Im Historikerstreit der späten Achtziger geriet Werner Maser auf die falsche Seite, da er Ernst Noltes comparativen Ansatz der europäischen Bürgerkriege verteidigte und damit, so die Version der Sieger aus der Münchner Schule (Broszat, Kershaw und Co.) den Nazionalsozialismus relativiert, also verharmlost habe. Aus der rechten Schmuddelecke kam Maser, in den Darstellungen der Leitmedien danach nicht mehr heraus.
Diese Darstellung stammt von 1977, also aus der Zeit als allgemein anerkannter Historiker.
Die letzte Vergleichsgröße zu den Nazi-Verbrechen ist der Vietnamkrieg, in dem sich auch so allerlei Scheußlichkeiten ereignet haben, für die kein großes Völkerrechtstribunal veranstaltet wurde.
Einfach deshalb, so Masers These, weil es nach 1945 keine echte Möglichkeit für Siegerjustiz dieses Ausmaßes gegeben hat, Korea ging unentschieden aus, der Westen verlor gleich zwei mal in Vietnam, hatte im eigenen Land aber keine Sieger zu Besuch.
Maser arbeitet sich an allerlei Unsauberkeiten der Prozessführung ab, - keine oder maximal erschwerte Akteneinsicht der Verteidiger, kurz vor Kriegsende geändertes Kriegsrecht, damit die Angeklagten sich nicht auf den Stand bis Herbst 1944 berufen konnten, falsche Zeugen, die nicht ins Kreuzverhör genommen werden durften.
Da er gleichzeitig den Spagat versucht, die Nürnberger Prozesse für grundsätzlich gut und einen durchaus ausbaufähigen Ansatz zu loben, verplempert er aber auch ziemlich viel Seiten, die er besser auf die Motivationslage der Angeklagten und ihre tatsächlichen Verwicklungen verwendet hätte. So bleibt am Ende die Einsicht, dass es an Hitler kein Vorbeikommen gab, der Führer wäre selbst für die unmenschlichen Befehle verantwortlich gewesen und die Unterschriften von Keitel, Jodl, die mit Milderungsversuchen oder Vorschlägen zur Angleichung an geltendes Kriegsrecht nicht durchgedrungen waren, bzw. die letzten zwei oder drei Jahre komplett geschnitten wurden, seien nur Teil der Protokolls oder Befehlskette gewesen.
Positiv hervorheben möchte ich noch die Herausarbeitung des Dieppe-Raids als Ausgangspunkt für allerlei Härten bzw. Racheaktionen im Umgang mit alliierten Kommandotrupps. Die Dieppe-Truppe hatte sämtliche Gefangenen ob Soldat oder Arbeiter so gefesselt, dass sich der Betreffende selbst erdrosseln musste. Erst danach ließ der rachedurstige Führer keinen Einwand bei alliierten Kommando- und Sabotagetrupps mehr gelten. Die Anweisungen für Barbarossa (Kommissarsbefehl bestanden aber schon Jahre vorher.)
Sachverhalte wie die Selbsterdrosselungsfesselung spielten halt bei den als Reaktion darauf entstandenen Befehlen eine Rolle, für die man Jodl und Keitel den Strang gab. Dönitz, den man eigentlich auch hängen wollte, hatte halt den bessere Anwalt und kam mit dem Leben davon.
Interessant vor dem Hintergrund von späteren Darstellungen wie Schultze-Ronhofs Der Krieg, der viele Väter hatte, ist der Umgang mit Anklagepunkt 1: Entfesselung eines Angriffskrieges.
Görings rege Vermittlertätigkeit im August 1939 ist ja schon bei Bullock (1952) stark dokumentiert,
auch für die Militärs bestand nicht die geringste Weltkriegstauglichkeit der Wehrmacht. Bei einem Zweifrontenkrieg wären die Munitionsbestände nach sechs Wochen erschöpft gewesen.
Für Leute, die der Ansicht sind, dass sich Hitler in einen Weltkrieg tricksen ließ*, bietet Maser auch ein paar Brosamen, lässt aber sonst keinen Zweifel am Verbrechenscharakter des Regimes zu, bewegt sich aber in Sachen allmächtiger Oberteufel eher noch auf Bullock-Niveau.
Bei der persönlchen Verantwortlichkeit einiger der Angeklagten wie eben die militärischen Lakaien Jodl und Keitel, die bei ihm Opfercharakter sind, macht er klar Abstriche. Für die Komplexität der Verwicklungen eines Albert Speer bestand 1977 noch nicht die entsprechende Sensibilität, das gilt auch für das Thema Massenvernichtung der Juden.
Alles in einem eine solide, aber überholte Darstellung, denn die Aufeckung der tatsächlichen Mechanismen des Dritten Reiches durch die Münchner Schule fand erst danach statt, obwohl Speer schon vorher bezeichnende Einblicke in die von Hitler angezettelten Rivalitäten und Parallelwirtschaften geboten hatte. Direkt nach dem Krieg schon bei Trevor-Roper, später ausführlicher. Überholt, aber auch deshalb, weil Maser, im Gegensatz zu anderen Größen der Geschichtsschreibung, die zwar in Details widerlegt werden, aber als Gesamtwerk nie veralten, keinerlei stilistischen oder literarischen Mehrwert anbieten kann.
*Spengler hatte dergleichen ja schon in Jahre der Entscheidung (1933) für die kommenden zehn Jahre angedeutet.