Der Suhrkamp-Band "Gedichte" von Nelly Sachs ist eine übersichtliche von Hilde Domin kuratierte und mit einem Nachwort versehene Auswahl aus dem Gesamtwerk der Literaturnobelpreisträgerin. Auf eindringliche Weise setzt sie sich im Großteil dieser Gedichte mit dem Schicksal jüdischer Menschen im 20. Jahrunderts auseinander - schreibt schon Jahre vor Paul Celan in Versen über die Vernichtungslager der Deutschen. Auf der anderen Seite beschwört sie nach dem Krieg auf hymnische Weise Israel - bei ihr sowohl das alttestamentarisch versprochene Land wie der real neu gegründete Staat, was diesen Texten einen äußerst bitteren Beigeschmack gibt, gerade auch weil man nicht recht glauben will, dass eine Dichterin, die Flucht, Exil und den Tod vieler Familienmitglieder erlebt hat, sich so verklärend um die Vertreibung der Palästinenser*innen herumlawieren konnte. Israel bleibt in diesen Gedichten eine Utopie, die paradiesisch anmutet. Aus dem Kontext der anderen Gedichte, die eine der frühesten poetischen Auseinandersetzungen mit dem Genozid am jüdischen Volk sind, lässt sich aber erhoffen, dass Nelly Sachs, lebte sie heute, mit Schrecken auf das blicken würde, was der Staat, auf den sie so viel Hoffnung setzte, verbricht.
Auf rein technisch-literarischer Ebene sind die Gedichte großteils umwerfend schön gebaut. Das zeigt Hilde Domin in ihrem famosen Nachwort auch toll, das ich als Vorwort gelesen und als sehr hilfreich empfunden habe. Nelly Sachs' Gedichte erinnern teilweise an die der großen Else Lasker-Schüler, sind aber, laut Domin, vor allem beeinflusst durch die Übersetzung moderner schwedischer Lyrik, die Nelly Sachs im Exil produziert hat. Dass Sachs heute beinahe nicht mehr gelesen wird, ist erstaunlich und schade.