswanderer - oder die russischen Einwanderer? -, über die Berliner Nachmauerfallszene und einem absurden Theaterstück mit autobiografischen Zügen des Autors. Woher Kaminer kommt und wohin er geht, und warum er das tut, bleibt offen, er sagt selbst, dass er eigentlich "zum Spaß" nach Deutschland gekommen sei. Die Auseinandersetzung mit seinen Berlinern, seien es Vietnamesen, Türken, Russen oder hin und wieder sogar Deutsche, erinnert mich in einer seltsamen Art und Weise an Kishon, der etwas ähnliches mit seinen Israelis tut, und sich auch irgendwie ähnlich liest.
Kleine Anekdoten, geschrieben in kurzen, prägnanten Hauptsätzen, bilden ein für mich spannendes Bild einer Zeit und Gesellschaft des Berlins der Jahrtausendwende. Zum Schmunzeln und Eintauchen in eine fremde Welt.