Hansjörg Schneiders Texte zeigen Menschen und Dinge, die sich nicht fügen in den Lauf der Zeit, in seine Hektik schon gar nicht. Sie mögen zur Hoffnung oder Verzweiflung Anlass geben, aber ihr Ziel ist das nicht. Sie klagen nicht und klagen nicht an. Sie reden von dem, was wir nicht für der Rede wert halten. Sie sehen, was wir zu übersehen gewohnt sind: ein Gespräch über einen Vogel, einen Korbflechter, einen Fliederbusch, die schlafende Frau auf einer Parkbank. Keine Details, aber Einzelnes, das sich gegen das Welthistorische behauptet. Schneiders Texte sind eine Schule der Aufmerksamkeit.
Geredet wird nicht viel. Zumeist sitzen oder stehen die Protagonisten still, wenn denn so pompöse Namen überhaupt zu ihnen passen. Und wenn einer, wie der verhaltensgestörte Amselmann, mitten im Winter zu singen wagt, ruft der Autor ihn fürsorglich zur Stille. Schneiders Figuren sind damit beschäftigt, zu schauen – wie er selber. Manchmal setzt er sich zu ihnen, dann schauen sie zusammen und sind zusammen still. In ihren eindrücklichsten Momenten beschränken sich Schneiders Texte auf eine Inventur, traumlos, kommentarlos, hart: «Möwen in der Luft, Wildgänse im Schlick, draussen ein rostiger Laster.» Gerade solche Distanziertheit ist aber Ausdruck einer tieferen Sympathie des Autors zu seinen Gegenständen. Sie atmen synchron. Das bringt seine Sprache in einen unaufgeregten, gleichförmigen Fluss. Die kurzen Prosastücke sind Leichtgewichte, die ihre Leichtigkeit poetischer Arbeit, Arbeit des Weglassens und Verzichts, verdanken. Schneiders Blick ist streng, aber nicht angestrengt; er ist scharf, aber nicht zersetzend. Er nimmt es genau mit der Oberfläche der Dinge, weil es der Dichter, wie er ihn versteht, mit den Erscheinungen zu tun hat. Im Wesen behalten seine Figuren stets die ihnen eigentümliche Fremdheit, verweigern sich der Aneignung, verharren als schattenhafte Gestalten.
Ob der Autor ihnen näher kommt? Wenn er sich in den Kneipen und Cafés, in denen er schreibt, zu ihnen setzt, von Aufgehobensein redet und seine Gedanken «warm und zahm» werden, ist es wie die Erinnerung an den ersten wärmenden Mantel in seiner Jugend im Text «Niemandszeit». Er spendet nicht mehr Wärme, sondern die Erinnerung an Wärme, die die Kälte nur deutlicher macht: «Ich bin froh, hier sitzen zu können und Geschichten zu hören, wenn auch von Schicksalsschlägen und Elend. Schliesslich helfen sich Menschen mit Geschichten.» Ein Schlüsseltext ist «Der Browning», in der ein Mann erzählt, wie er angesichts von Auschwitz das Lügen verlernte, wie ihn seither Stimmen verfolgen, wie er zu schreiben begann und ein Clochard wurde.
Man tut allerdings gut daran, den Text mehr als Poetologie denn als Autobiographie zu lesen. Vielleicht, sagt der Mann zum Schluss, sei seine ganze Geschichte ja eine Einbildung, «eine Schattengeschichte». In allen Texten Schneiders ist das, was ins Licht gerät, nicht mehr als ein Schatten, und der im Licht, der ihn wirft, bleibt im Dunkeln. Der Mann in der Winterlandschaft, die Indianer im verbotenen Garten hinter dem Haus, der Jugendliche in der flüchtigen Liebesgeschichte: Alle sind sie Begegnungen des Autors mit sich im Anderen, mit dem Anderen in sich. Dazu passen die Schauplätze: Vorstadtstrassen, Stadtränder, Hafengelände, Flusslandschaften in Basel, Paris oder London. Schneider liebt Passagen, das Herbstlicht, graue Nieseltage, erste Schneeflocken, die auf der Hand rasch zergehen. Die meisten der in diesem Band versammelten Texte sind als Kolumnen für Tageszeitungen entstanden. So selten wie andere Schweizer Autoren nutzt Schneider sie zu direkten politischen Interventionen. Wenn er auf die Chemiekatastrophe von Schweizerhalle Bezug nimmt, redet er vom Jungen am Fluss, der die Aale retten will.
Das Konkrete ist bei ihm das Politische. Seine Texte haben, ohne dass sie Analysen entwickeln, dennoch politische Optionen. Sie plädieren für das, was «nicht gross, aber gross genug» ist. Das ist eine anspruchsvolle Gratwanderung, die sie leider nicht immer ohne Absturz ins Harmlose überstehen: «Und natürlich sind es Trinker. Aber sie trinken so, dass immer ein Stück Nüchternheit in ihren Köpfen zurückbleibt. Das macht sie lieb und durchsichtig wie die gute alte Zeit.» Kolumnen haben Produktionsbedingungen, die produktiv sein können. So spürt man Schneiders Texten den Zwang zur Kürze nicht an, sie lassen sich nicht hetzen. Im Gegenteil: Sie geniessen das ephemere Eintagsfliegendasein und tun so, als hätten sie alle Zeit der Welt. Sie erlahmen nur, wenn sie sie tatsächlich haben. Die grösseren, etwas naiven Konstruktionen, wie die beiden Weihnachtsgeschichten am Anfang und Ende des Bandes, reden nur vom Wunder. Die kurzen Texte sind es: das Wunder des Lichts auf den Schatten. Samuel Moser
Eine Kamera aus Worten. Nahaufnahmen von scheinbar Unscheinbarem, ein Spaziergang durch den Alltag, als Leserin ausgestattet mit der scharfen Beobachtungsgabe von Hansjörg Schneider und seiner Begabung, Beobachtetes in Sätze ohne Pathos und Schnörkel zu fassen. Eine Kunst.