Im Island am Ende des 19. Jahrhunderts setzt die Familiensaga ein, die mit ihren sozialen und ökonomischen Konflikten bis in die Gegenwart reicht. Ein Blick in die Geschichte, der für deutsche Leser sicherlich bisweilen erstaunliche Einsichten in ein peripheres, agrarisch geprägtes und kolonisiertes Land zu teil werden lässt. Praktiken die sich in dem spärlichen Ackerbau zeigen, die sich in der Verdingung von Knechten und Mägden, im regelrecht erzwungenen Verkauf der eigenen Kinder als billigen Arbeitskräften zeigt – von dort aus erscheint der Weg entsprechend lang zunächst in die Unabhängigkeit, danach in eine Unabhängigkeit die auch der ganzen Bevölkerung soziale Rechte zu gewähren vermag.
Die Verstädterung, ökonomisch könnte man auch von der Umstellung der Fischwirtschaft auf den Export reden, brachte die Familie – mit den starken Frauenfiguren – in die Hauptstadt und deren Elendsquartiere. In kleine Hütten, in feuchte Keller unterhalb der Wohnungen der Wohlhabenderen und in die Reichweite erster Maßnahmen der Sozialfürsorge mit den gleichen Erfolgen wie zuvor: die Kinder aus den Familien nehmen und aufs „neue“ gesunde Land zum Arbeiten und Erziehen verschicken. Armut ist schließlich in der protestantischen Leistungsethik selbstverschuldet – kein Wunder, dass sich mit dieser Form der Moderne, auch eine Opposition herausbildet. Sozialdemokraten, die als einzige auf der Seite der Armen kämpfen und dann schließlich mit den Kommunisten das Bild von den Ideologien der Moderne vervollständigt:
„Olli ist ein guter Boxer, und er ist ein überzeugter Kommunist.“ „Kommunist“, sagte Ragnar. „Sind die gut im Boxen?“ „Ja“, sagte Grímur. „Sie sehen rot.“ (132f.)
Alles bleibt dabei gebunden in lokalen Kontrasten, in unterschiedliche individuelle Wege und Haltungen. So auch, wenn Olli und Ragnar, der Onkel des Erzählers, bereits zwei von drei Kommunisten sind, die Island verlassen um im unbekannten, fernen, Spanien auf Seiten der Republik im Bürgerkrieg zu kämpfen – und wie undenkbar es dabei im Rahmen des Romans scheint, dass dieses Land später als Urlaubsland für Isländer gedacht werden kann. Ragnar schafft es verwundet zurückzukehren, die dänische Botschaft – Island war in den 30er Jahren noch immer dem dänischen Königshaus unterworfen – hat ihn heimbringen können.
Trotz alles sozialen Realismus fehlt das eine oder andere surreale Element nicht, gerade wenn es um die nicht mehr erinnerbaren Ahnen geht. Die Familiensaga ist so ein Roman der Moderne, des Sozialkritischen, aber doch mit der Möglichkeit einen Blick in den Mythos zurückwerfend. Die Stimmung, die durscheinende Melancholie, lebt davon – und gepaart mit der immer mit Komik und leicht skizzierten sozialen Verhältnissen, ist das in jedem Fall ein hoch lesenswerter Roman, der tief blicken lässt.