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Juli, August, September.

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Helmut Krausser Tagebuch-Projekt, angelegt auf zwölf Jahre, ist ein herausragendes Dokument deutscher Literaturgeschichte. Hier findet sich das Private neben dem Politischem, die Kulturkritik neben der Selbstreflexion, die Liebeserklärung neben der Hasstirade. Helmut Kraussers Tagebücher sind von ungeheurer Eigenwilligkeit und unabdingbar für das Verständnis seines Werks. Sie gehören zweifellos zu den Glanzlichtern des Genres.

379 pages, Paperback

First published July 1, 1998

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Helmut Krausser

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Profile Image for Klaus Mattes.
723 reviews10 followers
January 18, 2025
Mit einem Monat Mai hatte er begonnen. Inzwischen wandert er durch die Sommermonate und fährt in Urlaub. Diese Taschenbuchausgabe vereint drei der zwölf Schriftsteller-Tagebücher von Helmut Krausser, seinerzeit noch in München ansässig. Wieder sind es nicht drei aufeinander folgende Monate, sondern jeweils einer aus drei aufeinander folgenden Jahren. Es scheint Mitte der neunziger Jahre sehr viel Aufregendes in Deutschland und im Leben dieses Anfangsdreißigers nicht passiert zu sein. Singuläre Erlebnisse, Weichenstellungen, Skandale kommen nicht vor.

Die würden aber auch kaum den Charme dieser Lektüre ausmachen, die auch nach 20, 30 Jahren noch Spaß macht wie damals. Vielmehr besticht der Reichtum kurzer, cooler, lässiger Notate, der gar nicht mal so schnoddrige Ton. Dieser Auftritt: Ich bin einer unter Millionen, bloß dass ich es eben aufschreibe. Den Seher-Dichter kehrt Helmut Krausser nur selten hervor, wird sowieso von Jahr zu Jahr eher zum Plauderer. Es geht um die Spaziergänge mit seiner Beatrice, den Forst bei München, Italien, den Frankreichurlaub, bei dem man sich wonnig durch die ungewohnten Fressalien in den Supermärkten wühlte. Zurück in Bayern mundet so manches doch nicht so ausgezeichnet, wie man es sich bei durchaus hohen Preisen versprochen hatte. Oder man entdeckt: Das gibt's hier ja auch – an jeder Ecke

Krausser ist in jenen Jahren größer gewesen, als junge deutsche Literaturhoffnung, als heute. Mit „Melodien“ und „Fette Welt“ auf dem Konto. Menschen rufen an und verbieten ihm , ihren Namen noch mal in einem Tagebuch zu nennen. Die Bitte gewährend genießt er Schadenfreude: Immerhin hätte er sie vielleicht unsterblich gemacht, aber nach so einem Einspruch können sie seinetwegen gerne vergessen werden. Dass der neue große Roman „Thanatos“ ziemlich durchwachsen rezensiert wird, hatte er schon vorausgesehen. [Spätere Anmerkung meinerseits: Inzwischen habe ich „Thanatos“ gelesen und nicht wegen politischen Subtexten, sondern wegen seiner Sprache und Dramaturgie hat das Buch dazu beigetragen, dass ich mein Zutrauen zu diesem Schriftsteller verloren habe.] Doch das Stück „Lederfresse“ wird gerade weltweit aufgeführt. Krausser taucht in der Liste der bestdotierten Autoren Deutschlands auf. [Auch „Lederfresse“ finde ich heute stark überschätzt. Man ließ Krausser offenbar ein paar Jahre lang den vergnügten Tabu-Zerstörer und Tarantino des Stadttheaters geben, übersah allerdings, dass er kaum was zu sagen hatte. Kleine scharfzüngige Notizen zu Jedermanns-Erfahrungen sind da schon was anderes!]

Jetzt leistet er sich Luxus. Seinen ersten Schreibcomputer (heute grinst man, wo jede Oma ihr iPad oder Laptop hat). Die Erstausgaben einiger sehr obskurer Bücher, viele CD-Komplettierungskäufe. Vor allem Opern-Boxen. Er ist Fan von Michael Nyman und kauft alles, was er kriegen kann. Er wundert sich, wie superbillig die alten Filmklassiker als VHS-Cassetten geworden sind. Man muss schon sagen, von heute her gesehen: reichlich Geld in den Sand investiert! Er ist Kenner provinzialrömischer Münzen, hatte ein Studien von Archäologie und Kunstgeschichte abgebrochen. Also kauft er sich Originale. (Ob sich das als geschickte Geldanlage erweisen sollte, kann ich nicht beurteilen.) Außerdem ist er Schachmeister, geht regelmäßig in seinen Club und merkt missmutig, dass er zunehmend schludriger wird. (So auch in seinen Büchern, vielleicht hat er einfach zu lange zu viel zugleich gemacht.) Er schreibt ein Opernlibretto für Moritz Eggert. „Cosmopolitan“ bezahlt fürstliche Honorare für persönliche Texte über Horror oder Erotikliteratur. Eine Novelle mit Maria Callas und dem Satan in Gestalt ihres Pudels wird kommen („Der große Bagarozy“, im Tagebuch noch „Toy“ genannt.)

Alles in allem sonnige Jahre eines deutschen Dichters. Noch einmal behauptet er seine These, die neunziger Jahre seien seit Jahrzehnten die fruchtbarste Phase deutschsprachiger Literatur und die meisten der sehr guten Schreiber säßen in München und stünden sich gut mit ihm. Aus den Zwanzigerjahren des 21. Jahrhunderts rückblickend kann man diese Einschätzung kaum nachvollziehen. Wer redet noch oft über Albert Ostermaier? Der Welterfolg von Daniel Kehlmann war nicht zu ahnen. Und so merkwürdige Büchner-Preisträger wie Sibylle Lewitscharoff, Wilhelm Genazino, Martin Mosebach, Josef Winkler, Jan Wagner, Terézia Mora, Lutz Seiler oder Clemens Setz auch nicht. Auch Helmut Krausser ist irgendwann nach Berlin gegangen, heute Potsdam. Einen bedeutenden Literaturpreis hat er seit 2000 (und dem „Prix Italia“ für „Denotation Babel“) nicht mehr erhalten.

Als Appetizer könnte ich ihn kleine Unverschämtheiten über Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Marcel Reich-Ranicki, Justus Frantz oder Romuald Karmakar sagen lassen. Nehmen wird doch stattdessen was Kleines, Schlichtes, bei dem wir uns wiederfinden:

21. August 1995
Zu Hause im Kühlschrank: ein Glas mit Wildpreiselbeeren. Das Besondere: Haltbar bis März 2000. Zum ersten Mal seh ich das neue Millenium im Alltag nahen. Ich weiß noch, 1975 hab ich gedacht, es ist noch so weit hin, noch 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert.
1975 war gestern.

Aber: Wissen Sie, wie fern uns das Jahr 2050 vorkommt, bis zu dem sich in Sachen Weltklima „wirklich“ alles auf „wirklich“ der ganzen Welt „wirklich“ geändert haben muss?
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