Isma, die sich vom namenlosen Jedermann getrennt hat und für ihre Tochter eine zweite Ehefrau und Umkümmerin für den Mann gesucht hat, richtet sich nun an diese zweite Frau, Hajila.
Sie selbst hatte mit ihm eine westliche Beziehung (Wahl, Sex vor Ehe, unverhüllt), ihn und das Land dann aber auf Grund seines Alkoholismus und der Tatsache der allgemeinen Unfreiheit der Frauen in Algerien verlassen. Ihre Emanzipation ist Ausgangspunkt für Djebars Roman, in dem Isma klar erkennbar Züge der Autorin trägt: Schulbesuch über Grundlagen hinaus, dann Studium in Paris ab 1955.
Isma zeichnet nun die zögerlichen Schritte von Hajila nach, die ihre/n Haik auf der Straße ablegt, die Sonne auf der Haut genießt und die Blicke der Stadt neu ordnen muss. Das wird von Djebar zunächst nicht politisch, sondern als individueller Genuss geschildert. Viele Bilder der fließenden Grenzerweiterung drängen sich ihr und uns auf, die wohl nur ungenügend ins Deutsche übertragen werden können. Nach und nach werden Ismas Beobachtungen allgemeiner, spüren in erlebten Beispielen aus der Kindheit die Unfreiheit der Frau auf. Gerade wegen der wirtschaftlichen Not legen manche Mütter und Omas der Emanzipation der Jungen einen Riegel vor und drängen sie zurück in den Harem: die Zweit- oder Drittehe mit reichen Männern würde alle finanziellen Sorgen beseitigen. So schält Djebar allmählich eine geknechtete Weiblichkeit in Algerien aus ihren oft poetisch gehaltenen Szenen.
Ein Vergleich mit deutschsprachiger Literatur zur gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau wäre sicher spannend. Auffällig ist bei Djebar jedenfalls der Aspekt der Gemeinschaft: Weil alle Menschen in Großfamilien existieren, sind die Verpflichtungen und Abhängigkeiten weiter verzweigt als im westlichen Kapitalismus.
Ich habe Djebars (letzten) Roman gerne gelesen und werde nach weiteren Ausschau halten.